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Marianne Gallen, Torsten Brügge und Wolf Schneider bloggen zu den Themen Spiritualität, Psychologie und Bewusstseinsentwicklung.

innerer und äußerer Wohlstand – eine spirituelle Perspektive auf Geld- und Wirtschaftssystem

Veröffentlicht von am in Torsten Brügge
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Liebe Leser,

vorweg: Ich bin wahrhaftig kein Geld- und Wirtschaftsexperte und werde es wohl auch nie werden. Dennoch möchte ich mit diesem Blogeintrag dazu einladen, das Thema "Wirtschafts- und Geldsystem" aus verschiedenen (spirituellen) Perspektiven  zu beleuchten. Dies passt auch zur gerade aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Connection spirit mit dem Titel "Wachstum ohne Ende? Nein: Werde, der du bist!". Dort gibt es viele interessante Stimmen dazu. Der Entwurf für diesen Blogbeitrag, entstand aber schon früher.

Mir scheint die Beschäftigung mit  unserer aktuellen westlichen Wirtschaftsordnung, deren Dynamiken und Folgen, ein wichtiges Thema zu sein. Gerade Menschen mit einer spirituellen Ausrichtung, die die Bereitwilligkeit haben Altgewohntes zu hinterfragen, können hier neue Sichtweisen entdecken und zu einer „Aufklärung“ in diesem Bereich beitragen, die vielleicht auch Auswirkungen auf breitere gesellschaftlichen Schichten haben könnte. 

Bei dieser Hinterfragung gibt es (mindestens) zwei grundsätzliche Perspektiven: Die innere und die äußere. Erstere beschäftigt sich mit dem unmittelbaren Erleben von Glaubensmustern, Einstellung, Identitätsempfinden, Gefühlen, Motivation -  also all dem was "innerlich abgeht". Letztere befasst sich mit äußeren Faktoren: Systemen, Gesellschaftsstrukturen, Wirtschaftsordnungen, Geldsystemen, Institutionen und der Wechselwirkung all jener Elemente.

Mein Schwerpunkt in der Rolle eines spirituellen Begleiters und Lehrers liegt vor allem darin, Menschen einzuladen, sich der inneren Dynamiken ihres Erlebens bewusst werden. Aus dieser Perspektive können wir uns dem Thema "Geld und Wirtschaft" nähern und befreiende Erkenntnisse gewinnen. Unsere Beziehung zu "Geld und Wirtschaft" ist stark davon geprägt, womit wir uns identifizieren und welche Vorstellungen von Glück und Lebenszufriedenheit wir daraus ableiten. Nach den Beschreibungen spiritueller Ansätze, wie zum Beispiel dem Advaita, leben die meisten Menschen unter einer Glocke der Unbewusstheit und Verblendung. Wir haben den bewussten  Kontakt zu unserer wahren Natur verloren, weil wir uns übermäßig mit unserem Körper, unseren Gefühlen, Gedanken, sozialen Rollen, unserer Person identifizieren. 

Tatsächlich besteht unser innerster Wesenskern als regloses, friedvolles, in sich selbst erfülltes Bewusstsein. Doch durch die Verschleierung dieser Wahrheit ändert sich unser Erleben. Wir fühlen uns abgetrennt, ungenügend, unzufrieden und ängstlich. Meist versuchen wir diese leidvollen Gefühle mit psychologischen Abwehrmechanismen von uns fern zu halten. So bauen wir eine Maskenidentität auf mit der wir uns von einem authentischen menschlichen Dasein und unserem transzendenten Wesenskern entfernen.
Eine Form der Abwehr besteht darin, dass wir über unsere natürlichen menschlichen Bedürfnisse hinaus nach Ersatzbefriedigungen suchen. Materielle Sicherheit und Wohlstand versprechen uns den Reichtum und das Wohlempfinden, die unserer innersten Natur zueigen aber meist verdeckt sind, zurückzugeben. Wir suchen im Außen nach Bequemlichkeit, Vergnügen, Luxus, nach immer mehr und immer besseren Konsumobjekten. In dieser "Gier nach mehr" sind wir oft triebhaft gesteuert. Unsere Perspektive verengt sich. Wir sehen und handeln egozentrisch. Wir werden blind für die Auswirkungen, die unsere Sucht nach Ersatzbefriedigung auf uns selbst, unsere Mitmenschen und unsere Umwelt hat. Und vor allem: Wir bleiben unbefriedigt.

Zugleich werden wir von Angst getrieben. Es ist die Furcht, dass unser persönliches Leben bedroht und ausgelöscht werden könnte. Weil wir das Bewusstsein für unseren unsterblichen Wesenskern verloren haben, glauben wir an die Realität des Todes und fühlen uns durch ihn bedroht. Während uns die Gier nach vorne zieht, sitzt uns die Angst im Nacken und hetzt uns von hinten. Furcht zeigt sich konkret im übermäßigem Festhalten an vermeintlich sicheren Strukturen, in der panischen Übererregtheit und nervösen Aktivität, wenn unsere vertrauten Lebensumstände und unser vermeintlicher Besitz bedroht werden.

Die Geistesbewegungen von Gier und Angst erleben wir innerlich: Wieviel unseres Denkens dreht sich um Geld und wirtschaftlichen Wohlstand? Wie oft ist diese Aktivität von Gier angetrieben? Wie häufig glauben wir, dass das, was wir jetzt haben und erfahren, nicht genügt und begeben uns dann auf die Jagd nach mehr, nach noch mehr und noch mehr?

Und wieviel Geistesaktivität dreht sich um wirtschaftliche Angst und die vielen Versuche uns vor Verzicht, Verlust oder materieller Armut abzusichern?  Ein gewisses Maß an Beschäftigung mit Gedanken an Geld und materielle Absicherung ist natürlich. Aber in Unkenntnis des Reichtums unserer wahren Natur  nimmt das ein Übermaß an, unter dem wir und unsere Umwelt leiden. Dann fühlen wir uns im Verlangen verloren oder in der Frucht gefangen. Damit schneiden wir uns noch mehr von innerem Frieden und „innerem Wohlstand“ - im Sinne eines „Stehens im Wohlgefühl“-  ab. Das wiederum bringt uns in einen „ressourcen-armen“ Bewusstseinszustand in dem klares und ganzheitliches Wirtschaften schwer fällt.  

 Die Kräfte von "Gier" und "Angst" sind nicht nur individuell zu spüren, sondern wirken sich auch kollektiv aus. Ein Blick an die Börsen reicht aus: Die psychologischen Einflüsse von Angst und Gier haben einen enormen, wenn nicht sogar den entscheidenden Einfluss auf das Verhalten von Händlern und Investoren hat. An seiner Oberfläche scheint der Finanzmarkt von harten Fakten und logischen Entscheidungen bestimmt zu sein. Doch schauen wir nur ein wenig tiefer, sehen wir, wie sehr psychologische Verwirrung von überhöhten Hoffnungen und dramatisierten Befürchtungen, von Verlangen und Furcht die Finanz- und Wirtschaftsströme unserer Welt beeinflussen. Im Strudel dieser Kräfte ist es fast unumgänglich, dass unser Umgang mit Geld egozentrisch und destruktiv bleibt. Starren wir allein auf die maximale Rendite, den maximalen Zins, den maximalen Gewinn für unser Geld, sehen wir nicht welche Auswirkungen bestimmte Käufe und Investitionen haben. Wir erkennen nicht, dass riesige Finanzblasen entstehen, die kaum einen realwirtschaftlichen Gegenwert aufweisen. Es ist uns egal - oder bleibt zumindest unbewusst - ob unsere Kaufkraft und unsere Investitionen eher in die Ausbeutung und Schädigung von Menschen und Umwelt fließt oder Wirtschaftsbereiche unterstützt, die sich für Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Umweltschutz und ähnliche Werte engagieren. Wir laufen einfach mit in einem Wirtschafts- und Geldsystem, das vermeintliche Gegebenheiten, wie den stetigen Wachstumsdruck, die Selbstverständlichkeit von Zins und Zinseszins, das Konstrukt eines nie alternden Geldes, als selbstverständliche Wahrheiten erscheinen lässt. Wir merken, nicht wie fragwürdig, ja oft abstrus unvernünftig viele dieser Konstrukte eigentlich sind.

Ich möchte im Folgenden nicht suggerieren, dass es für all diese Problematiken einfache Lösungen gibt. Und doch bin ich der Überzeugung, dass man zumindest zwei wichtige Elemente einer möglichen Veränderung aufzeigen können. Die eine besteht in einer innerlichen Bewusstseinsentwicklung, die zunächst in jedem Individuum und dann als "Graswurzelbewegung" auch kollektive Veränderungen mit sich bringen könnte. Der zentrale Punkt besteht dabei in der Wiederentdeckung unserer wahren Natur als in sich selbst erfülltes Gewahrsein. Die verdunkelnden Geisterkräfte unsere Identifikation mit einer Person können durchschaut und die Wahrheit dahinter kann wieder entdeckt werden. Damit finden wir Zugang zu einer natürlichen, immer schon gegenwärtigen Erfahrung inneren Friedens. Die Entdeckung dieses Friedens stellt den wahren Reichtum eines menschlichen Lebens dar. Sie erfüllt und befriedigt tatsächlich. Echte innere Erfüllung ist unabhängig von Bedingungen und nicht an Objekte gebunden. Mit ihrem Erleben verschwindet die Gier nach immer mehr und immer besseren Erfahrungen. Das Verlangen nach übermäßigem Konsum löst sich auf, wir werden auf eine gesunde Weise bedürfnisloser.

Mit der Entdeckung unseres wahren Wesens jenseits der Fehl-Identifikation stellen sich auch Vertrauen und ein Gefühl tieferer Sicherheit ein. Wir transzendieren unsere menschlichen Ängste vor Verlust und Tod. Das bedeutet nicht, dass wir keinerlei Angst mehr erleben. Doch wir lassen uns von ihr, bzw. unseren Reaktionen auf sie, nicht mehr beherrschen. Stattdessen können wir die Ungewissheit und Endlichkeit unserer menschlichen Existenz mit Freude und Lebendigkeit willkommen heißen.

Diese Freiheit von Gier und Angst lässt uns innerlich und äußerlich vollkommen neue Perspektiven erkennen. Durch das Ruhen in bedingungsloser Erfüllung werden wir mutiger, sowohl unsere individuelle Beziehung zu Geld und Wirtschaft, als auch die kollektiven Glaubensmuster im Wirtschaftssystem genau unter die Lupe zu nehmen. Wir trauen uns,  auch andere Wege zu gehen als die gewöhnlichen Lebensplanungen und Wirtschaftsweisen. Wir vertrauen darauf, dass echtes Glück immer zur Verfügung steht, unabhängig davon, über wie viel Geld und wirtschaftlichen Wohlstand wir verfügen.

Und hier möchte ich auch zu einem äußeren Aspekt des Themas "Geld und Wirtschaft" kommen, nämlich die grundlegende Hinterfragung wesentlicher Glaubensmuster, die wir kollektiv zu diesem Thema in uns tragen.

Dies ist keineswegs ein "leichtgängiges" Thema - jedenfalls war es das für mich nicht. Aber zunächst aufgrund der Anregung eines Freundes (Eramo Radant) und weiteren Recherchen von mir selbst, ist mir in den letzten Jahren klar geworden, wie selbstverständlich wir an viele Begrifflichkeiten des Wirtschaftslebens glauben, ohne sie eigentlich tiefer zu durchdringen oder gar zu verstehen.

Ich möchte dem Leser  hier auch keine fertigen Sichtweisen vorgeben, sondern einige anregende Fragestellungen aufzeigen, die Eingangstore zu einer intelligenten, kritischen Betrachtung eröffnen können:

 - Was ist Geld eigentlich? Wofür wurde es "erfunden" und welche Funktion hat es heute? Hat eine Geldmünzen oder ein Geldschein überhaupt einen realen Gegenwert?

 - Was ist Zins und Zinseszins? Welche Auswirkungen hat er auf die Schaffung und Umverteilung von Geldwerten?

 - Wieviel Zinskosten stecken in den alltäglich gebrauchten Gütern von Nahrungsmittel, Mieten, Mobilität  usw.?

 - Was haben die Gewinne aus Finanzprodukten mit den Schulden der Schuldner zu tun?

 - Wieso geht die Schere zwischen Reich und Arm in den meisten Gesellschaften immer weiter auseinander?

 - Was ist mit "Wachstum" gemeint? Welche Arten von Wachstum gibt es und wie kommt es zum allgemeinen wirtschaftlichen "Wachstumsdruck"?

 - Was für andere Möglichkeiten eines Geld- und Wirtschaftssystem gibt es?

 - Wie wäre es den Zins abzuschaffen oder zu minimieren?

 - Was ist "Freigeld" (oder umlaufgesichertes Geld) und was bewirkt es?

 - Welche Möglichkeiten hat jeder Einzelne, um andere Geldsystemen oder Wirtschaftsmodelle auszuprobieren?

Wenn man solchen Fragestellung anhand von Literatur, Web-Recherchen und eigenen Reflektieren nachgeht, mag das manchmal erst kompliziert erscheinen - mir jedenfalls erging es so. Und dennoch lohnt es sich. Zeitweise schien es mir so, als würde die "Denkarbeit", solche Fragen zu ergründen, tatsächlich einer Art spiritueller Praxis gleichen. Dabei geht es zunächst um eine recht intellektuelle Auseinandersetzung, für die wir vernunftsbegabtes Denken brauchen. Auf einer tieferen Ebene findet dann ein Aufbrechen von altgewohnten Denkmustern statt, das zur Eröffnung völlig neuer Perspektiven führt. Insofern scheint es mir gerade beim Thema „Geld und Wirtschaft“, dass sich sowohl eine innere als auch eine äußere Perspektive gegenseitig fruchtbar ergänzen.

Wer sich mehr mit dem Thema beschäftigten möchte, empfehle ich die aktuelle Ausgabe der Connection spirit.

Eventuell werde ich an dieser Stelle auch noch einige Literaturempfehlungen nachliefern.

 Torsten

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