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Interviews

Interview mit Johannes Heinrichs über die spirituelle Dimension der Demokratie

Details

Interview mit Johannes Heinrichs über die spirituelle Dimension der Demokratie
Stephan Bratek pixelio.de

Grundwerte in der Diskussion

Johannes Heinrichs, Professor für Philosophie und Sozialökologie, entwickelt seit vielen Jahren eine komplexe Theorie zu einer Demokratie, bei der die spirituellen Grundlagen eines sozialen Systems mindestens ebenso voll zur Geltung kommen wie die wirtschaftlichen. Derzufolge sollte die Politik in vier Bereiche eingeteilt sein: Grundwerte, Kultur, Politik und Wirtschaft. Insbesondere das Grundwerteparlament verdient Beachtung, denn es ist die ethisch-spirituelle Grundlage der anderen Bereiche und diesen gegenüber weisungsbefugt. Es umfasst Weltanschauung, Ethik, Religion und Mystik.

Ihr Buch »Revolution der Demokratie. Eine Realutopie« geht scharf ins Gericht mit dem gegenwärtigen Trott der Parteien-Demokratie und setzt ihm ein neues Konzept entgegen. Hat das auch etwas mit spirituellem Bewusstsein zu tun?

Und ob! Es ist bedauerlich und gefährlich, dass politisches und spirituelles Bewusstsein in der heutigen spirituellen, esoterischen Bewegung so selten zusammenkommen. Die traditionellen Konfessionen versuchen dagegen durchaus, kräftig politisch »mitzumischen«.

Das kritisieren Sie ja sehr in dem Buch.

Nicht etwa die Tatsache, dass die so genannten »großen« Kirchen überhaupt ins Gemeinwesen hineinwirken, sondern dass sie es mit unfairen, im Grunde noch immer staatskirchlichen Mitteln tun. Wir haben zwar offiziell keine Staatskirche mehr, aber einen Konfessionsstaat sondergleichen.

Woran machen Sie das fest?

Um nur einige Punkte zu nennen, abgesehen von den so genannten Staatszahlungen als längst überholte »Wiedergutmachung« für die zu Napoleons Zeiten (!) säkularisierten Kirchengüter: Staatlich finanzierter und organisierter Religionsunterricht an allgemeinen Schulen, jeweils zwei theologische Fakultäten an den staatlichen Universitäten, was Milliardenausgaben des Steuerzahlers für »Wissenschaften« bedeutet, die gar keine Wissenschaften sind, weil sie auf »Glauben« (nicht etwa auf Erfahrung und Denken) aufbauen, darüber hinaus Konkordats-Lehrstühle sogar an den Philosophischen Fakultäten, die von der Zustimmung der Kirchen abhängen und somit die freie Philosophie seit langem wirksam untergraben.

Da scheinen Sie selbst betroffen zu sein?

Allerdings. Seit meinem Verzicht auf meine Professur bei den Jesuiten durch Ordens- und Kirchenaustritt habe ich keinen dauerhaften »weltlichen « Lehrstuhl mehr bekommen, obwohl meine Befähigung auch von denen betont wurde, die mich jahrzehntelang vor ihren Toren warten ließen. Ich hoffe aber, man merkt in dem Buch nicht zuviel von persönlicher Betroffenheit. Ich spreche ja allgemein genug über die rechtliche und finanzielle Überprivilegierung der steuerberechtigten Kirchen, auch im Bereich der sozialen Einrichtungen. Diese sind weitestgehend staatlich finanziert, werden aber durch den Arbeitgeber Kirche dirigiert, so dass nicht kirchensteuerzahlende Bewerber schwer Arbeit darin finden, gerade heute wieder. Und solche, die Arbeit in konfessionsgeführten Einrichtungen haben, z.B. Krankenschwestern, werden sich hüten, in ihrem Privatleben »auffällig« zu werden, »ketzerische« Ansichten laut zu äußern oder gar aus einer dieser Großkirchen auszutreten. Die Kirchen sind zusammen der größte Arbeitgeber und einer der mächtigsten Konzerne und Grundbesitzer Deutschlands! (Vgl. auch das Buch von Friedhelm Schwarz, Wirtschaftsimperium Kirche, 2005) Wie soll da echte Freiheit des religiösen Bekenntnisses möglich sein? Ohne wirkliche Bekenntisfreiheit aber wird keine Demokratie möglich sein, vor allem nicht eine solche, die von den Grundwerten, nicht vom Geld bestimmt wird.

Die spirituelle Dimension der Demokratie
Siegfried Baier pixelio.de

Ein »faires Miteinander« der Konfessionen und Weltanschauungen ist ein wesentlicher Aspekt des Grundwerteparlamentes, das Sie fordern, und zwar als übergeordnetes in der Hierarchie der vier voneinander unabhängig gewählten Parlamente: vor Kulturparlament, Politikparlament und Wirtschaftsparlament. Diese Viergliederung des Parlamentarismus bezeichnen Sie selbst als den Kern der Überwindung des heutigen Parteienstaats. Können Sie speziell auf das Grundwerteparlament etwas näher eingehen?

Wir leben ja in einem angeblich »säkularisierten« Rechtsstaat. Aber die rechtlich, in unserem Grundgesetz – nebenbei: das ist nach § 146 GG noch immer nicht die uns zustehende Verfassung! –, also die in unserem Grundgesetz niedergeschriebenen Grundwerte bedürfen der ethischen und spirituellen Begründung. Das positive Recht allein genügt nicht. Von den meisten Staatsrechtlern werden heute die philosophischen und ethischen (»naturrechtlichen«) Grundlagen des positiven Rechts wenigstens theoretisch wieder anerkannt. Über die Formulierung der Grundrechte in unserem Grundgesetz hinaus wird aber zunehmend deutlich: Das bloße Recht genügt nicht für den heute mehr als je spürbaren Bedarf an situationsgemäßer Anpassung an viele ethische und religiöse Fragestellungen, z.B. Gentechnik für Pflanze, Tier und Mensch oder die ganzen neuen Fragen um Geburt und Sterben, auch von dem berühmten, in der Praxis total missachteten »Recht auf Arbeit« oder anderen sozialen Teilhaberechten, den elementaren Rechten auf Gesundheit und körperliche Unversehrtheit ganz zu schweigen. Wir brauchen tatsächlich ein gewähltes Grundwertegremium, nicht bloß einen von Kanzlers Gnaden beauftragten »Nationalen Ethikrat«.

Die in unserem Grundgesetz niedergeschriebenen Grundwerte bedürfen der ethischen und spirituellen Begründung. Das positive Recht allein genügt nicht.

Doch kann man über Wahrheit und Ethos nach Mehrheitsprinzipien befinden?

Natürlich nicht. Aber heißt das, dass wir uns deshalb den angeblich bewährten traditionellen Autoritäten oder aber einer ebenso utopischen, weil rationalistischen »Diskursethik« anvertrauen müssen? Es geht in einem Grundwerteparlament gar nicht darum, über Wahrheit und letzte sittliche Axiome dogmatisch zu entscheiden. Dieses vierte und höchste Parlament ist vielmehr der Ort, wo künftig die eigens dazu gewählten, also mit Vertrauen und Kompetenzerwartungen ausgestatteten Volksvertreter eine Kommunikation über die letzten Wertgrundlagen unseres Gemeinwesens führen. Ich sage Kommunikation, genauer: Wertekommunikation.

Worin liegt der Unterschied zwischen Wertekommunikation und Diskurs? Diskurs ist heute ein Modewort, von »Wertekommunikation« habe ich dagegen außer in Ihrem Buch noch nicht gelesen.

Wertekommunikation ist in der Tat etwas völlig Anderes als der rein rationale, argumentative Diskurs, wonach angeblich (nach Habermas und anderen) unsere Gesellschaft funktionieren und geordnet werden sollte, m. E. eine total rationalistische und unfruchtbare Fehleinschätzung. In eine Wertekommunikation gehen ganzheitlich auch die angeblich irrationalen, in Wahrheit rationalistisch kleingeredeten Faktoren wie Gefühl und persönliche (Wert)Erfahrung ein. Mit ihrer Anerkennung bekommen Glaube, Intuition, auch Inspiration, selbst die mehr oder weniger autoritär verstandene »Offenbarung« ihren berechtigten Platz im Gemeinwesen.

Würde dadurch unsere öffentliche Kommunikationssituation nicht noch chaotischer, als sie es schon ist?

Man kann nicht den Teufel der zerbrechenden Kommunikation mit dem Teufel des rationalistisch verengenden Diskurses (im Sinne von Argumentation) austreiben. Dieser hat zwar an den Universitäten seinen Platz, sollte ihn vielmehr dort haben, ist aber keineswegs für all die Wertungsprobleme auf jeder Ebene des Gemeinwesens geeignet. Die Voraussetzung, die ich besonders für die Kommunikation und Metakommunikation über Letztwerte mache, ist allerdings: Man wird bei allen Menschen guten Willens eine gemeinsame Wertgrundlage, einen Wertekonsens finden, sofern es nicht um den privaten Glauben, sondern um die letzten Grundlagen für die Rechtsnormen unseres Gemeinwesens geht. Das Grundwerteparlament ist die Institution, wo eben diese Übersetzung aus der religiös-weltanschaulichen Wertung in geltendes Recht stattfindet. Die Unterscheidung von Recht und vorrechtlichen Werten ist zwar, soweit ich weiß, typisch abendländisch. Sie hat sich auch bei uns erst in der Aufklärung, insbesondere bei Kant, klar durchgesetzt. Sie muss jedoch in einem weltanschaulich pluralistischen Gemeinwesen notwendigerweise gemacht werden. Warum sollten wir den Beitrag des Westens zur geistigen Evolution der Menschheit gering achten?

Meinen Sie einen humanistisch-philosophischen, also einen aus den verschiedenen religiös-weltanschaulichen Strömungen verallgemeinerten, in diesem Sinne »säkularisierten« Wertekonsens?

Genau. Das Verständnis von »Säkularisierung«, wenn man dieses viel missbrauchte Wort verwenden will, beinhaltet dabei die Verallgemeinerung der religiösen Werterfahrungen, nicht die Verabschiedung der Religionen. Die verschiedensten Weltanschauungen könnten sich in einem Grundwerteparlament von Vertrauensleuten der Bevölkerung voll einbringen: in einen möglichst fairen und transparenten Austausch, der Wertekommunikation. Jeglicher verbohrte Fundamentalismus irgendeiner Religion wird freilich nicht akzeptabel sein, wohl aber die Suche nach gemeinsamen, vom Geiste her akzeptierbaren Rechtsnormen des äußeren Verhaltens. Diese können recht verschieden begründet werden. Abgesehen davon, dass der Konsens zwischen den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in den entscheidenden Fragen der Würde des Menschen viel größer ist, als uns parteiische Konfessionsvertreter glauben machen wollen – beim Recht geht es bloß um einen pragmatischen Konsens fürs Handeln. Ohne die Voraussetzung, dass ein solcher pragmatischer Konsens möglich ist, könnte und dürfte es überhaupt keinen religiös-weltanschaulichen Pluralismus geben, sondern nur die Herrschaft der einen oder anderen Mehrheits-Weltanschauung. Wozu die Fundamentalisten in allen Religionen (auch immer noch unsere staatstragenden christlichen Konfessionsvertreter!) neigen. Die philosophischen und wirklich spirituellen Geister in allen Religionen und Weltanschauungen neigen nicht zu solchem Separatismus. Diese konfessionelle Eigenbrödlerei geht insgeheim vielmehr aus Machtgelüsten hervor denn aus Sorge um Wahrheit und Menschenwürde (oder gar angeblich zu verteidigende Gotteswürde). Selbst modern sein wollende Kirchenleute (wie etwa der derzeitige EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber, der mir hierzu einen Brief schrieb) leugnen, dass die pluralistische Gesellschaft eigene philosophisch-ethische Wertfundamente hat, zu denen die Konfessionen zwar Aspekte und Motivationen beisteuern können, für welche sie aber keineswegs unentbehrlich sind. Man vergisst dabei übrigens auch, dass Religion und Spiritualität mehr sind als Ethiklieferanten.

Alle Ethik bedarf der weiteren Begründung durch Seinsfundamente, durch letzte, vorgegebene Werte, die wir nicht willkürlich setzen können, nicht einmal im Miteinander

Wo kommen diese »philosophisch-ethischen Wertfundamente« her?

Um einmal christlich-biblisch zu sprechen: Aus dem »Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt« (Jo 1, 9). Philosophie ist die wissenschaftliche Ausdeutung dieses Vernunft-Lichtes, von den Griechen wie dann auch im Johannes-Evangelium »Logos« genannt. Es sind viele gedankliche und religiöse Überlieferungen, die unser heutiges philosophisches Denken geschichtlich ermöglicht haben. Aber auf bestimmte Offenbarungen brauchen wir uns dazu nicht zu berufen.

Sie unterscheiden in Ihrem Buch Weltanschauung, Ethik, Religion und Mystik. Können Sie das kurz erläutern?

Diesen Unterscheidungen liegt dasselbe Reflexions-Stufungsprinzip zugrunde wie der umfassenderen Unterscheidung der sozialen Systemebenen (Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerte): Weltanschauung bezieht sich auf die objektive Welterkenntnis (1), sei diese durch Wissenschaft, Alltagserfahrung oder durch (wie immer verstandenen) Glauben begründet. Sie antwortet auf die Frage Was kann ich wissen? Ethik (2) antwortet dagegen auf die Frage Was darf ich oder soll ich tun? Sie geht vom (mehr oder weniger unterrichteten) subjektiven Gewissen der Handelnden aus. Religion (3) antwortet dagegen auf die Frage Was darf ich hoffen, um die berühmten drei Fragen von Immanuel Kant aufzugreifen. Religion erschöpft sich keineswegs in Ethiklehre und auch nicht in gelebter Moral. Ihre Grundfrage ist nicht: Was darf und soll ich? Vielmehr: Was erfüllt mich, wofür lohnt es sich, letztlich zu leben?

Könnten Sie näher erläutern, in welchen Aspekten Religion über Ethik hinaus geht?

Eben die Frage »Was ist das letztlich Erfüllende?« ist keine Frage des Tun-Sollens, sondern des Leben-Könnens, anders gesprochen der Glückseligkeit oder der letztgültigen Sinnerfüllung. Das gute und pflichtgemäße ethische Handeln mag eine Voraussetzung für bleibende Glückseligkeit, auch nach dem physischen Tod, sein. Pflichterfüllung und moralische Gutheit sind jedoch selbst noch nicht die Antwort auf die Fragen nach letztem Sinn und Erfüllung.

Jetzt dürfte es aber schwer werden, Religion noch von Spiritualität als dem Vierten innerhalb des vierten Subsystems (»Legitimationssystem«) zu unterscheiden.

Die Rechtsordnung ist in der Tat eine gewissermaßen »bornierte«, untergeordnete Art von Ordnung und Vergemeinschaftung.

Das zuletzt Gesagte trifft auch auf die persönliche Spiritualität zu. Mit Religion ist hier aber – im Unterschied zur persönlichen spirituellen Erfahrung – die »Rückbindung« (von religere oder religare) nicht allein ans Göttliche, sondern zugleich auch »Rückbindung« an eine Traditionsgemeinschaft gemeint. Religion ist nach der objektbezogen weltanschaulichen und der subjektbezogen ethischen die spezifisch kommunikative und kollektive Stufe der Interpretation der letzten Werte. Wir wissen, welch ungeheure Energien das religiöse Kollektiv entwickelt, auch verführerische und pervertierte Energien – wie überhaupt das Beste die schlimmsten Perversionen erlaubt. (Corruptio optimi pessima, sagt ein alter lateinischer Spruch.) Mit Spiritualität ist nun, im Unterschied zur Religion, das je persönlich verantwortete und möglichst selbst erfahrene Verhältnis des Einzelnen zum Sinn, zu »Allem« oder zur Gottheit, gemeint. Zwar kann es auch hierbei sehr wohl tradierte Stile von Spiritualität geben, jedoch nur im Sinne einer Schulung zur vollkommenen persönlichen Selbständigkeit. Es kann auch das kollektive Zusammenklingen vieler spiritueller Menschen geben. Doch jede äußere Autorität, die mehr als ein Lernangebot wäre, ist dem mystisch erfahrenen oder spirituellen Menschen fremd. Meines Erachtens müssen wir auf Dauer hin zu jener Gemeinschaft im Heiligen kommen, die aus der völligen spirituellen Selbständigkeit der Einzelnen resultiert. Das Abendland tut sich viel zugute auf Individualisierung, und diese ist in der Tat notwendig. Doch abendländische Individualisierung ist vornehmlich eine rechtliche. »Person« war im antiken Rom bezeichnenderweise zuerst Rechtsperson. In spiritueller Hinsicht scheint die Individualisierung, als das Gehen des je eigenen Pfades, in Indien viel ausgeprägter zu sein. Dagegen pflegen wir bis heute im Abendland einen religiös-spirituellen Kollektivismus, wie er für spirituell fortgeschrittenere Asiaten gar nicht akzeptabel wäre.

Für Sie ist ja Recht das Medium der Politik im engeren Sinn der Machtregelung. Ist nicht dann doch die ganze politisch-rechtliche Sphäre sehr den eigentlichen, »letzten« Fragen des Menschen untergeordnet?

Demokratie ist letztlich nur aus einer spirituellen Dimension zu begründen

Schon richtig, im demokratischen Zusammenhang geht es in der Tat nicht um ein entferntes künftiges Spiritualitätsideal, sondern um die Realität des heutigen Menschen. Eine künftige »Gemeinschaft der Heiligen« wird ohnehin nicht mehr primär in Rechtsnormen integriert sein. Auf längere Sicht aber ist das Recht die dominierende und das gesamte Gemeinschaftsleben bündelnde Art der Ordnung, wie in den noch gar nicht so alten Theokratien die Religion das Integrierende war. Rechtsordnung ist gleichbedeutend mit (Rechts-)Staat. Dieser »bündelt« viel mehr an gemeinschaftlichem Leben, als er selber ist. So bedarf, wie besprochen, alle Ethik der weiteren Begründung durch Seinsfundamente, durch letzte, vorgegebene Werte, die wir nicht willkürlich setzen können, nicht einmal im Miteinander. Die Rechtsordnung ist in der Tat eine gewissermaßen »bornierte«, untergeordnete Art von Ordnung und Vergemeinschaftung. Aber wenn wir auf der Ebene des Rechts und damit der Politik nicht endlich eine demokratische Rechts- und Gerechtigkeitsordnung zu schaffen vermögen, die diese Bezeichnung verdient, dann versagen wir auch in spiritueller Hinsicht. In Hinblick auf diesen Schritt haben viele, vielleicht die meisten Spirituellen bisher versagt. Wenn sie dennoch das umfassende Gemeinschaftsleben regeln wollten wie Konfuzius oder Mohammed oder die mittelalterliche Kirche, dann kamen meist Theokratien heraus, Gleichschaltungen von Religion/Sittlichkeit mit Recht, die für uns »Moderne« inakzeptabel geworden sind.

Sie sehen aber einen äußerst engen Zusammenhang zwischen Religion und Gemeinschaft, schon durch den für Ihr Denken typischen Begriff des Sinn-Mediums, den Alles-Gedanken, den jeder Mensch in sich trage und der alle Gemeinschaftlichkeit erst möglich mache. Sie zitieren dabei zustimmend aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums: »das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt« (Jo 1,9). Wenn diese spirituelle Dimension dermaßen das Verbindende in aller Gemeinschaft ist, wie können Sie dann die »persönliche Spiritualität« trotzdem von der »überlieferten Religion« einer Gemeinschaft absetzen?

Diese Frage ist sehr berechtigt und führt sehr tief. Eigentlich ist das je-persönliche Verhältnis zum umfassenden Sinn-Medium und darin zum Göttlichen gerade das Verbindende und Gemeinschaft Bildende. Deshalb kann der Zusammenhang von Religion und Gemeinschaft geschichtlich wie systematisch überhaupt nicht eng genug gesehen werden. (Religiös und spirituell »unmusikalische« Soziologen oder Sozialphilosophen können deshalb nur schlechte sein.) Man spricht von der Moderne mit Recht als Zeitalter der Individualisierung. Es ist aber Kennzeichen der bisherigen neuzeitlichen Individualisierung, dass gerade dieses Gemeinsame und Verbindende, das Sinn-Medium, zur jeweiligen Privatsache geworden ist und das bloße Recht zur tonangebenden Integrationsform der Gemeinschaft (als Rechtsstaat) geworden ist. Wir müssen durch diese äußerste, gewissermaßen geistlose Individualisierung aber konsequent hindurch, um zu neuer geistiger Gemeinsamkeit zu finden. Das Grundwerteparlament ist der evolutiv notwendige Schritt dazu. Wir müssen, zumindest in kollektiver Betrachtung, die überlieferten Religionen als allgemeinverbindliche (mehr oder weniger verdienstliche) Traditionen hinter uns lassen. In individueller Betrachtungsweise handelt es sich um die Aufgabe, aus der jeweiligen, ganz persönlichen Erfahrung des Sinn-Mediums oder des Göttlichen zu einer höheren Gemeinschaft-in-individueller Freiheit zurück zu finden. Vorläufig in dem bornierten rechtlichen Rahmen, später vielleicht in neuer, mehr als rechtlicher Gemeinsamkeit der Grundwerte.

Würden Sie diese neue Gemeinschaft-in-Freiheit »postmodern« nennen?

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern

Zunächst, denke ich, müssen wir die Moderne, das heißt das Zeitalter der Differenzierung und Individualisierung, damit nicht zuletzt der Unterscheidung der Wertebenen Wirtschaft, Politik, Kultur und Religion, erst einmal konsequent durchführen. Darum ging es in ungeheuren, blutigen und unblutigen Kämpfen seit Beginn der Moderne bis heute. Erst die wirkliche Durchführung und Voll-Endung der Moderne kann uns eine Postmoderne bescheren, die aber jenseits der derzeit modischen Willkür-Vorstellungen liegt. Wirklich postmodern könnte die künftige Einheit von tatsächlicher individueller Selbstverwirklichung (self-realization im Sinne der spirituellen Meister) und neuer spiritueller Gemeinsamkeit, neuer Gemeinschaft im Heiligen, sein. Davon sind wir noch ziemlich weit entfernt. Eine Bedingung dafür ist tatsächliche, nicht bloß angebliche Selbst-Individualisierung. Eine andere Bedingung: Dass wir die Fragen der Spiritualität und der Organisation des Gemeinwesens (Politik) allmählich wieder zusammenbringen. Eine Brücke dazu stellt das Gerechtigkeitsgefühl und das konkrete, wirtschaftliche Mitgefühl mit allen Menschen dar. Mit den wirtschaftlichen-politischen Strukturen müssen wir, selbst aus spirituellen Gründen, genauso und gleichzeitig ernst machen wie mit der persönlichen Selbstverwirklichung.

Damit kämen wir eigentlich zu den Ebenen Wirtschaft, Politik und Kultur, die Ihrer Grundwerteebene untergeordnet sind.

Ja, die große Änderung der Bestimmungsrichtung unserer Demokratie: Statt Bestimmung des Ganzen von unten, von der (kapitalistischen) Wirtschaft nach oben, die Regulierung des Ganzen von oben, von den Grundwerten her, nach unten, bis hinein ins Wirtschaftliche. Allerdings nicht bloß einseitig-hierarchisch, sondern zugleich kreislaufartig-rückgekoppelt. Die Wirtschaft muss letztlich spirituell, von den Grundwerten her, gesteuert werden, aber die Grundwerte müssen sich mit den Gesetzen der wirklichen oder nur angeblichen wirtschaftlichen Knappheit arrangieren. Die Wirtschaft hat Anspruch auf ihre eigene Gesetzlichkeit. Sie darf nicht überfremdet werden, braucht aber klare Rahmenbedingungen aus Politik, Kultur und von den Grundwerten her.

Sie werden ja zum Schluss des Buches noch einmal ganz direkt spirituell, indem Sie das alte Wort anführen: Vox populi, vox Dei: Volkes Stimme, Gottes Stimme. Haben Sie nicht Angst, dass diese »politische Theologie« etwas zu populistisch klingt?

Bei Lesern, die den Gedankengang mit durchlaufen haben, habe ich diese Befürchtung überhaupt nicht, abgesehen davon, dass ich die übliche Rede von »populistisch« ihrerseits sehr fragwürdig finde. Der Vorwurf des Populismus ist heute meist eine Ausflucht der Berufspolitiker vor dem, was der gesunde Menschenverstand nahe legt. Ihm wird unsere derzeitige Demokratie in keiner Hinsicht gerecht. Mir ging es zudem am Ende des Buches darum, noch einmal darauf zu pochen, dass Demokratie letztlich nur aus einer spirituellen Dimension zu begründen ist und dass wir diese viel missbrauchten Energien heute für eine wirkliche, sprunghafte Demokratie-Evolution, gleich Revolution, dringend »mobilisieren« müssen.

A propos Mobilisierung, wie glauben Sie, dieses doch sehr anspruchsvolle Konzept von Evolution/Revolution der Demokratie populär machen zu können?

Wirklich postmodern könnte die künftige Einheit von tatsächlicher individueller Selbstverwirklichung (self-realization im Sinne der spirituellen Meister) und neuer spiritueller Gemeinsamkeit, neuer Gemeinschaft im Heiligen, sein. Davon sind wir noch ziemlich weit entfernt.

Es handelt sich um eine neue Aufklärungsbewegung, eine konstruktive Aufklärung, im Unterschied zu der im Wesentlichen negativen, demaskierenden alten Aufklärung zur Zeit der Französischen Revolution, mit ihren vielen Nachfolgewellen bis heute. »Aufklärung« heißt im Englischen bezeichnenderweise »enlightenment« – dasselbe Wort, das auch »Erleuchtung« bedeutet. Es geht darum, nicht allein die intellektuellen, sondern nicht minder die spirituellen Kräfte zu entfesseln, die jeden Einzelnen aus dem Mitläufertum, der Resignation und dem Relativismus herausführen. Der geistige Relativismus ist eigentlich die Weltanschauung des Kapitalismus, für den im Grunde nur das Geld und dessen Selbstvermehrung zählen. Jetzt geht es darum, statt von der so genannten materiellen Basis, die heute die gesamte Gesellschaft dominiert, das menschliche Gemeinwesen wieder von den Letzt- oder Grundwerten her neu aufzubauen. Eben deshalb handelt es sich in erster Linie um eine spirituelle Aufgabe (hierin bin ich mit Rudolf Bahro einig, meinem charismatischen Vorgänger als Professor für Sozialökologie an der Berliner Humboldt-Universität), wenngleich gänzlich verschieden von aller früheren Theokratie (hierin bestand nicht immer Einigkeit mit Bahro). Hegel sprach von der damaligen, ersten Aufklärungsbewegung als einer »lautlosen Ansteckung«. Eben eine solche muss auch für die neue, konstruktive Aufklärung in Gang kommen.

Auch dazu bedarf es gewisser institutioneller Formen. Bücher und Artikel werden in den heutigen Medien allein nicht viel bewirken können.

Deshalb haben wir kürzlich ein »Netzwerk Viergliederung der Demokratie« gegründet, das auf einer Internet-Seite (www.netz-vier.de) informiert und um Unterstützer-Unterschriften wirbt. Materielle Unterstützung ist uns selbstverständlich wichtig und willkommen. Doch ideelle Unterstützung steht auch hier an erster Stelle: Es wird deutlich werden, dass es sich nicht um eine abgehobene Phi-losophenidee handelt.

Irgendwo habe ich ein Foto gesehen, das Sie mit dem Frankfurter Soziologen und Marxismus-Kenner Iring Fetscher im Treppenhaus der Humboldt-Universität zeigt, vor dem berühmten Marx-Diktum: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern« (11.These über Feuerbach).

Ja, genau, zu diesem praktischen Impuls ist die Philosophie gerade als weitergeführte Reflexions-Systemtheorie inzwischen reif geworden.

Haben Sie vor, in absehbarer Zeit als Partei anzutreten? Irgendwo muss die angezielte Veränderung der parlamentarischen Struktur, die Sie als Synthese von direkter und repräsentativer Demokratie bezeichnen, ja konkret über das jetzige Parlament laufen.

Ein solches Auftreten als Partei, die dazu dienen soll, gegliederte Sachparteien ganz neuen Stils aus sich zu entlassen, hängt zeitlich ganz und gar vom Gelingen der besagten Aufklärungsbewegung ab. Zwar könnte im Wahlkampf selbst ein besonderes Stück Aufklärung sein. Doch vorher müssen wir noch Erfahrungen sammeln und in anderen Aktionen, zum Beispiel in einem geplanten Demokratie-Pilgerweg, erproben, wie die »Ansteckung« funktioniert – vielleicht doch nicht nur lautlos. Wenngleich das eigentliche »enlightenment« wirklich ein durch und durch geistiges Geschehen ist, ein intellektuelles, emotionales und spirituelles.

Erstveröffentlichung Tattva Viveka

Johannes Heinrichs, Professor für Philosophie und Sozialökologie, entwickelt seit vielen Jahren eine komplexe Theorie zu einer Demokratie, bei der die spirituellen Grundlagen eines sozialen Systems mindestens ebenso voll zur Geltung kommen wie die wirtschaftlichen. Derzufolge sollte die Politik in vier Bereiche eingeteilt sein: Grundwerte, Kultur, Politik und Wirtschaft. Insbesondere das Grundwerteparlament verdient Beachtung, denn es ist die ethisch-spirituelle Grundlage der anderen Bereiche und diesen gegenüber weisungsbefugt. Es umfasst Weltanschauung, Ethik, Religion und Mystik.

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