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Wirtschaft/Politik

28 Jahre lang spirituell unternehmend – und was jetzt?

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Wolf Schneider
Wolf Schneider

Die Macht der Wirtschaft

»The economy, stupid« – »Es ist die Wirtschaft, du Dummkopf« war der Slogan des Campaign-Managers James Carville, mit dem Bill Clinton 1992 den Wahlkampf gegen George Bush senior gewann. Seitdem ist »The economy, stupid« (oder »It's the economy, stupid«) ein geflügeltes Wort in allen Bereichen, wo jemand vermutet, ein anderer habe das Wichtigste, das Wesentliche übersehen: It's the education, stupid; It's the attitude, stupid, et cetera. Was das Primat der Wirtschaft anbelangt, gilt immerhin für die meisten Wahlkämpfe in den Demokratien, dass die Wahlen in der Regel durch die glaubhaftesten Versprechen wirtschaftlicher Vorteile gewonnen werden. Oft sind es auch die für den Wahlkampf vorhandenen finanziellen Mittel, die über das Ergebnis entscheiden. Andere Motive bei den Wählern und andere Gründe für den Erfolg von Wahlkampagnen kommen erst an zweiter oder dritter Stelle. Erst das Fressen, dann die Moral, so drückte Bert Brecht diese Wahrheit aus.

Ökonomische Kräfte

Spirituell orientierte Menschen sind mehrheitlich »gegen Materialismus«, worunter sie oft eine Orientierung verstehen, dass Geld und wirtschaftlicher Erfolg das höchste aller Ziele sei. (Die These, dass die Welt aus Materie bestehe, ist eine fundamental andere, auch wenn es unter den Gläubigen der »Alles ist Materie« Weltanschauung« und der von »The money makes the world go 'round« eine gewisse Überschneidung gibt). Dass einige Überzeugungen, die in der Alltagssprache als »spirituelle« verstanden werden, mehr Erfolg haben als andere, und einige »spirituelle« Projekte sich stärker, schneller oder geografisch weiter ausbreiten als andere, hat jedoch mit den Märkten zu tun. Das können Märkte von Ideen sein, in denen Konjunkturen von Schlüsselbegriffen auf- und absteigen, es sind aber auch mächtige Märkte materieller Waren und vorhandene wirtschaftliche Strukturen, die über den oder Erfolg oder Misserfolg der einen oder anderen Idee bestimmen. Wenn auf einmal die Mehrheit der Bevölkerung an Reinkarnation glaubt, oder daran, dass es keine Zufälle gibt, glaubst du vielleicht, es handle sich hier um eine spirituelle Wahrheit, die sich allmählich – nun endlich! – durchsetzt. Ob dieser Glauben viele oder nur wenige Anhänger findet, wird jedoch vor allem von ökonomischen Kräften bestimmt.

Starke Ideen

Die zweite Behauptung, die ich hier als Beispiel herausgreifen möchte, ist der in spirituellen Kreisen und unter Motivationstrainern weit verbreitete Satz von Victor Hugo »Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist«. Ein faszinierendes Dichterwort, ähnlich charmant wie das schöne Resonanzgesetz, dessen gläubige Vertreter sich damit in Wichtigkeit und Weltbezug baden – was gut tut, es sei ihnen gegönnt. Nur wird leider beides meist wörtlich ernst genommen und dient dann als Baustein einer Weltanschauung und ist dann, zum Beispiel für Unternehmensgründer, brandgefährlich.

Bei dem Satz von Victor Hugo liegt die Tücke ein bisschen anders als beim Resonanzgesetz: Es ist eigentlich tautologisch. Wenn die Idee, von der man glaubte, ihre Zeit sei gekommen, sich dann doch als nicht sonderlich mächtig erwiesen hat, stellt man eben nachträglich fest, dass ihre Zeit wohl doch noch nicht gekommen war. Der Satz drückt Enthusiasmus aus, sonst nichts. Eine These ist er nicht, denn er ist nicht falsifizierbar. Befinden wir uns heute am Übergang zu einem Zeitalter, in dem signifikant mehr Menschen glauben, dass innere Einstellungen äußere Wirklichkeiten schaffen? Das lässt sich per Umfrage testen. Dann brauchen wir uns nicht mit denen zu streiten, die an diese Behauptung glauben oder eben nicht daran glauben.

Immunabwehr

Esoteriker haben, ähnlich den Anhängern anderer Glaubenssysteme, in der Regel eine ausreichende Immunabwehr gegen Einwände dieser Art. Sie werden nun sagen, dass ich mit Connection ja gar keine anderen Erfahrungen machen konnte »bei dem Glauben«. Wenn ich dann antworte, dass ich zu Beginn meiner Verlagserfahrung andere Glaubenssätze hatte als heute, sagen sie: Dass du nun solche Erfahrungen gemacht hast, beweist, dass du dich darin irrst. Während ich sage: Nein, es beweist, dass ich lernfähig bin.

Die Macht der Wirtschaft
Eine Esotera-Ausgabe aus dem Jahr 2007

Esotera und die Wellnessbewegung

Vor ein paar Jahren gab es schon mal eine Zeit, in der Trendgurus prophezeiten: Jetzt geht es los, die Schlüsselthemen der spirituell Bewegten erreichen den Massenmarkt! Das war die Zeit, als die Wellnessbewegung boomte. Esotera war damals mit riesigem Vorsprung Marktführer im Bereich der (esoterisch-spirituellen) NewAge-Zeitschriften, tat sich aber aufgrund verlagsinternen Missmanagements schwer, damit schwarze Zahlen zu schreiben. 1999 wurde der Hermann Bauer Verlag, dem Esotera gehörte, von einem hochprofessionellen, genauen Beobachter wirtschaftlicher Trends übernommen. Offenbar glaubte er daran, dass das nun die Richtung war, in die man gehen müsse (ich habe ihn dazu auch persönlich befragt).

Der neue Inhaber setzte Gerd Geisler, den langjährigen Chefredakteur von Esotera, ab und suchte nach einer Frau, die diese Zeitschrift in Zukunft führen solle – man war sich klar, dass diese Themen hauptsächlich Frauenthemen waren. Es fand sich jedoch monatelang keine Frau, die diesen Job haben wollte. Schließlich sagte doch eine zu. Sie hatte vorher bei Burda »jung & aktiv« geleitet (hoffentlich täusche ich mich in dem Titel nicht, die klingen für meine Ohren alle sehr ähnlich), eine Frauenzeitschrift, die dann mit einer anderen Frauenzeitschrift von Burda verschmolzen wurde.

Neugierig zu erfahren, wer da die anspruchsvolle Aufgabe übernommen hatte, den Marktführer als Chefredakteurin zu leiten, verabredete ich mich mit ihr in Offenburg am Bahnhof für ein kollegiales Gespräch. Offenherzig gestand sie mir, dass sie von Esoterik keine Ahnung habe. Ihre Tochter ginge auf eine Waldorfschule, mehr von Esoterik als man dort notgedrungen (über Anthroposophie) erfahre, wisse sie nicht und lachte dabei. Dem Verlag aber war diese Besetzung immerhin noch lieber als Gerd Geisler, obwohl der einen Anstellungsvertrag auf Lebenszeit (!) hatte. Redaktionelle Kompetenz? Zählt offenbar nicht. Wobei ich den Aspekt der Modernisierung und auch den, dass eine Frau diese Zeitschrift leiten sollte, durchaus nachvollziehen kann.

Inhalt? Is' doch egal

Hier noch zwei weitere Beispiele für die Tatsache, dass unter Blattmachern und Zeitschriftenprofis die thematische Kompetenz bei der Auswahl eines Menschen für die Rolle des Chefredakteurs kaum zählt.

Nach der missglückten Umwandlung von Esotera in eine Wellnesszeitschrift wurde der sie tragende Verlag im Jahr 2001 insolvent. Nach vielen Versuchen, die Zeitschrift aus der Insolvenzmasse heraus zu verkaufen (u.a. auch an mich) wurde sie für einen Schnäppchenpreis von einem Ostberliner Verleger übernommen. Dieser Mensch hatte noch weniger Ahnung vom Thema als die gute Frau aus Offenburg. Er wandte sich an mich und ließ sich von mir ein Angebot machen, wie eine erneuerte Esotera-Redaktion aussehen könnte. Die Durchführung aber hätte was gekostet, deshalb lehnte er ab und ließ die Redaktion von einem kettenrauchenden Kellerbewohner machen, der schon mehrere andere Zeitschriften wie am Fließband »redigierte«. Nur er, einen weiteren Menschen in der Redaktion gab es nicht. Das veröffentlichte Material waren hauptsächlich Artikel aus dem Esotera-Archiv, die bisher nicht zur Veröffentlichung gelangt waren; aus Gründen, die man sehen konnte, wenn man in »die neue Esotera« mal hineinblätterte. Dann gab es einen Chefredakteurswechsel zu einem jungen Menschen, den ich nur vom Telefon her kannte, ich glaube es war ein Philosophiestudent. Das ging dann noch ein paar Jahre so dahin, mit sinkenden Verkaufszahlen, bis diese Zeitschrift, der einstige Marktführer, als Periodikum verendete.

Vor ein paar Tagen rief mich ein Unternehmer an, der meinen Verlagsnewsletter über »Popspiritualität« gelesen hatte. Er dachte sich: Wow, Happinez rechnet sich! Happy Way setzt nach, mit viel geringerem Aufwand. Da setzen wir ein zweites me-too-Produkt hinterher – machst du mit? Er würde mich als bezahlten Berater engagieren, da ich doch wie kein anderer die Szene kennen würde.

Die Unternehmer, die da auf dem Markt ihr Glück versuchen, sind weder dumm noch schlecht. Sie folgen einfach der Maxime, dass es für den wirtschaftlichen Erfolg auch bei Zeitschriften und Büchern auf die inhaltliche Qualität des Produktes kaum ankommt. Es kommt aufs Marketing an.

Gibt es Ausnahmen? Doch, die gibt es. Von den Mainstream-Zeitschriften möchte ich da jetzt nur »Geo« nennen. Es gibt aber noch ein paar andere, die ich sehr schätze. Jedenfalls gibt es durchaus Medienprodukte, wie selten auch immer, die inhaltlich höchste Qualität haben und dabei einen phänomenalen Massenerfolg erreicht haben, wie etwa die Songs der Beatles.

Du kannst machen, was du willst, es rechnet sich einfach nicht. Dass Connection trotzdem existiert, ist ein Wunder.

Connection – ein Wunder?

Zurück zu meinem eigenen Projekt, der Zeitschrift Connection. »Hast du gute Berater gehabt?«, werde ich immer mal wieder gefragt. Ich habe ja keinerlei wirtschaftliche Ausbildung, geschweige denn in der Druck-, Verlags- oder Medienbranche. Mein Bedürfnis nach Beratung war deshalb von Anfang an stark.

Ich möchte hier nur einen nennen, meinen ersten richtigen Unternehmensberater. Er hat Connection ein, zwei Jahre lang als bezahlter Berater begleitet, blieb uns danach freundschaftlich verbunden und sagte immer mal was zur aktuellen Situation. Er kam aus der Führungsgruppe der Gruner&Jahr Manager, hatte sich irgendwann für Selbsterfahrung und alternative Therapien interessiert, Sannyas genommen (was nicht alle bei G&J schätzten, wie man weiß; auch Jörg-Andrees Elten, der Autor von »Ganz entspannt im Hier&Jetzt« kommt aus diesem Nest). Wir wurden Freunde, und dann beriet er mich. Sein Fazit nach einer ersten, umfangreichen Untersuchung aller unserer Geschäftszahlen und der vorliegenden Marktchancen: Es rechnet sich nicht. »Du kannst machen, was du willst, es rechnet sich einfach nicht. Dass Connection trotzdem existiert, ist ein Wunder. Wenn du an dieses Wunder glaubst, mach weiter – es gibt sie ja, diese Zeitschrift, und manchmal gibt es Wunder.«

Die Jahre danach hatte ich noch mehrere weitere bezahlte Berater (die unbezahlten Beratungen, mit denen ich ständig überschüttet wurde und noch werde, möchte ich hier nicht im Einzelnen nennen). In all den »beratenen« Jahren schrieb der Verlag rote Zahlen, nur einmal eine schwarze Null. Irgendwann hatte ich es satt, mich beraten zu lassen. Anfang der 00er Jahre war das. Seitdem schreibt der Verlag (mit bisher nur einer Ausnahme, dem »roten« Jahr 2011) schwarze Zahlen. Historischer Zufall? Sowas wie der Südwind, der grad einsetzte, als der Patient spontan von Krebs geheilt wurde? Ich weiß es nicht, halte es aber durchaus für möglich, dass die Beratungen mich meiner eigenen Intuition gegenüber haben zu skeptisch werden lassen.

Und wie geht es weiter mit Connection?

Connection ist zwar die älteste transkonfessionelle spirituelle Zeitschrift auf Deutsch, aber sie ist, wie ich schon öfter schrieb, nicht im üblichen Sinne ein ökonomischer Erfolg. Liegt das am Markt? Oder liegt es an meiner Person? Oder daran, das die Thematik zu anspruchsvoll ist für die Massen? Viele halten den dritten für den triftigsten Grund. Grad heute schrieb mir wieder ein langjähriger Leser, Connection Spirit sei »zweifellos das intelligenteste und tiefgehendste Produkt auf dem spirituellen Markt«. Schön zu hören. Mal angenommen, er hat damit recht: Wäre das für den ökonomischen Erfolg eher ein Bonus oder ein Malus?

Hierzu meine These: Der Erfolg von Zeitschriften liegt auch im Falle von Connection hauptsächlich an Eigenschaften des Marktes, die es richtig einzuschätzen gilt. Die Person, die eine Zeitschrift gründet und dann vielleicht auch führt, ist weitgehend austauschbar. Im Falle von Connection mag diese Person besonders hartnäckig und ausdauernd ihre Ziele verfolgt haben – nunmehr 28 Jahre lang, unter höchstem persönlichen Einsatz. Sie mag außerdem ein Multitalent sein und ein Stehaufmännchen. Ansonsten halte ich diese Person (mich selbst) eher für normal. Jedenfalls bin ich nicht jemand, der trotz besten vorstellbaren Coachings jahrzehntelang an Glaubenssätzen festhält, die die eigene Zielerfüllung blockieren.

Wie geht es weiter? Ist die Idee von Connection stark genug, dass ihre Zeit gekommen ist? Oder müssen wir sie begraben, weil ihre Zeit offenbar noch immer nicht gekommen ist? Wir haben durch unseren Rettungs-Aufruf von Mitte April bis Mitte Mai mehr als 150 Neuabos bekommen (von Connection Spirit) und auch sonst sehr starke und fast ausnahmslose positive Resonanz. Danke dafür!!! Es geht also weiter. Wir brauchen jedoch auch weiterhin Unterstützung von unseren Lesern, zum Beispiel in der Form eurer Empfehlungen. Nichts hilft so sehr wie eine persönliche Empfehlung. Auch Abos von Connection Tantra und Connection Schamanismus helfen uns. Zur Zeit (Mai-Juni 2013) ist Tantra am meisten gefragt, aber auch, nach wie vor, Connection Spirit. Obwohl unsere Texte in allen drei Periodika überwiegend »für Fortgeschrittene« sind.

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Wolf Schneider

   
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