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Gefahrenzone ade, Vertrauensgebiet juche!

Posted by on in Torsten Brügge
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 Gefahrenzone ade, Vertrauensgebiet juche!
- eine hypnotherapeutische Betrachtung der hamburger Ereignisse

Sicherheit durch Gefahrenzone?

Seit knapp einer Woche sind Teile des Hamburger Stadtgebietes von der Polizei zur „Gefahrenzone“ erklärt worden. In großen Bereichen Altonas, St. Paulis und der Sternschanze stehen den Beamten polizeiliche Sonderbefugnisse zu. So soll wieder Recht und Ordnung hergestellt werden. Polizisten dürfen ohne konkreten Anlass Personen und "mitgeführte Sachen“ ohne Angaben von Gründen überprüfen, Platzverweise aussprechen und Menschen in Gewahrsam nehmen. Zeit-Online schreibt: „Grund für die Maßnahme seien wiederholte Angriffe gegen Polizisten, die teils schwer verletzt wurden. Allein im Dezember sind laut Polizei dreimal Kommissariate angegriffen worden. Auch vor, nach und während einer Demonstration seien Polizisten und Einrichtungen massiv angegriffen worden.“

Tatsächlich ist der genaue Hergang, wie es zu diesen Gewalttaten kam, umstritten. Wie so oft bei solchen Auseinandersetzungen, gibt es verschiedene Ansichten darüber, wer wann unangemessen gehandelt und Gewalt provoziert hast. Erschreckend ist es allemal, wenn Menschen brutaler Gewalt ausgesetzt sind und verletzt werden. Ob sich diese Menschen auf Seiten von staatlichen Beamten oder anderen Bürgern befinden ist dabei zweitrangig. Deshalb finde ich es auch nur allzu verständlich, dass die Polizei ihren Mitarbeitern ein höheres Maß an Sicherheit und Schutz gewährleisten will. Doch ist die Einrichtung einer „Gefahrenzone“ das richtige Mittel dazu? Oder könnte dies genau das Gegenteil bewirken?

Konstruierte Wirklichkeit

Dabei geht es mir gar nicht so sehr darum, welche Befugnisse Polizeibeamte dann konkret haben und wie sich dies weiter auswirkt, sondern es fängt schon damit an, was der Begriff „Gefahrenzone“ in den Köpfen und im Erleben vieler Menschen bewirken könnte.

Betrachten wir es einmal aus der Perspektive der Hypnotherapie, deren Ansätze mittlerweile durch viele Erkenntnisse im Bereich moderne Hirnforschung bestätigt werden. Hier wird davon ausgegangen, dass jedes menschliche Erleben nicht die Repräsentation einer wirklichen Welt darstellt, sondern durch komplexe Deutungsprozesse unseres Denkens und Wahrnehmens konstruiert wird. Wie wir etwas erleben und auch welche Auswirkungen das auf unser Verhalten hat, kann man dabei als ein Muster von vielen zusammenhängenden Wahrnehmungselementen verstehen. Ein solches Element stellt dabei die schlichte Benennung dar, die wir einer Erfahrung oder einem Geschehen geben. Es ist die simple Frage: Welchen Namen geben wir dem Kind? Auch wenn wir es bewusst vielleicht gar nicht wollen, für den ersten Eindruck macht es einen wesentlichen Unterschied, ob uns von einem kleinen Mädchen erzählt wird und es dabei mit dem Namen „Alexandra“, „Mia“, „Chantalle-Jasmin“, „Edeltraut“ oder „Kunigunde“ benannt wird. Mit jedem dieser Namen verbinden wir Assoziationen, die uns unser unwillkürlicher Denkprozess blitzschnell meist in Form von dunkel erahnten Bildern einschießt. Hirnphysiologisch betrachtet ist der abstrakte, sprachlich fassbare Name „Edeltraut“ eher ein Phänomen in unserem Neokortex (Großhirnrinde). Hier wird – vereinfachend beschrieben - eher das bewusste, willkürliche und rationale Denken lokalisiert. Das Erleben von Stimmungen und Gefühle werden eher dem Mittelhirn und limbischen System zugeordnet. Hier findet in erster Linie ein bildliches, auditives, sensorische und emotionales Assoziationsnetzwerk seinen Platz. Das „Denken“ des Mittelhirns geschieht eher als ein „Bildern, Erklingen und Erspüren“ und ist zu großen Teilen unwillkürlich und auch unbewusst. Dennoch hat das Mittelhirn enorme Auswirkungen auf die Gesamtheit unserer Wahrnehmung, unseres Erlebens und Verhaltes. Oft bestimmt gerade das unwillkürliche Erleben unserer inneren Bilderwelt unser Denken und Handeln viel stärker, schneller und wirksamer als das abstraktere, willkürliche Denken. Was hat das alles mit der „Gefahrenzone“ in Hamburg zu tun? Einiges!

Brandgeruch im Mittelhirn

Für viele Menschen wird nämlich die harmlose Bezeichnung „Gefahrenzone“ unwillkürlich und oft unbewusst eine Flut von inneren Bildern anregen. Spüre ich in meinem Organismus neugierig nach welche Bilder er mit „Gefahrenzone“ verbindet, geht es heiß her: Brennende Mülltonen. Angezündete qualmende Autoreifen. Zerbrochene Fensterscheiben. Barrikaden auf den Strassen. Umherfliegende Steine. Zischende Geschosse. Rauch. Brandgeruch. Eilige Bewegungen. Vermummte Gestalten. Flüchtenden oder kämpfende Menschengruppen. Aggressive Gesichtszüge. Grobe Drohgebärden. Lautes Brüllen. Waffen. Blutende Wunden. Vielleicht sogar Schwerverletzte oder Leichen. Wer gerne Action- und Kriegsschinken mag, wird solche inneren Filme vielleicht aufregend finden.
Natürlich überzeichne ich hier etwas und jeder mag andere Assoziationen haben. Dennoch sollten wir nicht unterschätzen, wie stark sich solche archaischen Bilder auf unser Verhalten auswirken können – ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Stellen wir uns vor, wir würden mit solchen Bildern im Kopf eine Gefahrenzone in Hamburg besuchen. Wie würden wir typischer Weise umherschauen? Wie würden wir gehen und stehen? Wie würden sich unser Nacken, unsere Schultern unser Bauch anfühlen? Wie würden wir atmen? Welche Körperhaltung würden wir einnehmen? Wie würden wir Menschen um uns herum einschätzen? Worauf würden wir lauschen? Welche Gedanken würden auftauchen? Was sonst noch?
So gesehen könnte uns allein die Benennung „Gefahrenzone“ zu einem sich bedroht fühlenden, angespannten, in  Abwehrhaltung verfestigten, kleinen Monster mutieren lassen, das sich in dunklen Ecken versteckt oder bei geringer Provokation anderen Menschen direkt an die Gurgel springt.
„Gefahrenzone“ würde so zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. In einer solchen Gefahrenzone würde ich als Polizist nicht so gerne auf Streife gehen. Die Gefahr, völlig unangemessen angegriffen zu werden, wäre um ein Vielfaches erhöht.

Im Angesicht dieser Betrachtungen kann man durchaus zum Schluss kommen, dass alleine das Ausrufen einer „Gefahrenzone“ zur Eskalation von Provokation, Misstrauen und Konflikt beiträgt. Da braucht es nicht einmal eine tatsächliche Ausübung willkürlicher Macht. Deshalb finde ich es sehr verständlich, dass es schon eine Petition gibt, mit denen Bürger sich für die Aufhebung der Gefahrenzone engagieren können.

Gefahrpanik oder Vertrauensvorschuss

Meine eigene Beschäftigung mit diesem Thema führte allerdings eher zu einem unterhaltsamen inneren Prozess der Umdeutung. Mein „innerer Hypnotherapeut“ fragte sich: Was würde ich anstelle einer bedrohlichen Gefahrenzone für mich und Andere lieber haben wollen? Was wäre eine Alternative zu der Bedrohungstrance, die im Unbewussten leicht angefacht werden kann? Sofort ersetzte sich in meinem Geist der Begriff „Gefahr“ durch „Vertrauen“ und „Zone“ durch „Gebiet“: VERTRAUENSGEBIET! Ja, das wäre es doch! Ich spürte nach, mit welchen Bildern dieser Begriff in mir assoziiert war: Ich sah ein grünes Stadtgebiet. Ich roch klare Luft. Hörte sanfte Stadtgeräusch. Freundliche offene Menschen gingen leicht bekleidet durch Parks und Straßen. Einige Hilfreiche wohlwollende Polizisten standen entspannt dabei. Friedliche Demonstranten befanden sich im ruhigen Gespräch mit hohen Stadtbeamten, um neue Lösungen zu finden.
Könnte ein solcher „Vertrauensvorschuss“ sowohl von der Polizei gegenüber den Bürgern, als auch von kritischen Bürgern gegenüber der Polizei nicht viel hilfreicher sein, als gegenseitiges Misstrauen. Wie wäre es, wenn wir mit solchen inneren Assoziationen das „Hamburger Vertrauensgebiet“ besuchen würden? Wie würden sich Polizisten dort im Dienst fühlen?

Am nächsten Tag geschah in mir immer wieder eine nette Transformation. Jedes Mal wenn ich in den Nachrichten „Gefahrenzone“ hörte oder das Wort las, wandelte sich der Begriff in meinem Geist mit ein paar Zwischenschritten um: „Gefahrenzone“ wurde zu „Verfahrensgetue“. „Verfahrensgetue“ wurde zu „Vetrauensgebot“. „Vetrauensgebot“ wurde zu „Vertrauensgebiet“ Und Schwups, freute ich mich auf einen spannend entspannenden Spaziergang in St. Pauli. Jetzt wäre es fast schade, wenn die die Gefahrenzone wieder aufgehoben wird. Danke an die Hamburger Polizei!

Für die Aufhebung – so das Sein es will - bin ich aber trotzdem.

Tosten Brügge aus dem hamburger Schanzenviertel,  11.1.2013

 

 

 


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