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Daehaeng Kunsunim: Umarmt von Mitgefühl

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Daehaeng Kunsunim
Daehaeng Kunsunim

Schluss mit Hokuspokus

»Hokus Pokus«: Diesen »Zauberspruch« kennt jeder. Doch woher stammt er eigentlich? Aus der Verballhornung lateinischer Texte im christlichen Kulturkreis. Und ebenso diente der erste Satz eines Sutra, »Suri Suri Mahasuri Susuri Sabaha«, als magische Formel – dem einfachen Volke wohlgemerkt. Denn der Sinn des in Sanskrit und Chinesisch gehaltenen Tausend Hände Sutras wurde nur von buddhistischen Gelehrten verstanden. Es wurde in den Klöstern Koreas täglich rezitiert und blieb dennoch mehr als ein Jahrtausend lang ein geheimer Text. Die 1927 in Seoul geborene Zehn-Meisterin Deahaeng, die zu den bedeutendsten buddhistischen Meistern Koreas zählt, übertrug den Text schließlich ins Koreanische und machte ihn so auch für den Laien verständlich.

Die Lobgesänge, Mantren und Bodhisattva-Gelübde sollen ein Weg sein, der direkt in das Innere des menschlichen Herzens führt, ja – es soll sich genau genommen um einen Weg zur Erleuchtung handeln. Avalokiteshvara soll der Legende nach aus Mitgefühl den Entschluss gefasst haben, nicht eher in das Nirwana einzugehen, bevor nicht alle Wesen Erlösung gefunden haben. Doch sein Kopf zersprang beim Blick auf das Leiden der Welt in tausend Stücke. Sein geistiger Vater Amithabha fügte die Stücke zu elf neuen Köpfen zusammen, ließ seinem einstigen Schüler tausend Arme wachsen und setzte in jede Hand ein hellsichtiges Auge. Dadurch also konnte Avalokiteshvara die Leiden der Welt noch genauer durchschauen und allen leidenden Wesen erlösende Hände der Barmherzigkeit reichen, besagt dieser Mythos. Durch das vorliegende Sutra sollen wir nun erfahren, dass Avalokiteshvara nicht getrennt von uns ist, sondern unserem eigenen Herzen entspringt. Die Tausend Hände Avalokiteshvaras seien die Manifestation der grenzenlosen Fähigkeit und Barmherzigkeit unseres wahren Wesens. In der Einleitung heißt es: »Dass wir diesen grenzenlosen Schatz in uns tragen, dass wir mit Buddha und allen Geschöpfen auf das Innigste verbunden sind, dass wir ursprünglich frei sind, unbefleckt von Hass, Gier und Angst, daran erinnert uns das Tausend Hände Sutra.«

Und wir erfahren weiter: Die mit dem Glauben an die erlösende Kraft des Mitgefühls verbundene Verehrung Avalokiteshvaras entstand im Indien des zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhunderts.

Das Buch lädt ein zur meditativen Reise, die mit bildhaften Versen und poetischen Bildern gespickt ist. Der Versuch einer wortgetreuen Übersetzung mag ein wenig gewöhnungsbedürftig sein, doch die reine Bedeutung des Sutra sollte ins Deutsche übertragen werden – ein sinnvolles Unterfangen. Zudem werden im Glossar alle Schlüsselbegriffe wie »Hanmaum« (etwa Weltgeist) oder »Maum« (Herz, Geist, Bewusstsein in einem Wort) genau erklärt.

Es ist eine Erfahrung wert, sich auf dieses schön gestaltete Werk einzulassen, das auch haptisch den »Tanz des Mitgefühls« unterstreicht: »Oho! Tausend Hände tanzen. Barmherzige Hände tanzen. Siehe! Der Tanz des Mitgefühls von Daehaeng wie Flügel schwingend voller Glanz«. Für die, die solches zu schätzen wissen, ist das ein kleines Juwel – und Schluss mit dem Hokuspokus hinter dicken Mauern.

Bewertung: sehr gut

Christiane Barth

Daehaeng Kunsunim: Umarmt von Mitgefühl – Das Tausend Hände Sutra. Diederichs 2009, 112 S., HC, 22,95 €

   
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