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Wirtschaft/Politik

Die Transcent-Methode

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Um die Formation der Gewalt zu erfassen, mag das folgende Dreieck von Nutzen sein:

Das Dreieck der Gewalt

Das Dreieck der Gewalt

Die direkte Gewalt, ob physisch und/oder verbal, ist als Verhalten sichtbar. Doch menschliche Handlungen kommen nicht aus dem Nichts; sie haben ihre Wurzeln. Zwei davon wollen wir andeuten: eine auf Gewalt basierende Kultur (heroisch, patriotisch, patriarchalisch, etc.) und eine Struktur, die selbst gewaltsam ist, indem sie zu repressiv, ausbeuterisch oder entfremdend oder aber auch zu eng oder zu lose für die Menschen ist.
Das weit verbreitete Missverständnis, dass Gewalt der menschlichen Natur inhärent sei, lehnen wir ab. Ein Potential für Gewalt ist, ebenso wie ein solches für Liebe, in der menschlichen Natur enthalten; Umstände bedingen die Verwirklichung solcher Potentiale. Gewalt ist nicht etwas wie Essen oder Sex, die man mit kleinen Unterschieden auf der ganzen Welt verbreitet findet. Die großen Unterschiede bezüglich Gewalt(anwendung) kann man mit den Aspekten der Kultur und der Struktur erklären: Strukturelle und kulturelle Gewalt sind die Ursachen direkter Gewalt, mittels gewalttätiger Akteure, die gegen die Strukturen revoltieren, und einer Kultur zur Legitimation ihres Gebrauchs von Gewalt als Mittel. Der Friedensprozess muss auf dieser Ebene in Gang gesetzt und ausgebaut werden, nicht nur im »Kopf« des Menschen. Strukturelle und kulturelle Gewalt sind die Ursachen direkter Gewalt. Direkte Gewalt verstärkt strukturelle und kulturelle Gewalt.
Allerdings ist im Dreieck der Gewalt ein Teufelskreis enthalten. Die sichtbaren Auswirkungen direkter Gewalt sind bekannt: die Getöteten, die Verwundeten, der materielle Schaden, alle zunehmend im Zivilbereich. Doch die unsichtbaren Auswirkungen sind möglicherweise noch schlimmer: Direkte Gewalt verstärkt strukturelle und kulturelle Gewalt. Die wesentlichsten Faktoren sind der Hass und die Rachsucht, die sich unter den Verlierern breitmachen, und die Sucht der Gewinner nach mehr Siegen und weiterem Ruhm; und auch die Macht, die von den Gewaltanwendern ausgeht. Die Menschen spüren das und sind »militärischen Lösungen« gegenüber skeptisch, sie suchen nach »politischen Lösungen«. Letztere konzentrieren sich oft auf strukturelle Probleme wie geographische Grenzziehungen. Unberücksichtigt bleibt der kulturelle Aspekt, einschließlich der Möglichkeit, dass das Ziehen von Grenzen in der Geographie Grenzen im Geist bedingt und auch verstärkt. Solche Grenzen legitimieren wiederum direkte Gewaltanwendung in der Zukunft.
Außerdem kann es möglich sein, dass die geographische Fragmentierung die vertikale strukturelle Gewalt der Unterdrückung und Ausbeutung der Minderheiten innerhalb eines Nationalstaates durch die horizontale strukturelle Gewalt eines »zu lose« ersetzt. Auch wenn wir uns jetzt in einer Phase interner Nachfolge- und Revolutionskriege befinden, könnte diese lose Nebeneinander bald zu einem neuen Abschnitt externer Kriege zwischen neu geschaffenen Staaten führen.
Allerdings sinkt mit einem Waffenstillstand häufig die Motivation, etwas zu unternehmen, dramatisch. Eine These drängt sich auf: Wenn gewalttätige Kulturen und Strukturen direkte Gewalt hervorbringen, dann reproduzieren solche Kulturen und Strukturen auch direkte Gewalt. Der Waffenstillstand wird zu nichts anderem als einer Periode zwischen Kriegen; einer Illusion, die einem Volk, das zu viel Vertrauen in seine Führer hat, vorgegaukelt wird. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit stellt sich im Kielwasser des folgenden Widerspruchs ein: Gewaltsame Strukturen können nur durch Gewalt verändert werden; doch führt diese Gewalt zu neuen Gewaltstrukturen und verstärkt zudem eine Kultur des Kriegeführens.
Ein Weg aus diesem Dilemma könnte darin bestehen, dass man die erste Aussage bestreitet, dass die (unterdrückende, ausbeuterische) Struktur nur durch Gewalt verändert werden könne, die selbst ein Teil der Kultur der Gewalt ist. Ist der Gegensatz nicht zu scharf, dann kann eine demokratische Politik ausreichen. Ist der Gegensatz sehr scharf  d.h. ist der »wohlerworbene Anspruch« auf den Status quo für einige ein erhebliches Faktum, so wie es etwa eine leidvolle Existenz hinsichtlich der grundlegendsten Überlebensbedürfnisse, des Wohlergehens, der Freiheit und der Identität für die Mehrheit oder die Minderheit ist (in letzterem Fall legitimiert vielleicht die mehrheitliche Demokratie den Status quo)  dann kann eine Politik der Gewaltlosigkeit im Sinne Gandhis die zutreffende Antwort sein.
Ein wesentliches Problem besteht darin, dass (parlamentarische) Demokratie und (außerparlamentarische) Gewaltlosigkeitsbestrebungen nur in einigen Teilen der Welt Teil der politischen Kultur sind  für die Demokratie (die in ihren Konsequenzen auch gewalttätig sein kann) trifft das übrigens häufiger zu. Jedoch verbreiten sich beide rasch und schließen einander nicht aus.

»Tugendkreis« der kombinierten Konfliktlösung:

a. Lösung des zugrunde liegenden Konflikts;

b. Rekonstruktion nach der direkten Gewaltanwendung;

c. Versöhnung der Konfliktparteien. In diesem Komplex von Teufelskreisen können wir nun drei Probleme bestimmen, die nur gelöst werden können, indem man den Teufelskreis in einen »Tugendkreis« verwandelt:
a. Das Problem der Lösung des zugrunde liegenden Konflikts;
b. das Problem der Rekonstruktion nach der direkten Gewaltanwendung:

  • Rehabilitation nach den an den Menschen angerichteten Schäden,
  • materieller Wiederaufbau nach den materiellen Schäden,
  • Restrukturierung nach den strukturellen Schäden,
  • Rekulturierung (kultureller Wiederaufbau) nach den kulturellen Schäden;
  • c. das Problem der Versöhnung der Konfliktparteien.

    Dabei lautet unsere grundlegende These: Rekonstruktion und Versöhnung ohne Lösung des zugrunde liegenden Konflikts ist kontraproduktiv.

    Dabei lautet unsere grundlegende These: Rekonstruktion und Versöhnung ohne Lösung des zugrunde liegenden Konflikts ist kontraproduktiv. In diesem Sinn kann man Hegels Position als den Versuch sehen, für eine Versöhnung zwischen Herrn und Knecht zu argumentieren, ohne eine Konfliktlösung vorzuschlagen; Marx wiederum steht für eine Konfliktlösung ohne Versöhnung. Rekonstruktion ohne Lösung der Ursachen für die Gewalt führt nur zu ihrer Reproduktion. Erforderlich wäre eine kombinierte Theorie und Praxis aller drei Problempunkte.
    Doch was bedeutet »kombiniert«? Es bedeutet, wenn wir davon ausgehen, dass die Gewaltanwendung bereits stattgefunden hat, eher ein synchronisches Vorgehen als ein diachronisches, lineares Eines-nach-dem-anderen. Das bringt zwei Modelle ins Spiel: drei separate Wege für jede Aufgabe; ein gemeinsamer Weg für alle drei Aufgaben.
    Das erste Modell ordnet die Konfliktlösung den Juristen-Diplomaten-Politikern zu, die Rekonstruktion den »Entwicklern« und die Versöhnung den Theologen und Psychologen. Das zweite Modell versucht diese Aufgaben zu einer einzigen zu verschmelzen, die auf der Hypothese basiert: Die Versöhnung wird am besten gelingen, wenn die Parteien bei der Konfliktlösung und der Rekonstruktion kooperieren. Dieser Weg führt uns vielleicht zum Frieden, wenn der Frieden als die Fähigkeit definiert wird, Konflikte mit Empathie, mit Gewaltlosigkeit und mit Kreativität zu bearbeiten. Die Fähigkeit zur Konfliktbearbeitung geht in den Kriegen verloren. Sie muss wiederhergestellt werden.

       
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