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Interviews

Interview mit Richard Bach über sein Buch »Der Pilot«

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Richard Bach

Über den Wolken

Richard Bachs spirituelle Bücher (unter anderem »Die Möwe Jonathan«) haben das Leben vieler Menschen verändert. Seine Leidenschaft ist das Fliegen, und sein neuester Roman "Der Pilot" bringt seine tiefe spirituelle Erfahrung stärker als je zuvor auf den Punkt und in eine spannende Geschichte. In einem Interview mit Christian Salvesen spricht er über seine Erkenntnisse und sein Leben.

Richard, im ersten Kapitel deines neuen Romans hilft der Pilot Jamie Forbes einer Frau, deren Mann bewusstlos ist, das Flugzeug erstmals zu fliegen und schließlich sicher zu landen. Seine Anweisungen scheinen dabei etwas Hypnotisierendes zu haben. Hast du selbst so etwas als Pilot schon einmal erlebt?

Die Figur von Jamie Forbes kam für mich ganz natürlich, denn ich war wie er Fluglehrer. Weder er noch ich verwendeten dabei eine hypnotisierende Art des Sprechens, es handelt sich einfach um ein konzentriertes Gespräch. Nach vielen Lehrstunden wurde mir erst bewusst, dass ich so gut wie nie in die Steuerung eingriff. Ich saß nur da und schlug dem Schüler manches vor, was er aufgreifen konnte oder auch nicht: "Weich und leicht, jetzt versuch es mal mit etwas weniger Druck auf die Steuerung, da, siehst du! Wir verlieren genau richtig Geschwindigkeit während du die Nase (Flugzeugspitze) über dem Horizont hältst." Es kam mir nicht in den Sinn - so auch nicht Jamie Forbes, dass (Flug-) Lehrer ihre Schüler in eine Art von Trance führen, wobei sie dazu ermutigen, neue Sachen auszuprobieren und dabei beobachten, was passiert. Wenn das Hypnose ist, dann ist es auch jeder Vorschlag, den ein Mensch einem anderen macht.

In Deutschland gibt es einen Song, der seit den 70ern beliebt ist. Darin sieht jemand seine Geliebte im Flugzeug über den Wolken verschwinden und im Refrain heißt es: "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein." (Wenn du magst, schau im Internet unter Reinhard May: ‚Über den Wolken' nach, wo der Song zu hören ist). Könntest du etwas über diese Sehnsucht sagen, "über den Wolken" zu sein?

Wie schön! (2 Worte in Deutsch von Richard Bach). Danke für den Tipp, habe es mir angehört. Jeder Pilot fühlt diese Sehnsucht, dieses innere Verlangen, im Himmel zu leben, in dieser beseligenden Landschaft zu schweben, die Bläue zu durchkreuzen und mit den Flügelspitzen Regenbogen zu weben. Nur wenige von uns Piloten sprechen darüber, denn wir gelten ja eher als Techniker und nicht als Geschöpfe mit Spirit und wie aus wirbelnden Wolken gemacht. Aber es ist da, tief drinnen, und für uns die Heimat.

Was empfiehlst du jemandem, der Angst vorm Fliegen hat - auch im übertragenen, spirituellen Sinn?

Ich glaube, jede Angst wird durch Wissen und Verstehen überwunden. Auf der irdischen Ebene hilft es zu wissen, dass ein Flugzeug nicht irgendwie auf gut Glück fliegt, sondern von einem - wenn auch unsichtbaren - Naturgesetz getragen wird. Auf der spirituellen Ebene verhält es sich ähnlich. Verstehe das Grundprinzip und vertrau ihm - was gibt es da zu fürchten? Hinter der Tür zum Cockpit hat niemand Angst: Tausende Stunden von Flugerfahrung, Jahre des praktischen und theoretischen Lernens verbunden mit einer fast mystischen Berufung zu fliegen. Diese Leidenschaft lässt erfahrene Flugkapitäne im Ruhestand auf kleine Flugzeuge aller Art umsteigen. Lerne etwas von dem, was die wissen, was die ruft, und du wirst nie wieder Angst vor dem Fliegen haben.

Wie verbringst du deinen Tag? Fliegst du noch?

Ein Leben ohne Fliegen kann ich mir gar nicht vorstellen. Wir haben mehrere kleine Flugzeuge, darunter auch eine Beechcraft T-34B, wie sie Jamie im Roman fliegt. (Auf dem Buchcover der amerikanischen Ausgabe ist der Flügel eines unserer Flugzeuge zu sehen). Ja, ich weiß, das sind zu viele Flugzeuge, aber sie sind alte Freunde, Seelen in Stahl und bemaltem Aluminium. Meist fliege ich gar nicht irgendwohin, sondern einfach nur hoch in den Himmel hinauf, so für eine Stunde. Dieses "Hochland" inspiriert mich stets aufs Neue: Wind, Wolken, wie sich der Horizont verwandelt, davon kann ich nie genug kriegen. Jede Landung ist eine neue Herausforderung, es perfekt zu machen: Der Wind wechselt, die Sonne blendet oder auch nicht, das Flugzeug ist etwas leichter oder schwerer als beim letzten Mal, das Landefeld ist trocken oder nass, asphaltiert oder Wiese, lang oder kurz. Der Spaß liegt dabei im Kontrollieren, darin, die Räder oder Schwimmer (bei Wasserflugzeugen) eben genau dahin zu bringen, wo du sie bei der Landung haben willst, ganz gleich wie die äußeren Umstände sind. Im Grunde geht es darum, mit dem Flugzeug eins zu sein. Deine Seele ist so im Einklang mit der Seele der Maschine, dass du ein Geschöpf der Luft bist. An manchen Tagen bin ich mit den Flugzeugen beschäftigt, an anderen schreibe ich. Keine Partys, keine applaudierende Masse, kein Rampenlicht.

Der Held in deiner Geschichte wird (in seiner Vergangenheit) von einem Hypnotiseur in eine Art Höhle geführt, aus der er nicht herauskommen kann. Wie bist du darauf gekommen? Hast du das selbst erlebt?

Es ist eigentlich keine Höhle, sondern ein Kerker mit Steinwänden. Ich habe zwar nicht genau diese Erfahrung gemacht, doch ähnlich Merkwürdiges in Verbindung mit Hypnose erlebt: Sinnliche Eindrücke, die mir schrecklich real erschienen, Einsichten von Wesen, die objektiv gesehen wohl nur eingebildet waren, visuelle, kreative Eingebungen, die sich erstaunlicherweise innerhalb weniger Stunden bewahrheiteten, Einblicke in etwas, das vielleicht frühere Leben waren. Für mich jedenfalls ziemlich aufregendes Zeug.

Ein Romanautor stellt nicht unbedingt seine eigene Erfahrung dar, doch der Held im "Pilot", das bist doch du selbst, oder? Ihm widerfährt eine Art Erwachen oder Erkenntnis, dass alles, was er erfährt, irgendwie mit Hypnose oder Suggestion zu tun hat. Wie ist deine eigene Erfahrung? Kannst du durch Wände gehen?

Nun ja, Jamie Forbes, das bin ich. Das plötzliche Verstehen, das ihm im Buch widerfährt, habe ich tatsächlich selbst erfahren, eben diese Offenbarung: In dieser Sekunde sind wir genau da, wo wir sind, weil wir bestimmte Vorstellungen (Suggestionen) für wahr gehalten haben. Ob die wahr sind oder nicht spielt keine Rolle. Unsere Wahrheit ist eben genau das, was wir als wahr akzeptieren. Wenn wir das durchschauen, kann sich unser Leben radikal ändern. Dann entstehen die Regenbogen aus unseren Flügelspitzen. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Wände ich durchschritten habe. Wände, durch die wir alle gehen, wenn wir erstmal erkennen, dass ihre einzige Macht darin besteht uns glauben zu machen, dass sie unüberwindliche Grenzen darstellen. Jedes Lernen - in welchem Bereich auch immer - bedeutet, dass wir uns trauen, durch Wände und Mauern zu gehen, die uns zuvor eingrenzten. Vor langer Zeit konnte ich kein Flugzeug fliegen, nun kann ich es. Hoch und runter, über den Wolken, federleicht auf dem Wasser - wie ich mich freue, dass die alten Mauern verschwunden sind.

Würdest du sagen, dass Gedanken die Realität erschaffen? Aber ist nicht der nächste Moment eigentlich unvorhersehbar? Was würde es bedeuten, wenn wir wirklich über den nächsten Augenblick entscheiden könnten?

Gedanken haben überhaupt nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Nach meiner Auffassung existiert die Realität jenseits von all unseren Illusionen von Raum und Zeit, jenseits unserer Überzeugung, von der vollkommenen Liebe getrennt zu sein, die ich auch das IST nenne. Für mich ist diese nicht wahrgenommene Vollkommenheit das einzig Wirkliche, und alles andere, all die Vorstellungen von Galaxien, Welten und Gesellschaften, von Häusern und Wirtschaftssystemen, von Körpern und Flugzeugen, ist es nicht. Diese Vorstellungen erscheinen uns sehr real, sind gewiss wertvolle Hilfsmittel des Verstehens, doch für mich gibt es ein IST, und "wir" sind untrennbar von dieser Liebe. In diesem Leben habe ich das rein-strahlende Licht nur etwa 75 Sekunden lang gesehen und im Tiefsten erkannt - und das waren erstaunliche Sekunden! "Der nächste Moment" - ich denke, das ist Teil unseres Glaubens an die Zeit. In Wirklichkeit gibt es keine Momente. Da ist nur Jetzt. Es gibt keine Entfernungen, sondern nur Hier. Wir wählen unseren Weg in dieser illusionären Lebenszeit, wir haben uns bereits auf die wichtigsten Themen festgelegt, bevor wir ankommen. Es gibt keine "Welt" da draußen. Es gibt nur unsere Wahrnehmung von einer "Welt". Diese Wahrnehmung ist unser persönliches Drahtseil, auf dem wir balancieren, gespannt zwischen Abenteuern auf einem Spinnennetz, das wir das "tägliche Leben" nennen.

"Was ist wirklich?" fragt der Pilot, und das ist vermutlich auch deine Frage. Wirklich ist, was sich nicht ändert, sagt der Pilot zu sich selbst. Was ist wirklich für dich?

Das einzig Wirkliche ist für mich das IST. Nicht dem Glauben an Raum und Zeit oder den Grenzen jeglicher Vorstellung zu unterliegen. In der Bibel beschrieb irgendjemand Gott als "Ich Bin", und was diese zwei Worte betrifft, kann ich nur zustimmen. Nicht "ich war" oder "ich werde sein", auch nicht: "hätte ich einen Körper, wäre ich". Ich Bin. Ich glaube, das IST sieht uns nicht als Zweibeiner, die auf diesem winzigen Planeten am Rande des Nirgendwo herumstolzieren, Das IST nimmt nicht einmal das "Ist nicht" zur Kenntnis. So wie die Arithmetik auch nicht die Fehler anrechnet, die Menschen beim Zusammenzählen machen. Das IST kennt nur sein reines Selbst. Dasselbe gilt für Liebe, Spirit und Leben. Es ist. Und wir, das wahre DU und ICH, viel weiter entwickelt als Engel, sind eins damit. Und doch: Vielleicht gibt es das alles nicht. Vielleicht ist Gott der eifersüchtige Stammesfürst, der sich all den Tod, die Zerstörung und den Hass auf der Erde ersonnen hat und uns wie Ameisen mit einem Stöckchen traktiert. Diese Idee oder Suggestion nehme ich allerdings nicht an, sondern heiße viel lieber meine "Meta-Illusion" willkommen: Wir und die vollkommene Liebe sind eins.

Interview und Übersetzung: Christian Salvesen, Buchautor und Redakteur bei Visionen

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