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Wirtschaft/Politik

Die Transcent-Methode

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4. Über Bilder von Konflikt, Gewalt und Frieden

4.1 Konflikt als Organismus

Gewalt und Krieg werden als eine Eruption gesehen mit einem Beginn und einem Ende und keinen anderen Folgen als denen, die am Ende der Gewalttätigkeiten sichtbar sind: den Toten, den Verwundeten, dem Schaden.
Gewalt muss in einem Kontext gesehen werden, und der Kontext, für den wir uns entschieden haben, heißt »Konflikt«. Es gibt viele Missverständnisse und unglückliche Konzeptionen von Konflikt, diesem großen Schöpfer und großen Zerstörer.
Ein allgemeiner Konfliktdiskurs, wie man ihn in den Medien findet, unter Forschern und Laien, sieht den Konflikt als einen Organismus mit Geburt und Wachstum bis zu einem Wendepunkt, dann einem Verfall bis zu seinem letztlichen Aussterben. Auf der horizontalen Achse des Diskurses haben wir die physikalische Zeit, Khronos, auf der vertikalen Achse ein gewisses Maß direkter Gewalt vom ersten Anzeichen von »Schwierigkeiten« bis zum »Waffenstillstand«, dem Ende offener Feindseligkeiten, weil entweder der Konflikt »ausgebrannt ist«, die Parteien in ihrer Prognose über das Ergebnis übereinstimmen und es nutzlos finden, sich gegenseitig weiterhin zu zerstören oder aufgrund einer Intervention Dritter, die die Parteien zu einem Ende der Feindseligkeiten zwingt oder ihnen eine entsprechende Zusage abverlangt. Das Ende eines Konflikts wird oft Frieden genannt.
Eine Liste der wichtigeren Unzulänglichkeiten dieses Diskurses schließt folgende Punkte ein:

  • Es wird der Eindruck erweckt, dass Gewalt und Krieg aus dem Nichts entstehen, ex nihilo. Eine solche Sicht der Dinge geht Hand in Hand mit der Vorstellung, dass das Böse am Werk ist.
  • Es wird der Eindruck erweckt, dass Gewalt und Krieg ihre Ursprünge an ganz genau definierten Punkten in Raum und Zeit nehmen, und zwar mit dem ersten Akt der Gewalt.
  • Es wird der Eindruck erweckt, dass Gewalt und Krieg ohne Nachwirkungen enden, dies entspricht Vorstellungen einer Auflösung des Konflikts.
  • Es wird der Eindruck eines Konfliktlebenszyklus mit einem Höhepunkt erweckt und nicht einer von langen Zeitabschnitten der Latenz, mehrfachen Höhepunkten etc.
  • Ein nicht zu unterschätzender Punkt ist, dass Gewalt und Krieg als Variable gesehen werden, Friede dagegen nur als ein Punkt, der Nullpunkt von Gewalt und Krieg.
  • So werden also Gewalt und Krieg als eine Eruption gesehen mit einem Beginn und einem Ende und keinen anderen Folgen als denen, die am Ende der Gewalttätigkeiten sichtbar sind: den Toten, den Verwundeten, dem Schaden. Natürlich ist niemand ganz so naiv; es existiert eine beträchtliche Literatur über »Kriegsursachen« und »Kriegsfolgen«. Doch das darin entworfene Bild ist sowohl für die Kriegsverhütung als auch für den Umgang mit den Nachwirkungen kontraproduktiv.

    4.2 Gewalt als Krankheit

    Schlüsselursachen können von den Symptomen weit entfernt sein.

    Bevor wir ein alternatives Bild entwickeln, möchten wir die Gewalt mit einer Krankheit vergleichen, sagen wir der Tuberkulose, TBC. Ein zielführender Weg, menschliche Pathologien zu begreifen, wäre, sie unter dem Aspekt der Wechselwirkung zwischen dem Ausgesetztsein des Menschen und seiner Widerstandsfähigkeit zu sehen; in unserem Fall zwischen den Mikroorganismen, die unter (für sie) günstigen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen wirksam sind, und dem Grad der Immunität des Körpers, der wiederum mit dem Immunsystem, der Ernährung und dem Lebensstandard, dem emotiven und reflektierenden Geist (mind und spirit) zu tun hat. All das spielt in holistischer und synergetischer Weise zusammen. Natürlich ist es möglich, einige Allgemeinheiten abzuleiten, doch kann damit niemals zur Gänze ein individueller Fall abgedeckt werden, es bleibt Platz für Empathie mit dem individuellen Patienten, seiner Umwelt und Geschichte, wobei man das Generalisierende und Individualisierende kombinieren kann.
    Durch Untersuchungen wurde belegt, dass verbesserte Lebensbedingungen (Ernährung, Unterkunft, Bekleidung) einen deutlicheren Rückgang der TBC-Raten zur Folge hatten als eine künstliche Stärkung des Immunsystems durch Impfung und frühe Diagnose (Röntgenstrahlen). Man kann eine Krankheit nicht losgelöst von Patient und Kontext als eine abstrakte Entität mit einem eigenen Lebenszyklus sehen und eine allgemeine Prävention, Therapie und Rehabilitation verlangen. Schlüsseldimensionen des Ausgesetztseins und der Widerstandsfähigkeit können in einem umfassenden Sinn im Kontext liegen, nicht an der Nahtstelle von Krankheit und Patient. Bei kausalen Zyklen sind sowohl Körper wie auch Geist (body, mind und spirit) involviert, nicht nur der Körper. Schlüsselursachen können von den Symptomen weit entfernt sein. Wenn wir den gesamten Kontext einbeziehen, können die Zyklen sogar global (AIDS) und makrohistorisch (Grippe) sein.

    4.3 Konfliktformation und Konfliktgeschichte

    Es ist nicht möglich, Gewalt von ihrem Raum-Zeit-Kontext zu trennen.

    Auch ist es nicht möglich, Gewalt von ihrem Raum-Zeit-Kontext zu trennen. Der Kontext im Raum ist die Konfliktformation, die alle involvierten Parteien, die nahe liegenden und die entfernten, mit allen Zielen, die für den Konflikt relevant sind und den bewusst vertretenen Werten wie auch den positionellen Interessen einschließt. Ein erster Fehler in der Konfliktpraxis besteht darin, nur Parteien in einem örtlich beschränkten Gebiet, in dem Gewalt herrscht, zu berücksichtigen; dabei werden Symptome mit Ursachen verwechselt, wie wenn beispielsweise ein Arzt einen geschwollenen Knöchel als »kranken Knöchel« betrachtet und nicht als mögliches Symptom eines Herzleidens oder wenn Hunger als »ungenügende Nahrungsaufnahme« gesehen wird und nicht als soziales Problem. Entfernte, hinter den Kulissen agierende Parteien können eine entscheidende Rolle spielen.

    Das Dreieck der Gewalt
    © Joujou, pixelio.de

    Der Kontext in der Zeit ist die Konfliktgeschichte, einschließlich der Geschichte der Zukunft. Ein zweiter Fehler in der Konfliktpraxis besteht darin, die Konfliktgeschichte mit einem Anfang und einem Ende auszustatten, sie als eine beschränkte Zeitspanne, in der Gewalt herrscht, zu sehen, die vom ersten Gewaltausbruch bis zu dem mit einem Frieden verwechselten Waffenstillstand dauert.
    Ein räumlich und zeitlich definiertes Auftreten von Gewalthandlungen wird dann losgelöst von der Konfliktformation und der Geschichte zu einem »Mandschurischen Zwischenfall«, dem »Golfkrieg«, dem »jugoslawischen Debakel«, »Ruanda« und wird dann in einer Forschung tabellarisiert, die durch eine Vielzahl von Daten und durch mangelndes Verständnis charakterisiert ist.
    Einer der Gründe dafür ist ohne Zweifel ein epistemologischer, der im Empirismus und in der Verhaltensforschung wurzelt: Gewalt ist ein Verhalten und kann beobachtet werden, Daten kann man erzeugen. Ein weiterer Grund ist politischer Natur: Gewalt kann eskalieren und zwar nicht nur innerhalb eines, sondern auch aus einem »räumlich und zeitlich definierten Auftreten von Gewalthandlungen« heraus und kann für andere gefährlich, ansteckend werden wie eine ansteckende Krankheit. Daher die Konzentration darauf, die Träger von Gewalt, »die Terroristen«, wie Bazillenträger auszurotten. Kausalzyklen außerhalb von räumlich und zeitlich definiertem Gewaltvorkommen könnten sehr mächtige Akteure einschließen, die es vorziehen, unerwähnt zu bleiben. Massenmedien neigen dazu, in all diese Fallen zu gehen.

    4.4 Ein alternatives Bild von Gewalt

    Welche Art von Diskurs empfehlen wir, als Ergebnis dieser Überlegungen? Er dürfte sich nicht nur auf die Ätiologie eines bestimmten Ausbruchs von Gewalt und Krieg und sinnvolle Intervention konzentrieren, sondern müsste auch die Nachwirkungen eines Krieges berücksichtigen. Hier ist eine vorläufige Antwort:
    Direkte (offene) Gewaltanwendung wird unter dem Aspekt ihrer Vor-, Seiten-, und Nachgeschichte gesehen, die weder räumlich noch zeitlich begrenzt sind.
    Diese Geschichten können in sechs Bereichen aufgespürt werden:

    • Natur: als ökologische Verschlechterung  als ökologische Verbesserung;
    • Gesamtzustand des Menschen (body, mind, spirit): als Traumata, Hass  als Freude, Liebe;
    • Gesellschaft: als Vertiefung des Konflikts  als Heilung des Konflikts;
    • Welt: als Vedrtiefung des Konflikts  als Heilung des Konflikts;
    • Zeit: als Kairos von Trauma oder Ruhm  als Khronos des Friedens;
    • Kultur: als Ablagerungen von Trauma oder Ruhm  als Ablagerungen von Frieden.
      • Man kann diese sechs Bereiche in drei zusammenfassen:

        • direkte Gewalt: Frieden gegenüber der Natur und dem Menschen (Körper und Geist);
        • strukturelle Gewalt: struktureller Frieden im gesellschaftlichen Raum, in der Welt, als:

        • " vertikale strukturelle Gewalt: Unterdrückung und Ausbeutung;
          " horizontale strukturelle Gewalt: die Parteien sind sich zu nah bzw. zu entfernt voneinander;
          " struktureller Frieden: Freiheit und Gerechtigkeit, adäquate Distanz;
        • kulturelle Gewalt: kultureller Frieden Gewalt ist legitimiert bzw. nicht legitimiert.

        Dazu kommt die Zeit als das Medium, in dem sich all dies entwickelt. Doch während direkte Gewalt üblicherweise als Prozess mit Kairos-Punkten gesehen wird, gleichen strukturelle und kulturelle Gewalt wie auch struktureller und kultureller Frieden eher Stufenfunktionen an diesen Kairos-Punkten. Es gibt einen Vorfall, der ein niedrigeres oder höheres Niveau hervorbringt, der sich in der Folge auf eine relativ permanente Höhe einpendelt. Da etwas Permanentes schwierig zu erkennen ist (es gibt keine Kontraste) und der Vorfall nicht leicht zu erfassen ist (er ereignet sich zu plötzlich), kann es leicht vorkommen, dass beide Phänomene unbemerkt bleiben. Gewalt ist leichter zu verstehen und wird gewöhnlich mit Konflikt verwechselt.
        Wie würden wir nun einen Konfliktprozess beschreiben? Es ist nicht zu leugnen, dass der Aspekt der Gewalt eine Zeitkomponente hat (wie ein Organismus mit Geburt, Reife und Tod), auch wenn eine Sicht der Dinge, dass Prozesse mehrere Höhepunkte haben und nicht nur einen, wahrscheinlich der Realität näher kommt.
        Doch gibt es hier drei Probleme:
        Diese Vorstellung repräsentiert die Gewalt als eine Variable und die Abwesenheit von Gewalt als einen Punkt, als Null Gewalt, »Waffenstillstand«. Auch Frieden sollte als graduelle Angelegenheit gesehen werden, als eine Variable, die sich im Grad positiver, kooperativer Interaktion widerspiegelt.
        Zudem ist nur ein Typus von Gewalt inkludiert; nämlich direkte Gewalt, nicht die zugrunde liegende strukturelle und kulturelle Gewalt.
        Ein weiterer Punkt, der mehr psychologisch als logisch ist: »oben« und »unten« haben wertende Konnotationen. Warum situieren wir also nicht den Frieden auf der positiven Seite der Y-Achse und die Gewalt auf der negativen? Mit drei Typen von Gewalt bzw. Frieden ergibt dies drei Y-Achsen.
        Eine adäquatere Konfliktanalyse würde von einer sozialen Formation ausgehen und die Levels struktureller und kultureller Gewalt, strukturellen und kulturellen Friedens veranschlagen. Sind diese positiv und hoch, besteht kein Anlass zur Beunruhigung. Sind jedoch beide niedrig, dann sollte dies als eine frühe, sehr frühe Warnung verstanden werden. Beiden ist ein beträchtliches Ausmaß an Trägheit eigen, sie sind für lange Zeit gleichmäßig, permanent, wie das Niveau der Unterdrückung und Ausbeutung eingeborener Völker in Verbindung mit westlicher bzw. christlicher Verachtung und Machismo, die direkte Gewaltanwendung als Katharsis interpretieren.
        Strukturelle Gewalt ist wie direkte Gewalt relational; frühe Warnungen basieren nicht auf einer mangelhaften Anwendung der Menschenrechte, auf Elend oder Ungleichheit, sondern auf Ungerechtigkeit: Freiheit und Wohlergehen für X stehen Freiheit und Wohlergehen für Y im Weg. Und kulturelle Gewalt mag genau das legitimieren.
        Struktureller und kultureller Frieden entsprechen der Immunität bei einer Krankenanalyse. Bei einer Analyse der Gewalt mag diese Widerstandskraft nicht nur beunruhigend niedrig sein, sondern sogar negativ, da strukturelle und kulturelle Gewalt selbst Wurzeln für Gewalt darstellen.
        Dann kommt das Ausgesetztsein, das man üblicherweise als einen Vorfall sieht, obwohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, vielleicht ein besseres Bild abgibt. Eine letztendliche Provokation, ein zusätzlicher Akt der Repression, Elend und Hunger in unerträglichem Ausmaß. Die Gewalt hat ihre Ursachen vielleicht eher in Verzweiflung und tiefer Frustration und muss nicht ein berechnender, auf einen grundsätzlichen Wandel gerichteter Akt sein. Doch Gewalt existiert, also wird es wahrscheinlich Gegengewalt geben, der Prozess entfaltet sich, bewegt sich in diesem Bild nach unten, bis die Kurve sich wieder nach oben wendet, die Gewalt nimmt ab, der Nullpunkt ist erreicht.
        Und dann kommt der springende Punkt: Nach dem Waffenstillstand könnte die Situation schlimmer sein, als vor dem Ausbruch der Gewalt. Die direkte Gewalt mag, zumindest auf lange Sicht, das kleinere Übel sein als der strukturelle und kulturelle Schaden. Man könnte das mit der Art und Weise vergleichen, wie in manchen Gesellschaften die Hospitalisierung gesehen wird, nämlich einer Marktsituation nicht unähnlich: Der Patient bringt eine Krankheit ein und wird dafür mit zwei oder drei iatrogenen Krankheiten bedient: einem chirurgischen Fehler, einer Infektion und »Hospitalitis«, wenn auch nur in der Form dauernder Rückenschmerzen.
        Allgemein gesagt kann die direkte, konkret sichtbare Gewaltanwendung zu einem rühmlichen Ende kommen, anderseits nehmen jedoch strukturelle und kulturelle Gewalt in dem Prozess zu. Gewalt-Therapie muss von der Krankheitstherapie lernen: einschließlich der Prävention  man baue am strukturellen und kulturellen Frieden  und schließe Rehabilitation ein, d.h. man baue von neuem am strukturellen und kulturellen Frieden. Und immer wieder von neuem.

        -Johan Galtung

        Johan Galtung

        Johan Galtung (*1930 in Oslo, Norway) ist einer der Gründer der Friedens- und Konfliktforschung. Nach dem Studium der Soziologie und Mathematik gründete er 1959 das weltweit erste Friedensforschungsinstitut, das International Peace Research Institute Oslo (PRIO), dem er zehn Jahre als Direktor vorstand. 1964 gründete er das Journal of Peace Research. Von 1969 bis 1977 war er Professor für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Oslo. Er arbeitete intensiv mit zahlreichen Institutionen der Vereinten Nationen zusammen und war an vielen Universitäten auf allen fünf Kontinenten Gastprofessor, zum Beispiel in Chile, an der UN-Universität in Genf, in den USA, in Japan, China, Indien und Malaysia. Zur Zeit ist Galtung Professor für Friedensforschung an der Universität von Hawaii, Direktor von Transcend: Peace and Development Network und Rektor der Transcend Peace University. 1987 wurde er mit dem Alternativen Friedensnobelpreis (Right Livelihood Award) ausgezeichnet. Zu seinen Veröffentlichungen zählen 50 Bücher und über 1000 Artikel. Er hatte und hat sowohl als Denker, Autor und Lehrender als auch als Berater und Aktivist einen immensen Einfluss auf die Friedensforschung.

        Bücher

        • Johan Galtung: Konflikte & Konfliktlösungen. Eine Einführung in die Transcend-Methode. 256 S., geb., Homilius-Verlag, € 19.90
        • Johan Galtung: Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur. 437 S., brosch., Agenda-Verlag, € 36.00
        • Magazine, Bücher und Abos im connection shop
       
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