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Wirtschaft/Politik

Afrika: 50 Jahre Unabhängigkeit

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50 Jahre Unabhängigkeit
© Tim Caspary pixelio.de

Kontinuitäten und Brüche

In diesem Jahr werden viele Länder Afrikas südlich der Sahara ein halbes Jahrhundert politischer Unabhängigkeit feiern können - vielerorts, insbesondere in Afrika selbst, aber auch in Europa und hier in Deutschland, ist das für Wissenschaftler und für Politiker ein Anlass, Bilanz zu ziehen.

Seit 1960 hat sich die Situation des Kontinents tiefgreifend verändert Die Bilanzen und Rückschauen werden der Komplexität dieser Entwicklung allerdings oft nicht gerecht. Zwei Themen, unter denen wir gelernt haben, Afrika zu sehen, dominieren - Demokratie und Entwicklung, bzw. ihre jeweilige Abwesenheit, also Diktatur, Staatsverfall, Bürgerkrieg, Armut, Hunger. Dabei gerät jedoch aus dem Blick, wie umfassend sich der Kontinent in den letzten 50 Jahren verändert hat: nicht nur auf politischem und wirtschaftlichem, sondern auch, und vielleicht sogar in erster Linie, auf gesellschaftlichem und kulturellen Gebiet. Vielschichtige Verdichtungs-, Differenzierungs- und Transformationsprozesse haben dazu geführt, dass afrikanische Gesellschaften heute bedeutend komplexer sind als zur Zeit der Unabhängigkeit.

Schon die Antworten auf die scheinbar einfachen Fragen, ob Afrika demokratischer geworden ist, und ob es sich (ökonomisch) entwickelt hat, sind schwer zu geben. Sie sind das vor allem deshalb, weil sie sich meist, ohne zu differenzieren, auf den ganzen Kontinent beziehen. Kein anderer Kontinent verführt Kommentatoren derart zu Generalisierungen wie Afrika. Man stelle sich einmal vor, große deutsche Zeitungen hätten einen Asienkorrespondenten, der dann etwa aus Singapur über den Irak berichtet. Genau das ist aber die Situation in der Afrika-Berichterstattung in den deutschen Medien. Dort ist ein Korrespondent durchschnittlich für fast 25 Länder zuständig, von denen manche vom jeweiligen permanenten Standort des Journalisten weiter entfernt liegen als von Hamburg.

Kein einheitliches Bild

Seit dem Demokratisierungsschub der 1990er Jahre haben sich die politischen Verhältnisse in Afrika sehr stark auseinander entwickelt. Auf der einen Seite des Spektrums finden wir Musterländer wie Benin, Ghana und Südafrika, deren demokratische credentials weitaus ernster zu nehmen sind als beispielsweise die der meisten arabischen Staaten - auch wenn der Demokratisierungsprozess immer prekär bleibt. In anderen Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik oder Teilen der beiden Kongos ist der Staat nur eine Art äußere Hülle. Und dann gibt es die zusammengebrochenen Staaten wie Somalia - das in Teilen (Somaliland) allerdings ausgesprochen gut funktioniert, dem aber die internationale Anerkennung fehlt. Man sollte sich davor hüten, diese Kategorisierungen als fixiert anzusehen - die Erfahrungen Ugandas, vielleicht aber auch Sierra Leones und Liberias zeigen, dass sich auch zusammengebrochene Staaten wieder konsolidieren können, und das einstige Musterland Elfenbeinküste demonstriert, wie vorläufig ökonomischer Erfolg sein kann.

Generell ist der Staat in afrikanischen Gesellschaften heute sehr viel präsenter als zum Ende der Kolonialzeit, auch wenn diese Präsenz meist ungleichmäßig, fragil und konflikthaft bleibt. Nach 1960 kam es zum rapiden Ausbau öffentlicher Verwaltungen, mit dem Schwerpunkt auf dem Gesundheits- und dem Bildungssystem, die es um 1960 nur rudimentär gab. Die politische Dezentralisierung seit den 1990er Jahren hat in vielen Ländern zu einer weiteren Verdichtung von Staatlichkeit geführt. Durch Reformen etwa des Landrechts und des Familienrechts versucht der Staat - nicht unbedingt erfolgreich -, in vorher nicht existierender Weise in die gesellschaftlichen Verhältnisse einzugreifen. Diese sich verdichtenden Strukturen von Staatlichkeit sind mit einer vitalen Zivilgesellschaft konfrontiert, die es 1960 nur in den allerersten Anfängen gab. Auch hier sind die Entwicklungen aber widersprüchlich: Das Ende des kalten Krieges hat seinerseits staatliche Strukturen in vielen Ländern des Kontinents destabilisiert, und die Vitalität der Zivilgesellschaft kann durchaus auch destruktive Züge annehmen.

Nachhaltigkeit
© Janine Bollinger pixelio.de

Entwicklungshilfe von außen

Nach 1960 gab es in vielen Ländern Ansätze einer Industrialisierung, die nach der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre oft zusammenbrachen, und die zu einer zunehmenden ökonomischen Marginalisierung afrikanischer Volkswirtschaften auf globaler Ebene führten. Dass diese fehlgeschlagenen Entwicklungsprogramme oft von externen Beratern im Rahmen der sogenannten Entwicklungshilfe ausgedacht worden waren, wird heute außerhalb Afrikas gerne vergessen. Kein anderer Kontinent war seit Ende des 2. Weltkriegs so sehr Adressat gut gemeinter Ratschläge von außen und Ort von vielfältigen entwicklungspolitischen Interventionen und Politikexperimenten wie Afrika. In den ersten beiden Jahrzehnten fanden diese Interventionen meist in Form großer Infrastrukturprogramme statt. Als Reaktion auf die Krise der 1970er Jahre änderte sich die Natur des Engagements der internationalen Entwicklungsagenturen. Als auch die Strukturanpassungsmaßnahmen weitgehend scheiterten, die auf rein auf makroökonomische Indikatoren verengt gewesen waren, wurden sie im Laufe der 1990er Jahre durch Versuche einer globalen Strukturpolitik ersetzt. Deren Ziel ist nicht mehr nur ökonomische Entwicklung im engeren Sinne, sondern ein von außen gesteuerter fundamentaler Umbau afrikanischer Gesellschaften. Hier liegt, über die harten ökonomischen Indikatoren hinaus, vielleicht das größte Entwicklungshindernis Afrikas: Die Begriffe und Ansätze, unter denen über realistische Entwicklungsoptionen Afrikas verhandelt wird, werden meist nicht von afrikanischen Akteuren selbst erarbeitet, sondern sind weitgehend von außen vorgegeben.

Parallel dazu erlebt Afrika aktuell einen zweiten Ressourcenboom, und den Auftritt neuer internationaler Akteure (China, Indien, Japan). Dies verschärft zum einen die internen Konflikte afrikanischer Rentierökonomien, eröffnet aber auch neue Entwicklungsoptionen in Richtung einer Post-Service-Industrie. Afrikanische Landwirtschaften haben sich stark, wenn auch ungleichmäßig, intensiviert und kommerzialisiert, nicht zuletzt gefördert von der raschen Urbanisierung. Wie schon in der Kolonialzeit, versorgen sie teilweise einen globalen Markt.

Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen

Mindestens ebenso tiefgreifend wie diese politischen und ökonomischen Entwicklungen waren die gesellschaftlichen Veränderungen. Der Bevölkerungsanstieg war beispiellos, von 300 Millionen auf heute 1 Milliarde Menschen, begleitet von massiven Bevölkerungsverschiebungen und rapider nachholender Urbanisierung. Lebten um 1960 nur wenig mehr als 10 Prozent aller Afrikaner in Städten, sind es heute über 40 Prozent, in Süd- und Westafrika sogar mehr als die Hälfte. Das subsaharanische Afrika, dessen größte Städte, Johannesburg und Lagos, zum Ausgang der Kolonialepoche etwa 600.000 Einwohner hatten, wird zu einem Kontinent der Millionenstädte. Zu Zeit gibt es davon dort mindestens 41, an der Spitze die Megastadt Lagos mit deutlich mehr als 10 Millionen Einwohnern, dicht gefolgt von Kinshasa. Doch auch die ländlichen Gebiete Afrikas sind heute kein Hort der Tradition mehr, sondern vielfältig - ökonomisch, politisch, kulturell - an die städtischen Zentren angebunden.

Parallel zu Bevölkerungswachstum und Urbanisierung hat sich der Schulbesuch rasant ausgeweitet. Kein anderer Kontinent hatte dabei mit einem derartig katastrophalen kolonialen Erbe zu kämpfen. Erst als Afrikaner selbst in der späten Kolonialzeit größeren politischen Einfluss erhielten, wurde Bildung zu einer Priorität. Der Glaube an Fortschritt durch Schulbildung wurde zu einem der großen mobilisierenden Mythen jener Zeit. Aber erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts hat Afrika, nach einer beispielslosen nachholenden Entwicklung, die Einschulungsraten erreichte, die asiatische Entwicklungsländer schon Mitte der 1950er Jahre aufwiesen. Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und Bildungsexpansion werden begleitet von vielfältigen Formen der Migration innerhalb und außerhalb des Kontinents. Dies führte zu einer starken, wenn auch selektiven, globalen Präsenz von Afrikanern in vielen Bereichen - vom Straßenhandel über die Musik zum Fußball.

Der junge Kontinent

Demographisches Wachstum und Migration machen afrikanische Gesellschaften zu sehr jungen Gesellschaften: 2 von 3 Afrikanern sind unter 25 Jahre alt, doppelt so viel wie im alternden Europa. Diese Jugendlichkeit des Kontinents wird meist nur als Problem wahrgenommen, und in der Tat sind viele gerade auch der gewaltförmig ausgetragenen Konflikte solche zwischen Generationen. Es ist vielleicht die größte Herausforderung afrikanischer Eliten, die mit dieser Jugendlichkeit verbundene Dynamik und Kreativität als Chance zu sehen und in produktive Bahnen zu lenken.

Im Zuge der rasanten Urbanisierung haben sich auch die Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens erheblich differenziert. Dies betrifft zum Beispiel die Familienmodelle  in Afrika existieren weiterhin polygyne Eheformen, nicht nur im ländlichen Bereich, wir finden aber auch, etwa unter jungen Stadtbewohnern, eine wachsende Zahl kinderarmer monogamer Familien sowie all möglichen Zwischenformen. Im Bereich der Elitenbildung scheint es zu einer Verhärtung von Klassengrenzen zu kommen. Das Ende der Kolonialherrschaft und die ersten Jahre der Unabhängigkeit waren eine Zeit beispielloser sozialer Mobilität. Den wenigen relativ gut ausgebildeten Afrikanern boten sich vielfältige Möglichkeiten, rasch einflussreiche und lukrative Positionen in der staatlichen Verwaltung und im oft staatlich eingebetteten Handel einzunehmen. Die nachfolgenden Generationen - die zunehmend besser ausgebildet waren - hatten dagegen mit sehr viel stärkerer Konkurrenz, mit ökonomischen Krisen, Korruption und anderen Zugangsbeschränkungen zu kämpfen.

Postkoloniale Gemeinschaften

In den Städten Afrikas hat sich eine moderne Medienlandschaft entwickelt, die auch in den ländlichen Raum hineinstrahlt. Neue Öffentlichkeiten haben sich konstituiert und multipliziert. Dadurch haben sich - auch unter dem Einfluss anderer Faktoren wie dem Schulbesuch und der stärkeren staatlichen Durchdringung des Alltags - postkoloniale nationale Gemeinschaften herausgebildet. Wer Afrika nur unter der Perspektive ethnischer Konflikte und lokaler Identitäten betrachtet, übersieht diese Konsolidierung von Nationen. Die ursprünglich staatlich kontrollierten Massenmedien haben in jüngerer Zeit Konkurrenz bekommen von unabhängigen Radio- und TV-Stationen, einer blühenden Boulevardpresse sowie von kleinen, kassetten- oder disc-basierten Medien, die auch inoffizielle Perspektiven auf den afrikanischen Alltag und regimekritische Positionen verbreiten helfen. Für die Kommunikation im Alltag, aber auch für politische Mobilisierung oder wirtschaftliches Handeln, ist das Mobiltelefon ein immens wichtiger Faktor geworden.

Auf dem Gebiet der Kulturproduktion hat Afrika in den letzten 50 Jahren Literatur-Nobelpreisträger und international renommierte Künstler hervorgebracht. Das elitäre Kunstschaffen hat jedoch auf die gesellschaftlichen Prozesse in den eigenen Ländern nur sehr begrenzten Einfluss nehmen können. Dagegen hat sich das weite Feld der populären, meist städtischen, Kulturproduktion (Musik, Theater, Video, Comics, etc.) immer wieder als Indikator und Kommentator gesellschaftlicher Verhältnisse erwiesen. Sämtliche politischen Trends der vergangenen 50 Jahre lassen sich hier beobachten, angefangen mit den Nationalismen nach der Unabhängigkeit, der späteren Ambivalenz gegenüber machtbesessenen Diktatoren, bis hin zu den aktuellen Öffnungs- oder auch Abschottungsprozessen im Zeitalter der Globalisierung.

Die Städte und ihre jugendlichen Bevölkerungen sind auch die sozialen Räume, in denen sich Jugend- und Stadtsprachen herausgebildet haben. Durch den kreativen Gebrauch durch jugendliche Städter sind bisherige papierene Nationalsprachen zu national praktizierten und akzeptierten Sprachen geworden. Damit entwickelten sich zumindest ansatzweise Nationalsprachen, wenn deren Gebrauch auch immer noch heftig umstritten ist. Fast alle afrikanischen Staaten haben die Erforschung und akademische Vermittlung ihrer Sprachen universitär verankert und sehen die Auseinandersetzung mit diesem Erbe als wichtig und sensibel an, ohne sich jedoch mit klaren Entscheidungen für oder gegen bestimmte Sprachen kompromittieren zu wollen.

Boom der Religiosität

Seit geraumer Zeit schon erlebt der Kontinent einen gewaltigen Boom der Religiosität, von dem man sich in Europa - dessen relative Areligiosität im Weltvergleich eine ausgesprochene Ausnahme darstellt - kaum eine Vorstellung macht. Von diesem Boom profitieren beide großen, universal agierenden Religionen, Islam und Christentum, die ihrerseits in zunehmend vielfältiger werdenden Ausprägungen vorkommen, und deren Beziehungen zueinander sich in Afrika meist friedlicher gestalten als anderswo. Aber auch bisher lokal begrenzte Formen von Religiosität blühen auf, und regionalisieren oder sogar globalisieren sich. Es entwickeln sich nicht nur verschiedene Formen religiöser Mischungen und neue Formen der Internationalisierung von Religion, zunehmend wird Religion - die zur Zeit der Unabhängigkeit eher private Angelegenheit war - auch im öffentlichen Raum präsent.

Alle diese, von vielfältigen Krisen begleiteten Wandlungsprozesse sind vielfältig miteinander verzahnt, nur einige von ihnen konnten hier angesprochen werden. Viele andere wären zu nennen - vom Fußball, in dem Afrikaner im wahrsten Sinne des Wortes mittlerweile global players sind, bis zu den Universitäten, die es im subsaharanischen Afrika 1960 außerhalb Südafrikas im strengen Sinne noch nicht gab. Richtet man den Blick wieder auf die Ökonomie, dann ist das Ende der Apartheid in Südafrika nicht nur ein monumentales politisches Ereignis. Es ist auch von wahrscheinlich entscheidender Bedeutung für die Lösung der ökonomischen Entwicklungsprobleme des Kontinents. Denn richtet man den Blick nach vorn, dann wird sich die ökonomische Zukunft des Kontinents wahrscheinlich dort, und in Nigeria entscheiden.

Thomas Bierschenk

Thomas Bierschenkist Professor am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Gutenberg-Universität Mainz und Vorsitzender der Vereinigung für Afrikawissenschaften in Deutschland (VAD)

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