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Intuitive Gymnastik

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Intuitive Gymnastik
© Jürgen Reitböck pixelio.de

Aufmerksam werden für die Impulse des Körpers

Es gibt unzählige Varianten von Methoden, den Körper zu trainieren, von uralt bis brandneu, von schwungvoll dynamisch bis sanft und weich. Doris Hörnig plädiert dafür, sein eigener Gymnastiklehrer zu sein und aufmerksam zu werden für die Impulse aus dem Körper...

Denn wer weiss wohl am besten, wie man sich am günstigsten bewegt, sitzt, läuft... wer, wenn nicht der Körper selbst, der alle diese Tätigkeiten ausführt. Wozu eine Bewegungsvorschrift, einen Übungsablauf, der von anderen entworfen wurde - zu einer ganz anderen Zeit, unter ganz anderen Bedingungen... - in immer gleicher Art kopieren und sich dem unterordnen, wenn es die Möglichkeit gibt, selbst Kontakt aufzunehmen zu seinem Körper und ihn zu bitten, die Regie der Gymnastik-, Yoga- oder Sonst-Was-Stunde selbst zu übernehmen und zu sagen, welche Muskeln er gerade anspannen möchte, welche Gelenke gerade gedehnt werden sollten und wie lange er ausruhen möchte.

Das Gefühl für den eigenen Körper entwickeln

Ich bin sicher, dass in jedem Menschen das Gefühl für den eigenen Körper und seine Bedürfnisse vorhanden oder aber erweckbar ist. Natürlich muss man sich daran gewöhnen, dass nicht der Kopf – wie fast immer – den Ton angibt und sagt, was zu machen ist (in Kursen übernimmt das dann ein fremder Kopf), sondern still werden, aufmerksam und ganz sensibel für die feinen Impulse des Körpers, die er aussendet, um uns zu sagen, was er braucht.

Vielleicht gelingt es dem einen besser, dem anderen weniger gut, aber mit etwas Übung und ein bisschen guten Willen wird es jedem möglich sein, die leise Bitte des Körpers »Ja, jetzt noch ein bisschen mehr in diese Dehnung hineingehen« oder aber: »Das Bein ein bisschen zurücknehmen« zu vernehmen, allerdings muss man bereit sein, seinen intellektuellen Impulsgeber wenigstens für kurze Zeit auszuschalten. (Natürlich spricht der Körper nicht in Worten, denn das ist ja genau die Sprache des Intellekts, aber um hier Beispiele fûr mögliche Bewegungsimpulse zu geben, bleibt mir nur das Wort...)

Natürlich sind die meisten von uns nicht in der Lage, längere Zeit das Rattern ihrer Gedanken abzustellen, und sehr rasch kreist der Kopf wieder entweder um weiter entfernte Geschehnisse (»Was werde ich heute mittag kochen? ... Ah, ich muss Elvira heute abend noch anrufen...« usw.) oder klinkt sich sofort wieder in die Körperübungen ein (»Ja, das klappt ja schon viel besser als beim letzten Mal... Wenn ich die Schulter jetzt nach hinten drücke, kann ich die Wirbelsäule noch besser dehnen...«).

Macht nichts, das ist klar und unvermeidlich, wir sind nun mal kopfgeprägt und vor allem gedankengesteuert. Aber es ist auch kein Grund aufzugeben und dem Kopf jedes Feld, sogar unseren Körper und seine Bewegungen zu überlassen.

Intuitive Gymnastik
© Lysann Morgenstern pixelio.de

Wenn der Körper das Zepter übernimmt

Also ganz so wie in der Meditation, und diese Art der Gymnastik hat sicher viel mit einer Meditation gemeinsam, die Aufmerksamkeit wieder zurück auf den Körper lenken und erspüren, was der Körper nun möchte. Um so aufmerksamer das gelingt, um so dichter kommt man an den Zustand, indem nur noch der Körper agiert und man selbst zuschaut, wie er die Gliedmaßen, den Rumpf usw. bewegt. Dabei ist völlig egal, ob die Bewegungen eher sehr dynamisch, mit großer Intensität oder eher sehr fein, oft nicht mal mehr äußerlich sichtbar sind. Der Körper allein entscheidet, was gerade dran ist. Und für einen selbst bleibt das wunderbare Erleben der völligen Übereinstimmung mit seinen Bewegungsimpulsen und der Hingabe an seine körperlichen Bedüfnisse.

Ob mit Musikuntermalung oder ohne kann jeder ganz nach Belieben selbst entscheiden. Sicher ist es auch von objektiven Gegebenheiten abhängig, ob eher in der Stille oder mit musikalischer Hilfe bewegt wird. Ich finde beide Methoden gleichwertig und möchte jeden ermuntern, so es möglich ist, beide auszuprobieren.

Die einzig wichtige Prämisse ist: Dem Körper selbst das Zepter zu übergeben, sich von ihm vielleicht ab und zu überraschen zu lassen, aber ihn nie zu bevormunden. Wie gesagt: Das vertrauen in die Fähigkeit des Körpers ist vielleicht nicht sofort bei jedem hundertprozentig da und ganz sicher sehr unterschiedlich ausgeprägt, aber was allein zählt, ist der Wille, die »Sprache" des Körpers zu hören und sich ihr zu unterwerfen.

Mit jedem neuen Versuch spürst du genauer die Impulse deines Körpers und kannst sie allein wirken lassen, mit jedem mal weisst du mehr, dass du nur Zeuge zu sein brauchst von etwas, was ganz ohne dich auskommt: dein Körper übt sich allein, er braucht dazu keine Vorschriften oder Übungsabläufe von anderen oder irgend jemandem ...

Vertraue deinem Körper

Natürlich heisst das auch, sich von jedem kopfgeprägten Resultatsdenken zu verabschieden

Natürlich heisst das auch, sich von jedem kopfgeprägten Resultatsdenken zu verabschieden. Du weisst nicht, ob der Körper gerade den Bizeps trainieren wird oder dir eine schlanke Taille verschaffen will. Doch dafûr kannst du volles Vertrauen darin haben, dass er ein für dich perfektes Übungsprogramm ablaufen lässt, indem die ganz spezifischen Erfordernisse deines Körpers bestmöglich berücksichtigt werden und das die Fähigkeiten jedes personal Trainers ganz sicher in den Schatten stellt.

Um so mehr du dich auf den Körper und seine Impulse einzustellen vermagst, um so weniger Ausschlag geben die Beurteilungen deines Kopfes. Und dann erlebst du plötzlich, wie du mit Wonne in einen Schmerz hineingehst, weil du in Übereinstimmung mit deinem Körper bist, und diese Harmonie viel mehr zählt, als das stöhnende Gezeter deiner Gedanken. Du brauchst dich nicht mehr zu überwinden, zu quälen, damit du ein bestimmtes Trainingsresultat erreichst... Das Einzige, was du brauchst, ist Vertrauen in deinen Körper und ein Quentchen Aufmerksamkeit, um auf seine Stimme hören zu können.

Ich weiss nicht, ob der eine oder andere, vielleicht vorher ohne Bewegungen meditieren sollte, um seine Aufmerksamkeit soweit lenken zu können, dass sie nicht augenblicklich wieder in den Kopf rennt und nur den eigenen Gedanken zuhört. Wer Schwierigkeiten hat, sich auf den Körper auszurichten, kann mit einfachen Atemmeditationen sicher üben, sich auf ein von ihm gewünschtes Objekt willentlich zu konzentrieren.

Ich kann mir aber vorstellen, dass jeder aus der Stille heraus in der Lage ist, seinen Körper zu spüren und wahrzunehmen, wie sich der Körper in jeder Sekunde bestmöglich einzurichten versucht. Da sinken die Schultern herab, da wird der Kopf ein wenig geneigt, und plötzlich läuft schon das individuelle Gymnastikprogramm an: Der Kopf will sich noch etwas mehr neigen oder drehen... Du machst nichts als diesem wundervollen Selbsttrainer zuzuschauen ... und ihn in seiner perfekten Abstimmung zu genießen... Du nimmst die Körperhaltung ein, die dein Körper sich von dir wünscht und bewegst dich, wenn du spürst, dass dein Körper es genau so und nicht anders will...

Dabei ist anfangs hilfreicher, sich überhaupt nicht zu bewegen, als irgendeine Bewegung zu erzwingen und willentlich zu erzeugen. Letzteres stört viel mehr, um in die körperinduzierten Bewegungsabläufe hineinzukommen, als wenn man eine Zeit lang mal gar nichts bewegt. Ein bisschen Geduld und Aufmerksamkeit, und plötzlich nimmt man Eigenbewegungen und Impulse des Körpers wahr.

Im Groben kennt das jeder, wenn er nach langer Arbeit am Schreibtisch unwillkürlich den Kopf dreht oder den Nacken massiert; oder die Arme verschränkt, wenn er friert oder die Füsse abwechselnd auf die Erde klopft, wenn sie kalt zu werden drohen.

Um so leichter man seine Aufmerksamkeit auf den Körper halten kann, um so mehr kann man auch dessen feinere Impulse wahrnehmen

Um so leichter man seine Aufmerksamkeit auf den Körper halten kann, um so mehr kann man auch dessen feinere Impulse wahrnehmen. Auch das entwickelt sich wie jede Fähigkeit mit der Zeit und mit zunehmender Übung. Auch hier ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und dennoch beglücken die ersten gelungenen Bewegungen, die man dem Körper selbst überlassen hat, genauso wie den kleinen Flötisten sein erstes »Hänschen klein«...

Der Tempel der Seele

»Der Körper ist ein wunderbares Instrument« wird oft gesagt. Das wunderbarste aber ist, dass er nicht nur das Instrument, sondern auch gleichzeitig der pefekte Instrumentalist ist. Nur hat uns das noch selten jemand beigebracht. Statt dieses Instrument spielen zu lernen, müssen wir lernen, uns zurückzuziehen und der feinen Musik zu lauschen, die der Körper selbst auf sich zu spielen vermag. Das Resultat ist eine neue Bekanntschaft mit dem »Tempel unserer Seele" und eine neue Sicht auf die ihm innewohnenden Fähigkeiten.

Deshalb sei dies hier eine ganz große Ermutigung und Ermunterung, sich auch im Bereich der Gymnastik und der Körperübungen auf Selbstverantwortung und authentisches Verhalten zu besinnen und sich nicht länger von anderen sagen zu lassen, was am besten für einen selbst sei.

Doris Hörnig

Doris Hörnig, Jahrgang 58, Mutter von zwei Kindern, diplomierte Ärztin, aber nicht mehr in diesem Beruf tätig, lebt seit zwanzig Jahren in Südwestfrankreich und beschäftigt sich vorrangig mit Körperarbeit, Musik und Meditation.

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