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Marianne Gallen, Torsten Brügge und Wolf Schneider bloggen zu den Themen Spiritualität, Psychologie und Bewusstseinsentwicklung.

Radikale Vergänglichkeit – eine Weisheitsspülung vom Ganges

Veröffentlicht von am in Torsten Brügge
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Sitzen am heiligen Fluss

Naturkräfte und Landschaften sind wunderbare spirituelle Lehrer. Da Betrachtungen des Außen und des Innen verschiedene Perspektiven auf das eine ungetrennte Sein darstellen, zeigen sich oft faszinierende Parallelen beider Aspekte. In meinem Blog-Beitrag „Reglose Stille – ein Berg als höchster Lehrer“ habe ich beschrieben, wie die Gestalt eines Berges Ausdruck von und Zugang zu essentieller innerer Wahrheit sein kann. Heute schreibe ich ein  paar Worte dazu, auf welche Weise dies auch für einen Fluss gilt.

 

Wahrhaft göttlich

Gerade sitze ich hier auf der Dachterrasse des „Divine Ganga Cottage“ („Landhaus der göttlichen Ganga“). Dieses Hotel liegt in einem Dorf nahe dem berühmten Pilgerort Rishikesh im Norden Indiens. Die umliegenden Berge gehören zu den ersten Ausläufern des Himalayas. Grüne Hänge ragen steil hinauf, unten schlängelt sich türkisfarben der Ganges. Felbsbrocken in allen Größen liegen still an seinen Ufern. Manche groß wie Eisenbahnwagons, andere klein wie Spielzeugautos. Vom stetigen Strom des Wassers sind ihre Oberflächen glatt geschliffen und laden zum sanften streicheln ein. Weiße Sandstrände reichtert der Ganges mit silbern funkelndem Glitter an: Die stetigen Rinnsale des der Himalaya Gletscher haben Metalle aus dem Gestein gelöst, die nun als winzige Perlen im Sand glitzern.

Wasserstand und Strömungen des Ganges ändern sich stetig, jeden Frühling gestaltet er seine Strände neu. Mal schafft er kleine Nischen von Sandablagerungen, dann hundert Meter lange elegant geschwungene Buchten.

Der Fluss selbst wechselt ständig seine Farbe. An manchen Tagen leuchtet er türkis, dann wieder färben Regenfälle in den Bergen den Strom olivgrün oder braun. An den zahlreichen Stromschnellen peitscht die Strömung weiße Schaumkronen auf die Oberfläche. Wenige Meter weiter verwandelt sich Ganga – wie der Ganges von den Indern in weiblicher Form genannt wird in eine fast wellenlose Wassermasse, die genügsam sich selbst voranschiebt. An den ruhigen Stellen spiegelt sich das Grün der Berge, schimmert das Blau des Himmels.

 Das Wasser vom Vortag schimmer türkis in einem Becken, 
heute nach Regenfällen ist es braun

Das Grundrauschen des Flusses schallt dumpf bis hinauf zur Dachterrasse. Die sanften Stellen summen kaum hörbar, erzeugen die Ahnung eines Klanges stillen Fließens. In der Ferne donnern Stromschnellen auf harten Fels. Kleine Rinnsale plätschern zart flache Steinstufen hinab, stimmen gluckernd und glucksend in den Ganga-Gesang mit ein. Eine anmutige Melodie erklingt über dem heiligen Fluss.

 

 

 

Wilde Stromschnellen mit tösendem Rauschen

Vögel zwitschern in das Konzert Gangas hinein, Affen kreischen und von der Straße blökt das Hupen der Autorikshas herüber. Wenn dann aus den Tempeln noch hinduistische Mantren herüberwehen und ein hingebungsvolles „Om Shanti“ im Tal verklingt, darf man diesen feingewebten Klangteppich wohl als wahrhaft göttlich bezeichnen. Keine menschliche Symphonie, kein Himmelsgesang würde die Szene besser untermalen. Ich könnte Stunden lang diesem Naturschauspiel zuschauen und lauschen, ohne einen einzigen Gedanken zu denken. Und genau das geschieht.

 

Weisheitsspülung

Die Wassermassen des Ganges fließen hier mit so großer Geschwindigkeit vorbei, dass selbst geübte Schwimmer eindringlich davor gewarnt werden, zu versuchen, den Fluss schwimmend zu überqueren. Immer wieder ertrinken Menschen, weil sie sich beim Bad im Ganges nur wenige Meter zu weit in den Strom vorgewagt haben.

In jedem Augenblick ergießen sich unermessliche Mengen kühlen Nasses aus den Höhen des Himalayas in die Flachebene Nordindiens. Jeder Liter Wasser ist hier nur ein paar Sekunden im Blickfeld und schon wieder weiter Flussabwärts gespült.

Ob ich mich hier oben auf einer Anhöhe oder unten direkt am Gangesstrand aufhalte, es kommt mir so vor, als würde ich zu den Füßen eines uralten, weisen Lehrers sitzen. Höchste Lehrreden flüstert er mir in einfachster Form zu: „Sieh nur: Alles fließt. Alles kommt und geht. Nichts kannst Du fernhalten. Nichts kannst du festhalten. Lass kommen, was kommt. Lass gehen, was geht. Du hast sowieso keine Kontrolle. Überlass alles dem Fluss des Lebens. Verweile als Beobachter. Sei still.“

Natürlich sind dies uralte, schon oft ausgesprochene Weisheiten. Ob im alten Griechenland des Heraklit oder in Herman Hesses Siddartha – der Fluss wurde schon immer als Lehrer der Vergänglichkeit wertgeschätzt. Hier vor meinen Augen lehrt Ganga diese Weisheit mit einer wortlosen, überdeutlichen Kraft, der man sich nicht entziehen kann. Sie spült einem die Erkenntnis vom Leben als Fluss bis in die Körperzellen hinein.

 

Fluss oder Göttin?

Vielleicht ist diese spirituelle Vermittlung der Grund dafür, dass die Hindus Ganga als Göttin der Reinigung verehren. Der Legende nach sah Göttin Ganga eines Tages vom Himmel auf die Welt herab und war schockiert über die Verblendung und Ignoranz der Menschen. Blind angetrieben von der Angst vor dem Tod und der Gier nach Vergnügen, lebten sie ein egoistisches Leben ohne Liebe. Deshalb beschloss Ganga, die Welt von diesen Unreinheiten zu befreien. In einem Schwall reinigenden Wassers wollte sie auf die Erde herabströmen und alle Falschheiten hinweg waschen. Der Gott Shiva jedoch sah ihre Absicht. Mit der Macht der Zerstörung war er vertraut und sah voraus, dass Gangas Kraft nicht nur die Unreinheit der Menschen wegschwemmen, sondern die Menschheit vollständig vernichten würde. Mitgefühl für die Menschen bewegte sein Herz. Der indischen Mythologie zufolge ließ er deshalb die Wassermassen Gangas durch die Windungen seines hohen Haarknotens fließen. So blieb ihre klärende[T1]  Wirkung erhalten, während ihr Strom sanfter und weniger zerstörerisch wurde. Dieses Bild des Zusammenwirkens der beiden Gottgestalten scheint eine perfekte Metapher für die Naturkraft des Ganges zu sein. In zahllosen Windungen ergießt sich der Strom aus den Höhen des Himalayas zu den Menschen in der nordindischen Tiefebene. Das Land um den Gangeslauf, eines der dicht besiedelsten Flusseinzugsgebieten der Welt, versorgt ein Zwölftel der Erdbevölkerung mit Wasser.

 

 

Ganga fließt über den Kopf von Shiva

 

 

 

Radikale Vergänglichkeit

Für mich persönlich vertieft der Aufenthalt am Ganges immer wieder zwei wesentliche Aspekte spiritueller Selbsterkenntnis. Der eine besteht in der Bewusstwerdung radikaler Vergänglichkeit. Hier spiegelt mir der Ganges ein äußerliches Beispiel für eine innere Dynamik wieder: Auch der Fluss unseres inneren Erlebens ist von einer elementaren Unbeständigkeit gekennzeichnet. Ob wir Sinneseindrücke, Körperempfindungen, Gefühle oder Gedanken betrachten. Keines dieser Phänome hat Bestand. Wir können das genau jetzt während des Lesens dieses Textes überprüfen: Geräusche und Töne um uns herum wandeln sich ständig. Mal hören wir etwas aus der Ferne. Dann dringen nahe Geräusche an unser Ohr. Oder wir hören das Atmen unseres Körpers. Das Bild, das wir vor unseren Augen sehen, wandelt sich. Mal sind jene Buchstaben im Fokus, mal andere. Mal wendet sich unser Kopf ein wenig. Der Bildausschnitt verschiebt sich. Der Blick schweift in die Ferne. Dann sehen wir wieder den Text nah vor uns. Ganz zu schweigen von den inneren Bildern, die während des Lesens dieses Textes in unserem Bewusstsein als Assoziationsnetzwerke aufgetaucht und wieder verblasst sind. Die begleitenden Gedanken sind ebenso gekommen und gegangen. Vielleicht waren wir gedanklich wir ganz beim Inhalt des Geschriebenen. Oder schweifte unser Geist zwischendurch zu ganz andere Themen ab? Am Ende des Textes sind wir vielleicht froh, das Gelesene wieder ganz vergessen zu dürfen.

Wie hat sich der Fluss unserer Stimmungen während des Lesens angefühlt. Gab es Momente der Berührung, der Begeisterung, der Langeweile, des Widerstandes? Welche Empfindungen hatten wir während des Lesens. Waren wir uns unseres Atmens bewusst? Oder werden wir es gerade jetzt, weil der Text darauf hinweist? Haben wir während des Lesens das leichte Kribbeln in den Beinen oder im Gesäß gespürt? Oder waren wir so vom Text in den Bann gezogen, dass sämtliche Empfindungen aus dem Bewusstsein ausgeblendet wurden?

Lässt sich irgendein Element des Erlebens – seien es Empfindung, Gefühle oder Gedanken – für mehr als ein paar Sekunden festhalten? Und selbst in diesen Sekunden, würden sich Abwandlungen der Erfahrung auftun.

Tatsächlich ist es ganz natürlich, dass Alles dahin fließt, ohne dass wir etwas greifen können. Auch der Inhalt des letzen Satzes ist mit dem folgenden schon wieder unwichtig geworden. Und das ist gut so. Wer will schon unablässig an die Philosophie der Vergänglichkeit denken wollen?

 

Einfrieren unmöglich

Es mag sein, dass eine solche Untersuchung unseres fließenden inneren Erlebens banal erscheint. Doch tatsächlich ist es ein wesentlicher Aspekt von befreiender Selbsterkenntnis, der Vergänglichkeit aller Erfahrungen auf immer feineren Ebenen auf die Spur zu kommen. Denn wie oft und wie intensiv versucht unser kleines, leidendes Ich eben doch das Unmögliche: Es setzt sich in den Kopf Empfindungen festzuhalten, Gefühle sichern oder Gedanken bewahren zu wollen. „Ich will mich immer so wohl fühlen.“ „Ich will, dass diese Erfahrung bleibt.“ „So sollte ich immer denken.“ „Es sollte sich immer so spirituell anfühlen.“

Oder wir wenden uns gegen das, was ohne unser Zutun ins Bewusstsein tritt „Nein, das will ich nicht fühlen.“ „Dieser Schmerz hätte nicht auftreten sollen.“ „Derartige Gedanken darf ich nicht haben.“ Solche Vorstellungen versuchen den Fluss der Erfahrungen zu kontrollieren und ihn in einem vermeintlichen idealen Glückszustand einzufrieren. Doch was wäre, wenn das funktionieren würde? Dann hätten wir bloß einen kalten, harten Eisklumpen in unserer Hand. Tatsächlich können wir dankbar sein, dass es die Wirklichkeit nicht zulässt, den Fluss des Lebens zu stauen, ihn anzuhalten oder umzulenken. Je mehr wir bereitwillig sind, alles fließen zu lassen, desto freier und genussvoller erfahren wir das Wunder des Lebens.

 

Nichts sieht Alles

Der andere Aspekt spiritueller Selbsterkenntnis scheint bei der Beobachtung eines Flusses verborgener. Zugleich ist er genauso wesentlich, womöglich noch wichtiger. Er liegt in der Bewusstwerdung des Beobachtens und des Beobachters. Sitzen wir am Ufer eines Flusses und betrachten die stetige Bewegung des Wassers, bleibt etwas in uns unbewegt. Dasselbe gilt, wenn wir den Fluss unserer Empfindungen, Gefühle und Gedanken gewahren. Dann erlauben wir uns, in uns selbst zu ruhen. Und die vergänglichen Erfahrungen sich selbst zu überlassen. Das entspricht einer sanften Form der Neti-Neti-Erkenntnis, auf welche die Advaita-Tradition gerne hinweist. In Kurzform lautet sie „Ich bin nicht dies und nicht jenes.“ Konkreter kann man es so beschreiben: Ich bin nicht der vorbeiziehende Strom der Erfahrungen, die ich beobachte. Ich bin nicht meine Körperempfindungen. Ich bin nicht meine Gefühle. Ich bin nicht meine Gedanken. Denn all diese Erfahrungen kommen und gehen, doch das bezeugende Gewahrsein bleibt immer gegenwärtig. Es verharrt reglos und unberührt – hier und jetzt. Dieser beobachtenden Reglosigkeit in uns nachzuspüren, ist vielleicht die tiefste Art der Selbstergründung. Was bleibt unangetastet? Was ist immer hier, während der Fluss der Lebenserfahrungen an uns vorbeizieht? In diese Richtung forschend öffnen wir uns der Weiträumigkeit unseres wahren Wesens.

In manchen spirituellen Ausrichtungen wird dieser innerste Wesenskern auch DIE QUELLE genannt. Denn wenn wir uns ganz in die reine Leere absoluten Gewahrseins zurück sinken lassen, spüren wir, wie die relative Welt aller Erscheinungen aus eben diesem leeren Urgrund hervorsprudelt. Hier kommen die scheinbar getrennten Aspekte von bewegter Erscheinungswelt und regungslosem Urgrund zusammen, bzw. wir erkennen, dass sie niemals getrennt waren. Dann können wir erspüren, dass wir beides sind: Fluss und Ufer, Erfahrungsstrom und stilles Gewahrsein. Dem „Neti neti neti“ der Nicht-Identifikation (Ich bin nicht dies …nicht das …nicht jenes), müssen wir ein „Sarva Sarva Sarva“ des Wissens um die Identität mit Allem (Ich bin alles …alles …alles) hinzufügen.

Und so fühlt es sich dann auch für mich an: Ich sehe Ganga und bin Ganga. Ich spüre das reglose Zeugesein der Leere und vibriere als Lebendigkeit von Körper, Fluss und Landschaft. Beides gleichzeitig, keines von beiden, jenseits von Worten.

 

Om Namah Ganga Jai Jai

Torsten Brügge, Rishikesh – Laxman Jhoola, 21.3.2014

 

Wenn es interessiert: Für 2015 und/oder 2016 sind weitere Indien-Retreats am Arunachala und am Ganges mit meiner Partnerin Padma und mir in Planung. Mehr dazu unter diesem Link.

Ein Blogbeitrag zum Arunachala findet sich hier.

Ein kleiner Reisebericht über einen Ausflug auf unserem letzten Ganges-Retreat 2013 findet sich hier.

 

 

 

 

 

 

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