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Werner Vogd: Welten ohne Grund

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Werner Vogd
Werner Vogd

Öffne deine Augen

Dies ist ein des-illusionierendes Buch für den spirituellen Sucher. Wer bis zu dieser Lektüre noch geglaubt hat, durch eine (buddhistische) Übungspraxis irgendwo anzukommen – im »wahren Selbst«, in der »Erleuchtung « oder der fortdauernden Glückseligkeit –, der wird im wahrsten Sinne des Wortes enttäuscht.

Im Dialog zweier Erkenntnislehren, dem neurobiologischen Konstruktivismus und dem frühen Buddhismus, wie er in der Theravada- Tradition gelehrt wird, arbeitet der Autor überzeugend die Gemeinsamkeiten heraus: Beides sind so genannte »selbstreferentielle Denk-Systeme«. Was das genau heißt, wird hier detailliert in konstruktivistischer Wissenschaftssprache beschrieben und überzeugend mit Beispielen aus der zeitgenössischen Hirnforschung und soziologischer Wissenschaftlichkeit untermauert.

Der Erkenntnisprozess wird hier zum Gegenstand der Betrachtung. Ein (vermeintlicher) Beobachter forscht über die Bedingungen seiner eigenen Wahrnehmungs-, Spür- und Er-Lebensmöglichkeiten. Bei genauerer und noch genauerer Betrachtung kommt er – sowohl in der Vipassana-Meditation wie auch in den Denksystemen des neurobiologischen Konstruktivismus – zu der Erfahrungswirklichkeit, dass es ihn selbst gar nicht geben kann. Die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt löst sich in diesem Prozess vollständig auf. Im Buddhismus wird diese Weisheit »anatta« genannt. Maturana und Varela, die Bahnbrecher des neurophysiologischen Konstruktivismus, fassten sie in der Formel »Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun« zusammen. Auf der Suche nach einem handelnden Ich fallen wir in die Leere.

Irgendwo, jenseits von Raum, Zeit und Beobachter, taucht jedoch die implizite Ordnung aller natürlichen Lebensprozesse auf. Im Konstruktivismus wird dieses Ordnungsprinzip »Autopoiese« genannt: die Liebe. Der Biologe Maturana hatte den Mut, diese Erfahrung so zu benennen. In den buddhistischen Lehren geht es im Kern immer um diese Lebensqualität. Dem Soziologieprofessor, Biologen und Anthropologen Werner Vogd ist mit diesem Buch ein überzeugender und spannend zu lesender Dialog zwischen zwei sehr verschiedenen Lehren gelungen. Es ist spürbar, dass er sie beide aus eigener, vertiefter Erfahrung kennt.

Den Skeptikern und Kritikern des radikalen Konstruktivismus sei noch abschließend gesagt: Niemandem ist so sehr wie den konstruktivistisch denkenden Wissenschaftlern bewusst, dass die »Landkarten« unserer eigenen Konzepte keine objektive Wirklichkeit abbilden. Dieses Buch könnte aber durchaus neugierig machen, genau diese Land karte mal zur eigenen Neu-Orientierung zu benutzen!

Bewertung: hervorragend

Maria-Anne Gallen

Werner Vogd: Welten ohne Grund. Buddhismus, Sinn und Konstruktion. Carl Auer Verlag 2014, SC, 269 S., 36 €

   
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