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Die buddhistische Kernidee vom Nicht-Selbst

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Die buddhistische Kernidee vom Nicht-Selbst
Foto: Manfred Kremers, pixelio.de

Fakt und Fiktion

»Buddham saranam gacchami, sangham saranam gacchami, dhammam saranam gacchami – zum Buddha nehme ich Zuflucht, zur Sangha nehme ich Zuflucht, zum Dharma nehme ich Zuflucht«. So lautet die Initiationsformel im Buddhismus, die auch Wolf Schneider als 22-jähriger Mönch in Thailand rezitiert hat. Warum zum Buddha Zuflucht nehmen? Ist doch klar, von ihm stammt das alles: der Weg zur Befreiung von Leiden, der Achtfache Pfad, diese ganze ethische Lehre. Und der Dharma, das ist die Lehre oder das ewige Gesetz, der bzw. dem man folgen soll, um Leidfreiheit, Erleuchtung, Nirvana zu erlangen. Wozu aber Sangha? Wozu »die Gemeinschaft der Suchenden, Übenden«? Können wir denn nicht alleine meditieren und so die drei Daseinsmerkmale Anicca (die Veränderlichkeit von allem), Dukkha (das Leiden) und Anatta (das Nicht-Ich) erkennen?

In der Gruppe der Mitübenden fällt die Erkenntnis leichter. Da wird man zwar auch abgelenkt, aber wenn es eine Gruppe von ernsthaft Mitsuchenden ist, wird man durch sie immer wieder auf den Weg gebracht und verirrt sich nicht so leicht. Außerdem kann man in einer solchen Gruppe sich nicht so leicht was einbilden auf die eigenen Fortschritte, denn der Alltag mit den anderen ist gut geeignet, Illusionen bezüglich der eigenen, schon erreichten Reife in Sekundenschnelle zu zerstören. Darunter auch Illusionen bezüglich dessen, was mit Atta oder Atman, dem Selbst, Ich oder Ego eigentlich gemeint ist. Denn ein Verständnis der Bedeutung des Selbst gilt seit je als Kern der Lehre des Erwachten, der schon zu seiner Zeit Anattavadin genannt wurde: »Lehrer des Nicht-Selbst«.

Das Problem des Selbst

Was nun dieses Selbst ist und inwiefern es eine Illusion ist (oder sogar gottgleich, wie die Upanishaden behaupten in ihrem Diktum »Atman ist Brahman«), das hat über die Jahrtausende bis heute viele Interpretationen gefunden. Hier nun eine weitere: Das Selbst oder Ich oder Ego ist die soziale Konstruktion, die wir an die Stelle des blinden Flecks unserer Wahrnehmung setzen, um in der Gesellschaft jemand zu sein, eine wiedererkennbare, möglichst auch anerkannte, geschätzte Persönlichkeit. Ohne sie wären wir niemand, denn wer das Ich, Selbst oder Ego sucht, findet es ja nicht. Sprachlich ist es zudem nichts als die Versubstantivierung des Reflexivpronomens selbst, wie wir sie etwa in einem Satz wie »Ich betrachte mich selbst« antreffen; als solche ist sie substanzlos, ein Irrtum, zu dem unsere Sprache uns verführt. Da wir aber sozial wiedererkannt werden wollen – und für eine Menge sozialer Zwecke wiedererkannt werden müssen – brauchen wir eine Konstruktion, die den blinden Fleck unserer Wahrnehmung durch eine Gestalt überbrückt und überdeckt. Andernfalls hätte unser Weltbild an entscheidender Stelle eine Lücke.

Das lässt sich vergleichen mit der Stelle auf unserer Netzhaut, wo die Nervenleitungen von den Stäbchen und Zäpfchen der Netzhaut zusammenlaufen und gebündelt zum Gehirn gehen, die auch in gewisser Weise ein blinder Fleck ist, weil dort keine Wirklichkeit abgebildet werden kann. Der Beobachter selbst kann vom Beobachter und im Beobachter nicht abgebildet werden, das ist weder theoretisch noch technisch-praktisch möglich. Das Ich ist keine Abbildung von etwas Wirklichem, es ist eine Konstruktion, eine Fiktion, um die Lücke in unserem Weltbild zu füllen, die die Tatsache hinterlässt, dass wir uns selbst nicht abbilden können.

Fakt und Fiktion

Das Verständnis des Ich, Selbst oder Ego (was ich für diesen Zweck hier synonym verwende) als Fiktion löst nun auch das Problem, das sich dem Suchenden stellt, wenn er findet, dass die Psychologie mit ihren Therapien fast unisono ein starkes Ego herbeiführen will, während die spirituellen Praktiken fast unisono eben dieses überwinden wollen und im Ego (bzw. in der Illusion des Ich oder Selbst) sogar die Mutter aller Illusionen sehen und die Ursache der geistigen Gifte Gier, Hass und Verblendung. Die Welt zu erkennen wie sie ist, heißt Fakten zu erkennen. Inmitten all der Fakten aber gibt es eine Fiktion: das Ich. Können wir uns nun nicht einfach dieser Fiktion durch Einsicht entledigen? Sie einfach durchschauen, und dann ist sie weg, so wie der Morgennebel, wenn die Sonne aufsteigt oder eine Fata Morgana einfach verschwindet, wenn die Hitze über der Wüste nachlässt? Eben nicht. Denn diese Fiktion ist für unser ganzes soziales Leben unentbehrlich. Ohne sie sind Bindung, persönliche Liebe, Elternschaft und der ganze Rest des sozialen Lebens unmöglich.

Schauen wir uns doch die Künste an, zum Beispiel die Literatur und die Filmkunst. Der Buchmarkt wird zweigeteilt in Sachbuch und Belletristik (auf Englisch einfacher in fact und fiction) und in ähnlicher Weise die Filmkunst in Dokus und Spielfilme (documentary und fictional film). Die eine Seite beansprucht, die Wirklichkeit objektiv, real, faktisch wiederzugeben, die andere gibt zu, ihre Gestalten erfunden zu haben, auch wenn sie ihre Ideen und ausschmückenden Details aus der Wirklichkeit bezieht. Macht der Buddhismus nun faktische Aussagen, oder erzählt er uns nur Mythen, also erfundene Wirklichkeit?

Die buddhistische Kernidee vom Nicht-Selbst
Foto: Karl-Heinz Laube, pixelio.de

Der Kaiser ist nackt

Bei allem, was die buddhistischen Kulturen auch an Mythen produziert haben und weiterhin produzieren: Die Kernaussagen des Buddha beanspruchen faktisch wahr zu sein. Folglich müssen Buddhisten das Ich, Ego oder Selbst und die individuelle Persönlichkeit eine Fiktion nennen. Was aber nicht heißt, wir sollten uns dieser Fiktion entledigen! Denn damit würden wir uns aller Bindungen entledigen, aller persönlichen Liebesbeziehungen, der Fürsorge für unsere Kinder und Eltern, die ganze Gesellschaft würde ohne diese Fiktionen in sich zusammenfallen.

Fiktionen sind nicht an sich schlecht. Wenn man weiß, dass es Fiktionen sind. Wenn wir wissen, dass der Kaiser in Wirklichkeit nackt ist, darf er mit seinem ganzen Hofstaat diese Show aufführen. Und wir dürfen darüber lachen, so wie das Kind in Andersens Märchen – oder (als Erwachsene) wenigstens innerlich schmunzeln, denn ein lautes Lachen würde den Betrieb stören, und das wäre unter Umständen ethisch nicht vertretbar.

Die hohe Schule

Zurück zur Sangha: Inwiefern kann die Sangha, die Gemeinschaft der Mitsuchenden – oder, weiter gefasst: alle unserer Mitmenschen – uns helfen, die Fiktionen der sieben Milliarden Selbste zu würdigen und trotzdem dabei wahrhaftig sein, faktisch, objektiv, ohne das Wirkliche mit dem Unwirklichen zu verwechseln? Das ist es, was man in der Praxis einer Gemeinschaft lernen kann. In jeder Gemeinschaft, aber leichter in einer Sangha, also in einer Gemeinschaft von Menschen, die ebenfalls sich selbst auf die Schliche kommen, sich selbst erkennen wollen. Weil man dort leichter auf Verständnis und Unterstützung stößt. In Gesellschaft von Menschen, für die Selbstentwicklung und Selbsterkenntnis noch keine Bedeutung haben, ist es schwerer, aber auch dort ist es möglich. Dort andere Selbste zu würdigen, auch wenn sie mehr Wert auf ihre kantigen Ellbogen legen als auf ihr Mitgefühl, ist dann für den buddhistisch Praktizierenden sozusagen 'die hohe Schule' des Lebens in Gemeinschaft.

Anhaftungen können bei Paaren, in der Familie und in Freundschaften sehr schöne Fiktionen sein

Die Paarbeziehung …

Nun noch ein paar Worte zum Leben in der Paarbeziehung, die ja die kleinste Form von Gemeinschaft ist. Bei buddhistisch orientierten Paaren tritt dort manchmal eine besondere Form von Verwirrung auf: Haben sich da nur zwei Egos miteinander verbündet? Wäre es für beide die höchste Form von Weisheit, ohne Anhaftung aneinander durchs Leben zu gehen? Wenn ich dich verlasse und du dann leidest, zeigt das, dass du 'noch' sehr viel mehr anhaftest als ich und besser noch ein bisschen mehr meditieren solltest, um in Shunyata einzutauchen, in die Leere, das Nichts, das Nicht-Selbst? Nicht unbedingt. Der US-amerikanische, buddhistisch orientierte Therapeut John Welwood hat sich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt und viel dazu geschrieben, einige seiner Bücher gibt es auch auf Deutsch.

Ich meine – und stimme Welwood an diesem Punkt emphatisch zu – dass gerade bei Paaren, ebenso auch in der Familie, bei Freundschaften und bei jeder Art von menschlicher und gesellschaftlicher Bindung Anhaftung etwas sehr Wertvolles sein kann. Vor allem dann, wenn wir dabei wissen, dass wir an Fiktionen haften. Das können ja sehr schöne, liebenswerte Fiktionen sein.

… und andere liebenswerte Fiktionen

Denn unsere ganze Gesellschaft und Kultur ist aus Fiktionen aufgebaut. Eine Literatur, die nur Sachbücher enthält – nein danke. Da wären dann auch Shakespeares Dramen nicht enthalten – Romeo und Julia ist ja kein Sachbuch. Wir führen diese Fiktionen auf »Brettern, die die Welt bedeuten« auf, so ähnlich wie auch unseren dramatischen Alltag. Ohne solche Fiktionen gäbe es keine Mythen und keine Spielfilme, nicht mal Erzählungen! Die Dinge, Orte und Personen hätten keine Geschichte und damit auch keine Zukunft. Wie Quallen im Meer, die sich von der Strömung treiben lassen, würden wir im ewigen Hier-und-Jetzt dahinwabern. Nein, das kann nicht das Kulturideal des Erwachten gewesen sein.

Wir müssen Anatta anders verstehen. Die Selbste gilt es zu durchschauen, sie zu verstehen als das, was sie sind: Wie sie bedingt entstanden sind, sich interaktiv und interdependent bewegen und dann auch wieder auflösen. Sie sind nicht fest, deshalb dürfen wir sie »Illusionen« nennen. Andererseits sind sie immerhin so real wie Harry Potter und Pippi Langstrumpf, die ja in der realen Welt enorme Wirkungen hinterlassen, von Figuren wie dem christlichen Messias und dem buddhistischen Maitreya ganz zu schweigen. Und auch jede unserer – wiewohl fiktiven – sozialen Identitäten hat Wirkungen in der realen Welt der Fakten. Die Aufteilung der Darstellung von Wirklichkeit in Fakt und Fiktion ist nicht die dümmste unserer Erfindungen. Sie hilft uns auch Anatta zu verstehen – und neben Anicca und Dukkha den Sinn der Sangha auf unserem Weg.

Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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