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Marianne Gallen, Torsten Brügge und Wolf Schneider bloggen zu den Themen Spiritualität, Psychologie und Bewusstseinsentwicklung.

Lehrer oder Leerer – von heiligen Menschen und Orten - aus dem Schlafzimmer Sri Poonjajis

Veröffentlicht von am in Torsten Brügge
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Bei unserem Besuch in Lucknow/Indien, der hauptsächlichen „Wirkstätte“ Sri Poonjajis (genannt Papaji, 1910-1997) mit unseren Lehrern Gangaji und Eli Jaxon-Bear, ergab sich die Gelegenheit, die Wohnung, in der Papaji lebte und die noch heute von seiner Familie genutzt wird, zu besuchen. Ich war zuletzt 1996 in Lucknow und erlebte Papaji noch „live“. Allerdings besuchte ich damals nur den „Satsang-Bhavan“, eine Art Veranstaltungshalle, in der Papaji damals - für 300 bis 400 Menschen - für Satsang zur Verfügung stand.


Vor allem Papajis Fähigkeit, die radikale Selbsterforschung, in die er von seinem Meister Sri Ramana Maharshi eingeweiht wurde, auf wunderbar verständliche Weise zu vermitteln, und seine Kraft, Menschen oft sehr schnell zu einem direkten Einblick in die natürliche Stille und Einfachheit des Seins zu führen, beeindruckten mich zutiefst.


Im Schlafzimmer seines privaten Wohnhauses empfing er in den 80ziger Jahren die ersten kleinen Gruppen westlicher Schüler, darunter auch Gangaji und Eli Jaxon-Bear. Dieses Mal durfte ich dort am Fußende seines Bettes eine halbe Stunde in Meditation verbringen. Es ist immer wieder ein interessantes Phänomen: Obwohl die tiefste Ebene innerer Stille für mich mittlerweile überall zugänglich ist, bzw. ich sie ganz klar als den allgegenwärtigen Urgrund meines Seins weiß und erlebe, entdecke ich auf der relativen Ebene Orte, an denen diese Stille noch mal mit besonders eindringlicher Kraft präsent zu sein scheint. Papajis Schlafzimmer ist für mich einer dieser Plätze. Hier scheint – mysteriöser Weise - Stille noch stiller, Mühelosigkeit noch müheloser, die Klarheit reinen Bewusstseins noch klarer und bewusster.

 


Dieses vermeintliche Paradox von „schon überall gegenwärtiger Stille“ und „doch noch besonders stillen Orten“ hat mich am nächsten Tag zu folgendem Text inspiriert:


Braucht man für spirituelle Befreiung einen Lehrer oder geht es auch ohne? Sind für tiefe spirituelle Erfahrungen besondere „heilige Plätze“ unterstützend oder ist deren Wirksamkeit bloß Illusion? Solche Fragen tauchen immer wieder im Zusammenhang mit spirituellem Erwachen und Befreiung auf.


Eine Antwort darauf aus einer absoluten Perspektive schmettert die Fragen mit Leichtigkeit vom Tisch. Sie könnte lauten: „Wenn du wirklich erwachst, stellen sich solche Fragen nicht mehr, weil Du weißt, das Alles der Lehrer und Alles gleichermaßen heilig, bzw. leer ist.“ Das ist wahr. Ruhen wir in der direkten Erfahrung regloser Stille, erkennen und erleben wir uns als alldurchdringendes, stilles Bewusstsein. Hier kommt uns jede Frage belanglos vor. Entweder taucht keine Frage auf, eine auftauchende Frage wird aus der Stille unmittelbar beantwortet oder wir sind vollkommen zufrieden damit, dass sich die Frage von alleine auflöst - ohne dass wir den Hauch einer Antwort bräuchten.


Zugleich durchbricht solch transzendente Stille unsere Vorstellungen einer begrenzten Heiligkeit, die sich nur auf bestimmte Aspekte des Lebens beschränkt. Auch der Neigung, Weisheit und Heiligkeit nach Außen zu projizieren, auf erleuchtete Lehrer oder geweihte Orte, wird mit einer solchen absoluten Perspektive der Boden entzogen. Sat (Wahrheit) ist unsere ureigene Natur. Sie durchdringt Alles, ist allgegenwärtig. Diese absolute Ebene zu erkennen, beugt einem naiven Personenkult in Bezug auf „heilige Lehrer“ und der übertriebenen magisch-mythischen Verehrung von „heiligen Orten“ vor.


Zugleich lohnt es sich, das Thema der „Erforderlichkeit“ - oder besser „Nützlichkeit“ von Lehrern und heiligen Orten auch auf der relativen Ebene zu beleuchten. Hier reichen eindimensionale Antworten nicht aus. Wir müssen weiter ausholen und eine Mehr-Ebenen-Betrachtung anstellen. Im Rahmen solcher Reflektionen scheint es immer wieder wichtig, sehr klar zwischen absoluter und relativer Ebene zu unterscheiden, die beiden nicht miteinander zu verwechseln, sondern durch die Beschreibung ihrer gegenseitigen Wechselwirkung eine umfassende Perspektive zu entwickeln.


Wie gesagt, aus einer absoluten Perspektive kann und muss man sagen, dass die Quelle jedweder Erscheinung reines Bewusstsein ist. Dieses Bewusstsein an sich ist der Sat-Guru (der höchste/der wahre Lehrer). Er offenbart sich in allen Formen. Dieses Bewusstsein ist das Heilige - oder das Heilsein - an sich und kann an jedem Ort, an jedem Platz, in jedem Menschen, zu jeder Zeit entdeckt werden. Im Thomas-Evangelium findet sich dazu eine wunderschöne Stelle: "Jesus sprach: Das Reich Gottes ist in dir und um dich herum… Spalte ein Stück Holz und ich bin da. Hebe einen Stein auf und du wirst mich finden."
Zugleich ist uns die Allgegenwart göttlichen Seins nicht immer bewusst. So vieles in unserem Erleben erkennen, bzw. bezeichnen wir  keineswegs als „göttliches Bewusstsein“, sondern eher als „böse Welt“ oder zumindest ablenkende oder störende Umstände. Unseren Beziehungspartner, wenn er gerade schlechte Laune hat. Den lauten Nachbarn. Den Müll auf der Straße. Den Verkehrslärm. Die Katastrophen in der Welt. Den schweren Schicksalsschlag. Bei solchen Gelegenheit neigen wir nicht nur dazu, die „Heiligkeit“ zu übersehen, sondern betiteln sie als „schlecht“ oder „unheilvoll“.


Doch es gibt auch Momente, in denen wir ahnen – oder sogar spürend wissen –, dass es tatsächlich eine tiefere, heilere, wirklichere Dimension des Lebens gibt. Natürlich kann diese auch in all den obengenannten widrigen oder erschwerenden Umständen entdeckt werden. Aber vor allem anfangs fällt es uns oft leichter, zunächst mal auf den Geschmack zu kommen, wenn dieser gerade durch erleichternde Bedingungen gefördert wird: Vielleicht spüren wir bei einem Menschen eine besondere Gelassenheit, Ruhe und Liebe, die auf uns ansteckend wirkt. Oder wir lauschen den Worten eines weisen Redners und gehen in Resonanz mit einer darin schwingenden, befreienden Wahrheit. Manchmal zieht uns auch die Atmosphäre eines Platzes in der Natur oder sonst wo in den Bann. Wir entspannen dort, kommen zur Ruhe und dürfen den Zauber einer mysteriösen Schönheit genießen. In solchen Momenten leuchtet Heiligkeit und Wahrheit auf. Eigentlich scheint sie hervor, wenn unser Geist zur Ruhe kommt. Dann zeigt sich, was unter all seiner ablenkenden Aktivität schon an HeilSein hier ist – was dann auch in den widrigsten Umständen entdeckt werden kann, je mehr wir es wagen, auch darin die Abwehr ruhen zu lassen.


Was ist der Unterschied in unserem Erleben, zwischen den „gewöhnlichen“ oder gar erschwerenden und den „heiligen“ Momenten, zwischen nagender Unzufriedenheit und wohltuendem Frieden,  zwischen Mangel und Erfüllung? Die spirituellen Traditionen wussten es schon immer. Die moderne Hirnforschung bestätigt es in den letzten Jahren mit immer mehr wissenschaftlichem Beweismaterial: So sehr es auch den Anschein hat, es ist nicht das Außen, dass diesen Unterschied ausmacht. Es sind nicht die Menschen, um uns und es ist nicht die Umgebung. Es sind nicht die äußeren Reize, die uns das Leben anbietet, sondern die Art und Weise, wie wir diese Stimuli aufnehmen und verarbeiten. Diese Aufnahme erst legt fest, was und wie wir etwas erleben. Vielschichtige innere Wahrnehmungs- und Interpretationsprozesse – die meisten davon unter unserer Bewusstseinschwelle - formen den Gesamteindruck und bestimmen, was wir am Ende schließlich bewusst erleben.


In der Hypnotherapie wird das z.B. in Bezug auf zwischenmenschliche Kommunikation in einem einfachen Satz zum Ausdruck gebracht: „Den Inhalt der Botschaft bestimmt alleine der Empfänger“. Was mir jemand zuruft, sind genau betrachtet nur bedeutungslose Schallwellen. Im Mittelohr werden sie in rein digitale Nervenimpulse von Nullen und Einsen umgewandelt. Welche Bedeutung diesen eigentlich nichts sagenden Informationen gegeben wird, bestimmen die weiteren Wahrnehmungsprozesse in meinem Gehirn. Ich kann den Zuruf „Du Arschloch!“ als deftige Beleidigung meiner Person verbuchen oder als echte Liebeserklärung meines Bauarbeiter-Kumpels genießen. Die Schallwellen sind die gleichen. Die Erlebensmuster meines Wahrnehmungsapparates und sogar entsprechende Reaktionen in der Physiologie meines Körpers unterscheiden sich massiv. Sie bestimmen, ob ich die Fäuste balle und auf den Urheber der Botschaft losstürme oder ihm nett zulächle und liebevoll zurückknuffe.  


Damit eröffnet sich eine interessante Fragestellung: Wie formen sich diese Erlebensmuster in uns, wenn wir etwas als „weise“ oder „heilig“ erleben? Die hinduistische Advaita-Philosophie hat darauf eine erfrischend einfache Antwort. Sie behauptet, dass wir in unserem durchschnittlichen Bewusstseinszustand in der Trance eines gewohnheitsmäßigen, dualistischen Denkens gefangen sind. Dies besteht in der nahezu zwanghaften Gewohnheit, all unsere Erfahrung durch mentale Einordnungen und Interpretation zu kommentieren und diese mentalen Abbilder für Wahrheit zu halten. Das dualistische Denken basiert dabei auf einer Trennung in Polaritäten. Es unterscheidet in „angenehm/unangenehm“, „gut/schlecht“, „wertvoll/nicht-wertvoll“, „ich/nicht-ich“. Durch diese - meist unbewusste - trennende Verarbeitung erzeugt es einen Schleier (Maya), der sich über die Wirklichkeit (Sat) legt und eine tiefgründigere Wahrnehmung verhindert.


Die gute Nachricht lautet: Dieser Schleier ist nur aus substanzlosen Gedanken gewoben. Das dualistische Denken kann durchschaut werden und zur Ruhe kommen. Wir können eine Wahrnehmung entdecken, die echter, direkter und wahrer ist als das begrenzte Denken in gegensätzlichen Polen. Dann sehen wir auf neue, ganzheitliche Weise, was wir selbst sind, was die Welt ist und wie beide als eine ungetrennte Einheit erlebt werden. In solch einem Moment bekommt Alles den Geschmack von Einssein, Heiligkeit und Wahrheit – oder den Geschmack einer befreienden Leere und Nichtigkeit.


Es ist eine erstaunliche Tatsache, das einige Menschen, z.B. spirituelle Lehrer, und einige Orte, z.B. heilige Plätze oder „Kraftorte“, unser inneres Erleben auf eine solche Weise stimulieren, dass sich unsere verschleiernden Wahrnehmungsmuster entspannen. Damit sind diese „Lehrer“ – ob Menschen oder Orte – eigentlich eher „Leerer“ für unser dualistisches Denken. Sie entleeren uns von trennenden Denkmustern. Sie führen eine Ruhe des Geistes herbei. Dann spüren wir die Wahrheit und Heiligkeit, die ständig Allem zugrunde liegt.


Vielleicht braucht es manchmal einen bewussten oder unbewussten „Vertrauens- oder Glaubensvorschuss“, damit dieser Effekt eintritt. Wir bringen Menschen oder Orten gegenüber eine nicht alltägliche Offenheit und Empfänglichkeit auf. Wir gestehen ihnen die Möglichkeit von Kraft und Ruhe zu. Das fördert es, sie dann auch tatsächlich als „Besonderheit“ zu erleben. Damit projizieren wir Heiligkeit zunächst nach außen und lassen sie dann von dort aus auf unser Inneres wirken. Das unterstützt die Entspannung unseres Geistes und fördert die Entdeckung innerer Heiligkeit und inneren Einsseins, was wiederum  unser Sehen und Erspüren transzendenten Seins im Außen begünstigt. Das kann sich zu einer befreienden Aufwärtsspirale steigern.


Es ist ein lustiges Spiel, das der Geist mit sich selbst spielt: Das Sein verlockt sich selbst nach Hause zu kommen, indem es erst im Außen als Heiligkeit erscheint, die dazu anregt, das Heile im Inneren zu entdecken. Dann verschwinden die Grenze zwischen Innen und Außen und es bleibt nur noch ein einheitliches Heilsein über.    


Dazu fällt mir ein Dialog meines Lehrers Sri Poonjaji (genannt Papaji) mit einem Fragenden ein:
Fragender: „Papaji, bist Du wirklich erleuchtet?“
Papaji: „Wozu willst Du das wissen?“
Fragender: „Ich will unbedingt absolut frei sein und suche Jemanden, der mir das zeigen kann.“
Papaji: „Gut. Dann geh’ davon aus, dass ich erleuchtet bin.“



An anderer Stelle sagte Papaji über die Funktion eines spirituellen Lehrers: „Bisher hat das Sein auf alle möglichen Arten zu Dir gesprochen und Dich eingeladen, es endlich zu erkennen, doch Du hast es nicht verstanden. Deshalb erscheint irgendwann ein Lehrer in Deinem Bewusstsein, der in genau der Sprache zu Dir spricht, die Du verstehen kannst.“


Insofern kann es sehr nützlich sein, das „Erleuchtete“ in anderen Menschen, in Lehrern und Heiligen zu sehen und wirken zu lassen. Dasselbe gilt für besondere Orte, die eine spirituelle Ausstrahlungskraft besitzen. Sie alle verweisen am Ende nur auf das Strahlen des stillen Bewusstseins, das wir selbst sind. So wirken die relativen Erscheinungen als Zugänge zu absoluter Erkenntnis.


Das passt auch zu der kleinen „Vision“, die ich in Papajis Zimmer in Form einer eindringlichen, sich wiederholenden Stimme innerlich hörte. Es schien als würde Papaji zu mir über das Paradox von Lehren und Leeren sprechen: „Use me, use me and then forget me!“ („Nutze mich, nutze mich und dann vergiss mich“).
Ob dies nun meine eigene innere Stimme oder tatsächlich jene von Papaji auf feinstofflichen Ebenen war, ist dabei eigentlich egal  -  letztendlich gibt es auch da keinen Unterschied zwischen Innen und Außen, Schüler und Meister. Mir schien es in diesem Augenblick auf jeden Fall eine wunderbar konzentrierte Antwort auf die Frage „Brauchen wir Lehrer und lehrende Orte?“ zu sein.


Danke Papaji – Om shanti, shanti, shanti


Torsten



 

 

 

 

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