Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Bücher

Dieter Hagenbach/Lucius Werthmüller: Albert Hofmann und sein LSD

Details

Dieter Hagenbach und Lucius Werthmüller
Dieter Hagenbach und Lucius Werthmüller

Auf den Spuren der unergründlichen Substanz

Ein Buch, das deutlich mehr hält, als der Titel verspricht: Statt einer bloßen Biographie bekommt man hier eine umfassende Wirkungsgeschichte des erfolgreichsten Halluzinogens, die eigentlich keine Wünsche offen lässt. Von Albert Hofmanns berühmter Radlfahrt nach dem ersten Acidtest (die Assistentin Susi Ramstein, die erste Frau, die LSD probierte, nahm nach ihrem Selbstversuch die Tram), bis zu Timothy Learys goldenem Porsche in der Schweiz fehlt nichts.

Man kann kaum glauben, dass ein solches Leben ausgerechnet in der Eidgenossenschaft möglich war. Biographisch eröffnet sich der Blick auf einen sympathischen und kontaktfreudigen Menschen, dem es vorurteilsfrei immer um die Sache, also um die Wissenschaft, seine Chemie und später als Schriftsteller auch um Philosophie und Spiritualität ging. Eine glückliche Ehe und viele, oft bedeutende Freundschaften (z. B. mit Ernst Jünger) sowie der eine oder andere Trip waren Garant für ein erfülltes Leben. Dankbare User aus der ganzen Welt haben Hofmann besucht und wurden gastfreundlich aufgenommen.

Rührend beispielsweise die Fotos, die den über Neunzigjährigen mit dem Rasta DJ Goa Gil zeigen. Jeder Brief wurde bis ins hohe Alter von ihm selbst beantwortet. Interessant für seine Selbstwahrnehmung ist Hofmanns demütige Einschätzung, dass nicht er das LSD gefunden, sondern umgekehrt es ihn ausgewählt habe. Außerdem hielt er es für möglich, dass er in einem früheren Leben in Kontakt mit den eleusinischen Mysterien stand, die seiner Meinung nach einen aus psychotropen Pflanzen gewonnenen Trank (»Kykeon«) zur Einweihung der Mysten einsetzten. Das offenbar enorme psychotherapeutische Poten zial des Wirkstoffs ist durch ideologisch motivierte Behinderung der Forschung wohl bis heute nicht ausgelotet. Beim Lesen kommt der Eindruck auf, als habe das LSD eine Art steuerndes Kollektivbewusstsein, das allen Widrigkeiten zum Trotz (Missbrauch durch Geheimdienste, Verbot und Diffamierung als bloße »Droge«) seine Wege geht und Menschen zu seinem Zweck zusammenbringt. Hunter S. Thompson hielt beispielsweise Stan Grof bei seinem ersten Besuch im Esalen Institute auf – als Nachtwächter. Prominente Künstler, wie Aldous Huxley, Cary Grant, James Coburn, Jack Nicholson, Stanley Kubrick oder Larry Hagman bekannten sich öffentlich zur »Kreativitätspille«. Eine Geliebte John F. Kennedys soll diesen mit LSD bekannt gemacht haben und erlitt kurz nach seiner Ermordung das gleiche Schicksal. Das Buch ist eine Fundgrube für solche Geschichten.

Überraschend ist das Fazit der Autoren, die digitale Revolution sei ohne LSD wohl gar nicht denkbar gewesen. Lediglich die Beschreibung des Einflusses auf die Entwicklung der Rockkultur fällt vielleicht zu knapp aus, wäre aber ohnehin Thema für eine eigene Studie. Das Werk ist hochwertig gestaltet und liebevoll mit Abbildungen versehen. Ein Löschblättchen mit etwas Acid zum selber Probieren fehlt. Aber das wäre nun wirklich zu viel verlangt.

Bewertung: hervorragend

Stefan Holzbock

Dieter Hagenbach/Lucius Werthmüller: Albert Hofmann und sein LSD: Ein bewegtes Leben und eine bedeutende Entdeckung, AT Verlag München 2011, 408 S., HC, 34,90 €

   
© Connection AG 2015