Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Das Enneagramm – neun Formen der Liebe

Details

Was ist Liebe? Keine Antworten, nur Fragen, aber dafür unbequeme

In unserer Art zu lieben, zu hassen oder gleichgültig zu sein; in unserer Art Liebe anzunehmen oder zu verweigern; in unserer Sehnsucht nach ihr ebenso wie in unserem Liebeskummer zeigen wir, was für Typen wir sind. Es gibt deren neun, sagt das Enneagramm, und diese neun sind nicht nur neun Typen von Menschen, sondern auch neun Arten, wie jeder Mensch der Liebe begegnet, ihrem Licht und ihren Schatten.

von Boris Fittkau

»I've looked at love from both sides now,
from up and down, from give and take,
from win and lose, and still somehow
it's love's illusions that I recall,
I really don't know love at all« — Joni Mitchell

Dass wir nicht wissen können, was Liebe ist, das wissen wir inzwischen – oder etwa nicht? Mir kommt es so vor, als hätte jeder von uns unzählige Vorstellungen darüber, was Liebe ist, was sie nicht ist, wie sie auszusehen hat und wie sie auf keinen Fall erscheinen darf. Die Nagelprobe beginnt, wenn unser geliebter Partner oder unsere Kinder sich anders verhalten, als wir es für richtig finden. Oder unserer spiritueller Lehrer uns ganz unspirituell mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert. Können wir die Liebe in allem sehen, was das Leben uns schenkt?

Soviel wurde über Liebe schon gesagt und geschrieben. Dies spiegelt unsere große Sehnsucht nach Einheit und Rückkehr zu uns selbst. Wir sehnen uns nach Liebe ohne genau zu wissen, was Liebe ist. Wir haben Vorstellungen und glauben zu wissen, wie Liebe sich zeigen sollte. Aber wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir, dass gerade unsere Vorstellungen über Liebe uns von ihr trennen.

Ein Schlüssel zur Lösung dieses Dilemmas ist, uns unsere subtilen Vorstellungen über Liebe bewusst zu machen. Das Enneagramm als Spiegel der menschlichen Psyche kann uns dabei helfen, Liebe in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen erkennen zu können. Jeder der neun Archetypen des Enneagramms verkörpert sowohl essentielle Qualitäten der Liebe als auch Imitationen und Vorstellungen davon.

Als ich vor einigen Jahren dem amerikanischen Lehrer Steven Harrison die Frage stellte »Was ist Liebe?«, da kam zunächst ein schallendes Lachen. Dann sagte er: »Darauf gibt es nur eine Antwort, und die ist – zu lieben«. Diese Antwort beeindruckt mich immer noch. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um die Frage, was Liebe ist, sondern vielmehr darum, was es für mich bedeuten würde zu lieben. Die zweite, vielleicht noch unbequemere Frage ist: Bin ich bereit dazu?

Bei dieser Erforschung kann uns das Enneagramm als ein Spiegel der verschiedenen Ausdrucksformen von Liebe dienen und die Fragen aufwerfen, die die Liebe an jeden von uns stellt. In diesem Sinne lade ich den Leser auf eine kurze Begegnung mit den neun Archetypen ein, die im Enneagramm beschrieben werden und auf die Form von Liebe, die sich durch sie ausdrückt.

Eins: der Herrscher

Photo Herrscher

Auf der Reise durch das Menschsein ist die erste Haltestelle der Typ des Herrschers. Gerecht und gütig, aber auch streng und kompromisslos, wenn es darum geht, die Umstände anzuschauen, die nicht im Lot sind. Liebe an Punkt eins erscheint als Strenge und Gerechtigkeit, als Disziplin, und damit als Erziehung im besten Sinne des Wortes. Typ eins zeigt uns, dass Liebe einen Rahmen braucht, und durchaus auch aus Arbeit und Mühe bestehen kann. Liebe braucht das Sicheinlassen und die Konsequenz, an den Dingen zu arbeiten, die noch nicht vollkommen sind. Gleichzeitig spiegelt uns dieser Typ aber auch, wie Liebe zerstört werden kann – nämlich durch den ewigen Versuch, den Gegenüber ändern und verbessern zu wollen, ihn eben nicht so zu lassen, wie er ist.

Eine kurze Geschichte des Enneagramms

Die geschichtlichen Ursprünge des Enneagramms liegen im Dunklen. Vermutlich war es bereits im 10. Jahrhundert in geheimen Sufi-Bruderschaften im mittleren Osten bekannt. Der russische Mystiker G.I. Gurdjieff brachte Anfang es Anfang des 20.Jahrhunderts in den Westen. Er wandte es jedoch hauptsächlich als Prozessmodell an und nicht in Bezug auf die menschliche Psychologie. Dies geschah erst um 1960 herum in der Arbeit des bolivianischen Mystikers Oscar Ichazo und dessen Schülers Dr. Claudio Naranjo, die zum ersten Mal die 9 Charakterstrukturen des Enneagramms so beschrieben, wie sie heute gängig sind. Seit den 60er Jahren hat das Enneagramm in Amerika und Europa eine große Verbreitung und Popularität erfahren, wo es nicht nur in psychologischen und spirituellen Kreisen, sondern auch im Bereich der Unternehmensberatung und der Theaterarbeit angewendet wird.

Für den Typ eins, wie auch für jeden von uns, bedeutet Liebe immer wieder ein Loslassen unserer Vorstellungen von richtig und falsch, gut und böse. Und die Frage, die die Liebe an uns richtet ist: Sind wir bereit dazu? Sind wir bereit, den Partner so zu lassen wie er ist, auch wenn er nicht unseren Vorstellungen entspricht? Sind wir bereit aufzuhören, ihm seine Fehler um die Ohren zu hauen und ihn verbessern zu wollen? Bin ich bereit zu lieben?

Zwei: die Mutter

Photo Mutter

Was die Eins erst mühevoll lernen muss, scheint Typ zwei bereits in sich zu tragen. Hier spiegelt sich der Archetyp der Mutter, die wohlwollend und nährend ihre Kinder in das Erwachsensein hinein begleitet. Hier erscheint Liebe in ihrer mütterlichen Form als Geben, Unterstützen und Fördern durch Lob und Anerkennung. Im Schatten der Mutter liegt die Über-Mutter, die gibt, um etwas zu bekommen; ihre Liebe wird nicht gratis vergeben, sie erwartet einen Rückfluss – und wehe, er kommt nicht … Typ zwei spiegelt die Todsünde des Stolzes, der dadurch genährt wird, dass andere mich für das lieben, was ich für sie tue. Auf dem inneren Weg wird sich Liebe deshalb immer wieder auch als Demütigung zeigen. Die Frage, die die Zwei daher für alle aufwirft ist: Bin ich bereit zu lieben, auch wenn meine Liebe nicht erwidert wird? Bin ich bereit zu geben, auch wenn nichts zurückkommt? Und noch weitreichender: Bin ich bereit zuzulassen, dass die Liebe meinen Stolz demütigt? Kann ich eine Demütigung als Form der Liebe erkennen?

Drei: der Magier

Photo Magier

Wo wir schon gerade unbequeme Fragen stellen: Wie sieht es eigentlich mit meinem Image und meinem Status aus? Bin ich bereit, all dies für die Liebe aufzugeben? Bin ich bereit, zu lieben, auch wenn das bedeuten könnte, dass ich mein Gesicht verliere? Wenn wir ehrlich sind, sollten wir zumindest mal schlucken und tief durchatmen, bevor wir mit Ja antworten. Wir wollen schön sein und erfolgreich, wir wollen, dass die Welt bewundernd auf uns schaut – im Enneagramm werden diese Wünsche im Typ drei gespiegelt, dem Archetyp des Magiers, in dessen Schatten die Eitelkeit liegt. Falsche Liebe erscheint hier als ein erfolgreiches Produzieren von glanzvollen Leistungen und Projekten, von Geld, Reichtum, Prestige und perfekten Partnerschaften, wo alles zu stimmen scheint (»Mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder …«). Es wird ein solcher Schein von Liebe und Glück aufgebaut, dass niemand auf die Idee kommt, dass es hinter dem Schein alles hohl sein könnte, dass es eine Fassade ist, eine Filmkulisse – und wenn man die kräftig antippt, dann fällt sie um. Was wäre, wenn die Liebe deine Fassade umwirft, wenn sie die Kulissen zerstört, an denen du vielleicht dein ganzes Leben gearbeitet hast? Würdest du das als Liebe erkennen? Nehmen wir an, du bist erfolgreich, nehmen wir an, du hast es im Leben geschafft – wärst du bereit zu versagen und dies alles zu verlieren? Nehmen wir an, du bist eine schöne Frau, ein schöner Mann – bist du bereit zu altern, den Verfall des Körpers zu erleben – und dies alles als Akt der Liebe zu erkennen? Bin ich bereit, meinen Partner weiterhin zu lieben, auch wenn er alt wird? Ich weiß nicht, wie es dir geht, mich persönlich jedenfalls bringen diese Fragen an eine Grenze. So genau möchte ich es dann doch nicht wissen …

Photo Künstler

Vier: der Künstler

Auf unserer Reise durch das Kaleidoskop des Menschlichen sind wir bei der vierten Haltestelle angelangt, dem Archetyp des Künstlers. Er zeigt uns, dass Liebe etwas Kreatives, Neues und Besonderes ist. In seinem Schatten zeigt sich der tragische Romantiker, für den Liebe ein sehnsüchtiges unerfülltes Warten auf den Märchenprinzen ist, der nicht kommt – hoffentlich, denn würde er kommen, nach was sollten wir uns dann noch sehnen? Hier versteckt sich unsere Vorstellung, dass die Liebe sich nie erfüllen kann, dass sie nur in der Ferne zu finden ist, und sie muss romantisch, intensiv und verzehrend sein. Was aber wäre, wenn Liebe gar kein Gefühl wäre? Wenn sie gar nicht im Besonderen und Extremen zu finden wäre, sondern im Gewöhnlichen und Alltäglichen, was dann? Eine Vier zumindest wäre spätestens jetzt sicher, mit dem falschen Partner zusammenzusein. Und weiter würde die Suche nach dem Märchenprinzen auf dem weißen Pferd gehen, weiter würde sich die Spirale von Täuschung und Enttäuschung drehen. Typ Vier spiegelt die unangenehme Wahrheit, dass es gerade unsere Suche nach Liebe ist, die uns die Liebe nicht erkennen lässt. Bin ich bereit, damit aufzuhören und Liebe in dem zu erkennen, was da ist? Bin ich bereit zu lieben?

Was die Liebe uns lehren kann

  1. Sie liebt die Unvollkommenheit mehr als die Perfektion
  2. Man kann sie nicht kaufen. Geliebtwerden ersetzt nicht die Selbstliebe
  3. Sie ist nur in uns zu finden, nicht außen – mag der äußere Schein auch noch so schön sein.
  4. Sie ist ganz normal und gewöhnlich – kein dramatisches oder intensives Gefühl
  5. Sie entsteht nur in Nähe und direktem Kontakt und lässt sich nicht in philosophische Konzepte pressen
  6. Man kann sie nicht festhalten oder absichern und auch nicht kennen, man kann ihr nur vertrauen
  7. Sie ist kein Spiel, und sie verlangt, dass man sich auf sie einläßt
  8. Man kann sie nicht besitzen
  9. Sie ist nicht dassellbe wie Harmonie

Fünf: der mystische Philosoph

Photo Philosoph

Der Nachbar der Vier, Enneagrammtyp fünf, hat bereits erkannt, dass Liebe nicht in der Ferne liegt und auch nicht in der Welt der Gefühle zu finden ist. Die Fünf hat dies jedoch ein wenig zu wörtlich genommen. Sie hat bereits aufgegeben, die Liebe in der äußeren Welt zu finden; sie hat sich ganz in eine innere, geistige Welt zurückgezogen. Ihre zentralen Antriebskräfte sind Geiz und Habsucht – keine guten Voraussetzungen für Liebe. Aber gottseidank sind wir ja nicht geizig – wir geben viel und gerne und sind bereit, uns von der Liebe und dem Leben voll nehmen zu lassen, und alles zu geben, oder? Typ fünf sieht das anders und spiegelt damit für jeden von uns die tiefsitzende Angst, von der Liebe verschlungen zu werden, wenn wir uns für sie öffnen. Die Frage an Typ fünf (oder die Haltestelle fünf, auf der Lebensreise) könnte lauten: Bist du bereit, den Schatz, den du in dir trägst, mit deinem Mitmenschen zu teilen? Bist du bereit, anderen den kleinen Finger zu reichen und wenn sie wollen, die ganze Hand gleich hinterher – und dich selbst? Willst du das überhaupt – dich ganz schenken und damit jeden Rückzug aufgeben? Der Schatz der Liebe an Punkt FÜNF wird im Archetypen des mystischen Philosophen gespiegelt, der in sich den tiefen Wunsch spürt, wie Goethes Faust, wirklich zu erkennen »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Letztlich sucht der Philosoph nach einem tiefen Verstehen, was Liebe ist. Typ fünf spiegelt Liebe als Weisheit und ruhiges, kontemplatives Schauen auf die Irrungen und Wirrungen des Lebens. Ohne Anhaftung, trotzdem voll und ganz da sein als Teil der Welt. In der Welt sein, aber nicht »von dieser Welt«.

Sechs: der Held

Photo Held

Punkt sechs des Enneagramms wird von Angst und Zweifeln regiert. In Bezug auf die Liebe zeigt dieser Punkt unsere tiefe Angst vor der Liebe und den Wunsch, ihre Unberechenbarkeit abzusichern und uns in sichere Gefilde zu retten. Auf der Lichtseite spiegelt Punkt sechs im Archetyp des Helden Treue und Vertrauen als Wesenskern der Liebe. Liebe bedarf eines treuen Zueinanderstehens auch in schwierigen Zeiten. Eine Verlässlichkeit, die nicht durch das Auf-und-Ab von Gefühlen beeinflusst werden kann. Die Frage, die die Sechs aufwirft ist, ob ich bereit bin, der Liebe voll und ganz zu vertrauen, für sie die Sicherheit aufzugeben und mich aufs offene Meer hinauszuwagen. Kann ich die Unberechenbarkeit des Lebens und der Liebe als Quelle von Lebendigkeit und Kreativität erkennen, ohne Netz und doppelten Boden – bin ich dazu bereit?

9 Missverständnisse über Liebe

  1. Das Dunkle und Böse sind kein Teil der Liebe
  2. Sie ist ein Tauschhandel
  3. Geliebt wird nur das Schöne und Erfolgreiche
  4. Sie ist unerreichbar – Erfüllung ist auf Erden nicht zu finden
  5. Ich musst mit meiner Liebe haushalten und mich hüten, weil sie mich verschlingen wird
  6. Zu lieben ist gefährlich. Die Liebe muss beschützt und behütet werden.
  7. Liebe ist immer leicht, spielerisch und abwechslungsreich.
  8. Mein/e Geliebte/r ist mein Besitz ist und dazu da, meine Bedürfnisse zu befriedigen.
  9. Liebe ist harmonisch und friedvoll, sonst ist es keine wahre Liebe.

Sieben: der Narr

Photo Narr

Liebe ist eine ernste Angelegenheit, das haben wir auf dieser Reise durchs Enneagramm inzwischen erkannt. »Falsch!« grinst uns der heilige Narr an Punkt sieben des Enneagramms ins Gesicht. Das Leben und die Liebe sind ein Spiel, eine göttliche Komödie, wo man früher oder später gar nicht anders kann, als lauthals über sich selber zu lachen – besonders über unsere Bemühungen, die Liebe endlich zu entdecken. Der heilige Narr bringt den Witz und Humor in die Liebe, den Spaß und die Freude, die Leichtigkeit. Fehlt dieses Element, so wird es schwer, öde, langweilig und ohne Saft. Andererseits zeigt uns der Narr ein entscheidendes Missverständnis, nämlich unsere Vorstellung, dass Liebe immer Spaß und Freude machen muss. Im Schatten des Narren lauert das ewige Kind, dass nicht erwachsen werden will und das lernen muss, dass das Leben nicht nur aus Spielen und Naschen besteht. Liebe in Freiheit bedeutet eben nicht Freie Liebe, polygame Sexualität und wildes Ausleben aller Phantasien, Themen aus denen die Sieben gerne eine Lebensphilosophie macht, die nach außen lebendig und spielerisch wirkt, in der Tiefe aber die Angst vor dem wirklichen Einlassen auf die Liebe verbirgt. Liebe kann sehr ernüchternd sein. Sie kann durchaus scheinbar langweilige und vielleicht sogar schmerzhafte Arbeit sein. Bin ich dazu bereit? Bin ich bereit, mich ernüchtern zu lassen, wenn der Rausch der Verliebtheit vorbei geht, oder hüpfe ich dann zur nächsten Blüte?

Acht: der Krieger

Photo Krieger

Wo sich bereits in der Sieben diese starke Ichbezogenheit von »mein Spaß« und »meine Freude« gezeigt hat, so finden wir an Punkt acht auf dieser Reise ungebremsten Egoismus, der sich nicht um das kümmert, was andere wollen oder von ihm halten. Im Schatten des Krieger-Archetypen liegt eine missbrauchtreibende, gewalttätige Persönlichkeit, für die Liebe im Grunde nicht existiert, und die deshalb aus dem Leben herausholen will, was sie kriegen kann. Liebe wird als zartes, schwächliches Gefühl gesehen, dem man mit Härte und offener Dominanz begegnen muss. Hier finden wir unser Machtanspruch über den Partner. Wer mit mir zusammen ist, ist mein Besitz. Er gehört mir und ich kann über ihn verfügen – und wehe, jemand will mir meinen Besitz wegnehmen! Punkt acht zeigt auch unsere Vorstellung, dass der Partner dafür da ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, nicht nur sexuell. Auf der Lichtseite bringt die Acht Facetten der Liebe ins Spiel, die wir oft nicht als Liebe erkennen: Gradlinigkeit, Direktheit, Unverblümtheit. Eine Acht sagt dir aus Liebe die Wahrheit, auch wenn es eine unangenehme Wahrheit ist. Eine Acht zeigt, dass Streit und Kampf ein Teil der Liebe ist und auch, dass Liebe nicht moralisch ist und immer wieder über gesellschaftliche Konventionen und Grenzen hinübergehen kann und wird. Bin ich bereit, den Menschen, die ich liebe, die Wahrheit zu sagen, auch wenn es weh tut? Andererseits: Bin ich bereit, meinen Besitzanspruch an den Partner aufzugeben? Bin ich bereit, Schwäche zuzulassen und von der Liebe besiegt zu werden? Bin ich bereit, auf Rache zu verzichten, selbst wenn mir Unrecht angetan wurde?

9 unbequeme Fragen zur Liebe

  1. Bin ich bereit zu lieben, ohne den anderen ändern oder verbessern zu wollen?
  2. Bin ich bereit zu lieben, ohne eine Gegenleistung dafür zu bekommen?
  3. Bin ich bereit, für die Liebe meinen äußeren Erfolg und meinen Status aufzugeben?
  4. Bin ich bereit, die Liebe nicht mehr in der Ferne zu suchen, sondern in dem zu erkennen, was jetzt ist?
  5. Bin ich bereit, für die Liebe meinen Rückzug aufzugeben und mich dem Leben voll und ganz zu schenken?
  6. Bin ich bereit, für die Liebe meine Sicherheit aufzugeben und mich in unbekanntes Terrain zu wagen?
  7. Bin ich bereit zu lieben, auch wenn es ernüchternd ist und immer wieder ohne Spaß abläuft?
  8. Bin ich bereit zu lieben, ohne einen Besitzanspruch an den anderen zu haben?
  9. Bin ich bereit, aus Liebe kompromisslos zu sein und Konflikte in dem Moment anzugehen, wo sie auftauchen?

Photo Heiliger

Neun: der Heilige

Der Kreis schließt sich an Punkt neun, dem Archetyp des Heiligen. Dieser verkörpert eine allseits akzeptierte Form der Liebe in Gestalt von Freundlichkeit, Akzeptanz und Mitgefühl. Eine Neun versteht und liebt jeden so wie er ist. Sie versorgt, kümmert sich, tut alles für andere. Was für die Umgebung einer Neun durchaus angenehm sein kann, geht für die Neun oft mit Selbstaufgabe einher. Die Neun spiegelt unsere Verwechslung von Liebe mit Harmonie. Wir tun viel dafür, dass Konflikte unter dem Tisch bleiben und die Harmonie gewahrt bleibt. Punkt neun auf unserer Reise zeigt, dass Liebe mit Akzeptanz zu tun hat und tatsächlich immer wieder auch ein Aufgeben der festen Standpunkte beinhalten kann. Aber es zeigt uns auch, dass falsche Harmonie das Ende der Liebe ist und dass Streiten und Zorn ein Ausdruck von Liebe sein kann. Sind wir also bereit, die Konfliktvermeidung zu beenden, auch wenn dabei die Harmonie den Bach runtergeht? Sind wir dazu bereit?

Jeder der neun Enneagramm-Typen spiegelt eine Art und Weise, wie Liebe sich zeigen kann. Jeder Typ zeigt eine Facette von Liebe und die dabei auftretenden Missverständnisse und Imitationen von Liebe. Jeder Punkt birgt in sich Aspekte der Liebe, die wir bereits als Liebe in uns und anderen entdeckt haben und wirft gleichzeitig Fragen auf, die uns immer wieder an die Grenze unserer eigenen Liebesbereitschaft bringen.

9 Formen, wie Liebe sich zeigen kann…

  1. Väterlich-fördernde Liebe
  2. Mütterlich-unterstützende Liebe
  3. Schöpferisch-tatkräftige Liebe
  4. Romantisch-verzehrende Liebe
  5. Geistig-platonische Liebe
  6. Freundschaftlich-treue Liebe
  7. Spielerisch-humorvolle Liebe
  8. Kämpferisch-streitende Liebe
  9. Geschwisterlich-
    akzeptierende Liebe

Wenn wir erkennen, dass die Liebe unterschiedliche Formen annehmen kann – auch solche, die uns zunächst fremd sind – dann wird es uns leichter fallen, die Geschenke des Lebens anzunehmen. Wir werden offener und neugieriger auf uns selbst und unsere Mitmenschen. Wir erfahren mehr Kraft in unseren Begegnungen – am Arbeitsplatz, mit unseren Kindern, mit unserem Partner. Wir erkennen, dass wir nicht wissen können, was Liebe ist, aber dass wir trotzdem bereit sein können zu lieben – auf unsere ganz persönliche Weise. Sind wir bereit dazu?

S. a. connection Spirit 3/06 »Neun Beerdigungen für eine Leiche«, über das Enneagramm-Theater, das im März in Deutschland tourte. Die Fotos zu diesem Artikel sind Aufnahmen aus diesen Theateraufführungen. Die nächsten Enneagramm-Seminare mit Boris Fittkau finden in München statt: 26.–28. Mai »Enneagramm der Archetypen« und 10.–12. Nov. »9 Begegnungen mit Liebe«. Infos hierzu unter http://www.boris-fittkau.de/

Photo

Boris Fittkau ist Vater von zwei Söhnen. Nach langjähriger beruflicher Tätigkeit als Informatiker ist er seit 1993 als Referent und Seminarleiter in der Erwachsenenbildung tätig. Themenschwerpunkte sind dabei das Enneagramm, Theater, Liebe & Partnerschaft. Er ist Schüler und Mitarbeiter des advaita-Lehrers OM C. Parkin. 2001 gründete er das Enneagramm-Theater Hamburg (connection 3/06, S. 10/11. Seither steht er regelmäßig auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Links

   
© Connection AG 2015