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Wirtschaft/Politik

Die Transcent-Methode

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2. Gewalt und Krieg, Trauma und Schuld

2.1 Wechselseitigkeit und Vergeltung

Am Anfang war die Tat, nicht das Wort; auf Körperbewegungen folgten verbale Artikulationen. Manche Taten sind konstruktiver Natur, sie können andere Menschen erhöhen. Mit anderen Taten wird Menschen Schaden zugefügt: mit einem Schlag mit einem Arm oder der Verlängerung eines Arms, mit Waffen (arms), Armeen; mit einem Wort, das weh tut, oder der Erweiterung eines üblen Wortes, einer üblen Rede, Propaganda. Im Prinzip gibt es auch neutrale Taten; herrscht jedoch Hochspannung, dann bleibt keine Tat farblos. Eine Tat ist ein kommunikatives Band zwischen einem Sender und einem Empfänger, die man, wenn die Tat Schaden angerichtet hat, als Täter und Opfer bezeichnet. Wirkt sich eine Tat günstig aus, mag dieses Band zu einem der Freundschaft oder sogar der Liebe werden. In jedem Fall ist Wechselseitigkeit die Norm, gefragt ist eine Ausgewogenheit des Austausches. Im buddhistischen Diskurs bringen nützliche und konstruktive Taten dem Vollbringer Verdienste, schädliche werden ihm negativ angerechnet. Die einen wie die anderen haben wichtige Konsequenzen für die Wiedergeburt. In einigen christlichen Diskursen können gute Taten zur Erlösung führen und schlechte zur Verdammnis; die Taten haben also große Auswirkungen für das Leben nach dem Tode, wobei keine Möglichkeit eines Appells gegeben ist. Es gibt nicht nur eine Beziehung Selbst-Anderer, sondern auch Selbst-Selbst. Die Norm der Wechselseitigkeit verlangt, dass der zugefügte Schaden ausgeglichen wird, Trauma für Trauma (du erleidest mein Leiden), und Schuld für Schuld (wir sind beide gleich schlecht).
Beide Diskurse stimmen jedoch in einem Punkt überein: Eine schädliche Tat traumatisiert nicht nur das Opfer, sondern der Täter lädt, ob er es merkt oder nicht, auch Schuld auf sich. Die Norm der Wechselseitigkeit verlangt, dass der zugefügte Schaden ausgeglichen wird, Trauma für Trauma (du erleidest mein Leiden), und Schuld für Schuld (wir sind beide gleich schlecht). X hat Y etwas Schreckliches getan, die Schuld ist genauso wenig zu ertragen wie das Trauma. Wenn Y Vergeltung übt, werden die beiden »gleicher«. Man denke daran, wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg Dresden-Hamburg gegen Auschwitz aufrechneten. Rache und Vergeltung gleichen beide Seiten aus.
Nach dieser Logik gibt es zwei Wege, um in einer gewalttätigen Auseinandersetzung auf gleich zu kommen: Wenn der Täter ein Trauma (etwa) derselben Größenordnung erleidet und wenn das Opfer eine Schuld etwa derselben Größenordnung auf sich lädt. Im Vergeltungsakt vermischen sich diese beiden Vorgänge zu einem. Keine Frage, warum so häufig Rache geübt wird. »Du hast mich verletzt, ich habe dich verletzt, wir sind jetzt quitt.« Die traumatisierte Partei hat einen Trumpf: das Recht, dass dem Täter ein Trauma zugefügt wird. Und die schuldige Partei hat ein Defizit: »Eines Tages kann er zurückkommen und mir das antun, was ich ihm angetan habe.« Die erste Situation kann zu Ketten von Traumata quer durch die Geschichte, die letztere zu einer Politik der Paranoia führen.
Sowohl Trauma als auch Schuld können in den Welt-Trauma- und Welt-Schuld-Banken deponiert werden und bringen mit der Zeit Zinsen, doch zehrt auch die Inflation am Kapital. Amortisation ist in der Tat ein langfristiger Prozess. Dies wiederum weist uns auf zwei wohlbekannte Szenarien:
Ein anderer wird traumatisiert. Y mag es zu riskant finden, X ein Trauma zuzufügen; vielleicht ist X einfach zu mächtig. Doch es gibt ja Z, weiter unten in der Hackordnung positioniert. Damit eröffnet sich die Möglichkeit einer Kette von Gewalt, die sich durch die Gesellschaft, Zeit und Raum nach unten zieht.
Eine Traumatisierung wird durch jemand anderen begangen. Wenn X traumatisiert werden muss, dann kann das auch das stärkere W vollbringen, womit die Möglichkeit einer Kette von Gewalt, die sich durch den gesellschaftlichen Raum nach oben zieht, gegeben ist. Ein ganz spezieller Fall ist als »Bestrafung« bekannt, W ist die »Autorität«, die dazu berechtigt ist, Schmerzen und Traumata zuzufügen, die jedoch damit die Traumatisierten nicht von Schuld befreien kann, da im Zusammenhang mit der Autorität die Frage der Schuld keine Relevanz besitzt. Andere wie V und U können das bezweifeln und W dasselbe zufügen. Und so weiter.

Das Dreieck der Gewalt
© Joachim Reisig, pixelio.de

2.2 Intention und Irreversibilität

Wir wollen nun zwei weitere Dimensionen der Gewalt in die Diskussion einführen: Intention und Irreversibilität. War das Leid beabsichtigt? Ist das Leid irreversibel oder kann es wieder gut gemacht werden? Das Leid liegt in den Augen (und anderen Sinnen) des Betrachters, des Opfers; ein gewisses Maß an Leid ist in der normalen gesellschaftlichen Interaktion nicht zu vermeiden. Doch sind bei dieser Interaktion zwei Richtlinien dienlich:

  • Füge niemals anderen mit Absicht ein Leid zu!
  • Füge niemandem etwas zu, was nicht wieder gutgemacht werden kann!
  • Als Faustregel wollen wir annehmen, dass die Schuld eine Funktion von Schaden, Absicht und Irreversibilität ist:

    Schuld = f(Schaden x Absicht x Irreversibilität)

    Den letzten Satz könnte man modifizieren, so dass er nur auf schädliche Handlungen zur Anwendung kommt; das Problem liegt dabei darin, dass es nicht so einfach ist, zu wissen, ob eine Handlung schädlich ist oder nicht. Es kann unbekannte Folgen geben und, was wichtiger ist, die Regel »Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andren zu« ist problematisch: Geschmäcker können verschieden sein.
    Als Faustregel wollen wir annehmen, dass die Schuld eine Funktion von Schaden, Absicht und Irreversibilität ist:
    Schuld = f(Schaden x Absicht x Irreversibilität) Der wesentliche Unterschied zwischen einer Gewaltanwendung mit Todesfolgen und anderen Gewaltanwendungen besteht in der Irreversibilität der ersteren. Wir können Leben schaffen, aber nicht Leben wiedererschaffen. Dies ist ein Grund dafür, warum ein Kindesmörder in einigen Kulturen als Kompensation sein eigenes Kind hergeben (oder es töten lassen) musste. Auch Gewaltanwendung ohne tödlichen Ausgang beinhaltet Elemente von Irreversibilität: Wunden heilen nur selten völlig aus und Wunden, die dem Geist zugefügt werden, vielleicht niemals, wie uns die Psychoanalyse lehrt. Sexuelle Gewalt hinterlässt vielleicht keine Wunden am Körper, aber irreversible Traumata im Geist. Dasselbe gilt für andere Formen körperlicher Gewaltanwendung, da jede Gewaltanwendung eine Vergewaltigung ist, ein Eindringen in das Allerheiligste, die Privatheit des Körpers. In einem geringeren Maß gilt das auch für das Eigentum (als Extension des Körpers), vielleicht insbesondere für den Einbruch als ein Eindringen in die familiäre Privatheit.
    Die Formel von oben bringt uns zu zwei zusätzlichen Herangehensweisen, was eine Befreiung von der Schuld betrifft: das Leugnen einer bösen Absicht und den Schadenersatz. Aus gewissen Gründen hat sich die westliche Rechtssprechung in die erste Richtung entwickelt, wobei z.B. auf Uninformiertheit über die Folgen, auf chronische oder akute Geistesverwirrung etc. plädiert wird. Dies geschieht trotz der Tatsache, dass zwar einerseits der Schaden, der durch Gewaltverbrechen und sexuelle Gewalt angerichtet wird, praktisch irreversibel ist, anderseits aber jener, der durch Verbrechen gegen das Eigentum zugefügt wird, im Prinzip wieder gut zu machen ist. Geld kann verdient und zurückbezahlt werden, das Haus kann wiederaufgebaut werden. Zerstörte kulturelle Momente können jedoch keinesfalls wiederhergestellt werden, da der Schaden symbolisch ist, nicht nur materiell. Die Formel von oben bringt uns zu zwei zusätzlichen Herangehensweisen, was eine Befreiung von der Schuld betrifft: das Leugnen einer bösen Absicht und den Schadenersatz.
    Was ändert sich, wenn X und Y nicht Individuen, sondern Kollektive im Kriegszustand sind? Eigentlich behält alles oben erwähnte seine Gültigkeit, abgesehen von kleinen Unterschieden in der Terminologie: Wenn die Kollektive Länder sind, wird die Ersatzleistung normalerweise als Reparation bezeichnet.
    Einen gewissen Unterschied gibt es aber doch: An der Frage der Gewaltakte können sich die Geister scheiden, kann es Spaltungstendenzen in einem Kollektiv geben. Sehr klar hat sich dies am Ende des Ersten Weltkriegs gezeigt, als sowohl die deutschen wie auch die französischen Truppen gegen ihre Generäle gemeutert haben. Einerseits verlangt eine konzertierte Gewaltanwendung, wie sie von den Armeen ausgeübt wird, einen bedingungslosen Gehorsam mit einer sehr asymmetrischen Kommandokette (im Gegensatz zu einer Guerillabewegung); anderseits gibt es einen Unterschied im Risiko, dem die Beteiligten ausgesetzt sind; es ist größer für die Soldaten in der Kampfeszone als für den höheren Offizier im Bunker, ganz zu schweigen von den Politikern, die daheim die Parameter für den Krieg setzen.

       
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