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Interviews

Interview mit Drehbuchautorin Ursula Gruber über »Sommer in Orange«

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Interview mit Drehbuchautorin Ursula Gruber über »Sommer in Orange«
Ursula Gruber Foto: Robert Haas

»Was damals exzentrisch war, ist heute fast normal«

 

Drehbuchautorin Ursula Gruber (»Sommer in Orange«) erzählt über ihre Kindheit in der Bhagwan-Kommune, über ihr Verhältnis zu Osho und verrät, was sie in der Erziehung ihrer Kinder anders macht als ihre Mutter...

Ursula, du hast das Drehbuch zu diesem Film geschrieben, der aus der Perspektive eines 12-jährigen Mädchens geschildert wird. Bist du dieses Mädchen?

Ja, aber natürlich nicht 1:1. Die Lili ist zwölf, ich war damals neun. Sie macht innerhalb von zwei, drei Monaten eine Entwicklung durch, für die ich viele Jahre gebraucht habe. Aber im Grunde ist das, was sie da macht, dieser Versuch sich anzupassen und dann zu merken, dass das doch nicht das Wahre ist, das ist meine Geschichte.

Und deine Mutter war auch in dieser Landkommune?

Ja. 1980/81 sind wir nach Schäftlarn rausgezogen. Vorher waren wir in München. Da hat sich meine Mutter von meinem Vater getrennt. Meine Mutter hat sich für Therapie interessiert und wollte sich neu orientieren, da hat sie sehr viele Sannyasins kennengelernt. Peu à peu sind die dann in unsere Wohnung in München eingezogen. Eine ganz normale 3-Zi-Wohnung in einem Außenbezirk von München. Irgendwann dann hat ein Freund meiner Mutter ein Haus auf dem Land geerbt, und da noch nicht klar war, was mit dem Haus passiert, es gab da eine Erbengemeinschaft, hat er es vermietet und zwar an uns alle und sehr günstig. Dann sind einfach alle, die damals in der Wohnung waren, da rausgezogen.

Wie viele wart ihr?

Der harte Kern, das waren so fünf, sechs Erwachsene und zwei Kinder – mein Bruder und ich. Dann kamen immer mehr, und es wechselte.

Dein Bruder ist jünger als du?

Ja, er war damals sieben und ich neun.

Dein Bruder – im Film heißt er Fabian – das ist der Georg, der Produzent dieses Films. Das Drehbuch aber ist von dir allein?

Ja, aber das ist so entstanden: Wir haben uns zusammen hingesetzt und überlegt, was man da machen kann, mit diesem Stoff. Dann habe ich das Drehbuch allein geschrieben.

Interview mit Drehbuchautorin Ursula Gruber über »Sommer in Orange«
Amber Bongard als "Lili" (l.) mit Ursula Gruber.
(Copyright: Majestic / Mathias Bothor)

Hattest du vorher schon Drehbücher geschrieben?

Nein, für Spielfilme nicht. Ich war damals schon seit längerem Dokumentarfilmemacherin und hatte zu dem Zeitpunkt eine erste Tochter bekommen und gemerkt, Dokumentarfilme zu machen mit Baby, das ist schwierig. Da ist man ja sehr oft längere Zeit unterwegs und muss sich sehr nach anderen richten. Man muss da sehr flexibel sein für den Job. Das ging dann nicht mehr so richtig. Meine Tochter war da ein Jahr alt, und ich wollte zum schon seit längerem einen Dokumentarfilm zum Thema Sannyasin-Kinder machen, aber dazu bin ich dann nicht mehr gekommen. Dann meinte der Georg, der Produktion studiert hatte und bei einer Produktionsfirma in Berlin war: Schreib einfach ein Drehbuch fürn Spielfilm, probiers einfach mal! Du kannst doch schreiben. Ich war mir da gar nicht so sicher. Ich wäre von mir aus nicht auf die Idee gekommen, ein Spielfilmdrehbuch zu schreiben. Aber mein Bruder hat mir zugeredet, und dann habe ich mir gesagt, das probier ich jetzt einfach mal. Wenn das nix wird, dann hör ich einfach auf, und dann schreibt ein Profi weiter. Dann hat das aber sehr gut geklappt, viel besser als ich erwartet hatte, und ich hatte da auch sehr viel Spaß dran. Im Lauf der Arbeit daran wollte ich das dann auch wirklich machen, und zwar alleine.

Und das habt ihr dann realisiert!

Ja. Am Anfang gab es da einen anderen Regisseur, Christian Ditter, der an der Entwicklung mit beteiligt war. Der saß mit uns am Küchentisch und hat dann gesagt: So oder so müssen wir das machen oder auch so … aber irgendwann meinte er, er sei nicht der Richtige dafür. Da dachte ich: Au, Scheiße, er findet das ganz schlecht. Aber dann dachte ich: Vielleicht ist er wirklich nicht der Richtige dafür. Und eigentlich hatte ich mir schon immer mal gedacht, der Rosi wäre dafür genau der Richtige. Für ihn würde das total passen. Ich hatte mal »Wer früher stirbt ist länger tot« gesehen und kannt den Rosi flüchtig, weil der ja auch Dokumentarfilme gemacht hat, wir beide sogar für die gleiche Redaktion. Da dachte ich: Dann geb ich's ihm doch einfach mal! Und er hat's gleich gelesen, fand's sofort total toll, und hat auch gleich verstanden, worum es mir ging. Das ist ja auch nicht immer so, dass einer das gleich auf Anhieb versteht. Und dann hat es zwar immer nochmal lang gedauert, weil er so viele Projekte vorhatte. Dann hat sich aber ein Projekt von ihm verzögert, und da sind wir dann reingerutscht. Und das war super! Wir hatten ja ungefähr ein Jahr lang nach einem Alternativregisseur gesucht. Der BR war da ja früh mit dabei, und immer hatten entweder dem BR unsere Vorschläge nicht gepasst oder uns die vom BR, oder die hatten schon was anderes oder wollten nicht. Gedreht haben wir dann im Sommer 2010.

War das in Schäftlarn?

Nein, das war in Oberbiberg, wo der Rosi auch »Wer früher stirbt, ist länger tot« gedreht hatte. Das ist ein traumhaftes Haus. Es stand vierzig Jahre leer. Die Besitzerin hatte dort erst niemand reinlassen wollen, aber die ist im Winter davor verstorben, dadurch wurde das dann frei. Das Haus war wirklich vierzig Jahre lang unberührt. Das war dann also genauso verstaubt, wie wir es brauchten.

Der Ortsname Talbichl ist bestimmt ein erfundener Name …

Ja, denn Bichl heißt Hügel, und ein Dorf, das Talhüger heißt, das gibt's bestimmt nicht. So konnten wir sicher sein, dass es nicht ein Dorf gibt, in dem die Leute sich durch den Film angegriffen fühlen.

Interview mit Drehbuchautorin Ursula Gruber über »Sommer in Orange«
Lili (l.) gerät mit ihren Mitschülern aneinander, die sich über sie
lustig machen. (Copyright: Majestic / Christian Hartmann)

Jetzt aber noch ein bisschen was zu dem, was der Film für dich bedeutet. Du hast ja den Umgang der Sannyasszene mit Kindern als Betroffene erlebt, als Kind, und du hast jetzt auch selbst zwei Kinder. Ist der Film für dich auch eine Verarbeitung des damals Erlebten?

Ja, sicher, auch das.

Und? Hat dich das geheilt?

Also … ich war da eh schon im Prozess. Ich war damals ja sehr jung. Als Teenager dachte ich mir, ich mach das, wenn ich groß bin, mal total anders. Ich werde ganz normal sein. Ich halte nichts von Montessori-Geschichten und sowas … Bei mir wird alles supernormal, damit mein Kind so aufwachsen kann.

So wie in der Bürgermeisterfamilie im Film…

Ja, genau. Man darf auch Fleisch essen und Cola trinken und sowas, und einen Fernseher werden wir natürlich auch haben. Ich habe darüber meiner Mutter lange Zeit Vorwürfe gemacht, weil sie doch sehr viel mit ihren Therapien und so beschäftigt war. Wir waren da ja die einzigen Kinder. Die anderen waren zwar sehr lieb zu uns, aber es waren Erwachsene. Was wir gebraucht hätten, das wären Gleichaltrige und auch ein bisschen Hilfe, Gleichaltrige zu finden. Dadurch, dass dort alle orange gekleidet waren, gab es ja zusätzliche Probleme.

Würdest du heute sagen, dass das, was damals in der Sannyasszene mit den Kindern gemacht wurde, psychologisch falsch war? Hat Osho sich geirrt in dem, was er über Kindererziehung gesagt hat?

Ja, also … ich glaube, dass es falsch war. Nicht ganz falsch, aber doch in vieler Hinsicht falsch. Nun habe ich ja selbst Kinder, und die Zeiten haben sich geändert. Was damals exzentrisch war, ist heute fast normal. Heute kann ich mein Kind natürlich in den Montessori Kindergarten schicken, heute ist das normal. Heute fände ich eine Kommune oder eine große WG auch manchmal gar nicht schlecht, gerade mit Kindern, weil dann immer jemand da ist und man nicht so für sich alleine vor sich hin wurstelt. Was ich aber nicht gut finde ist, wenn man dadurch, dass sowieso alle für die Kinder da sind, dass man sich dadurch als Mutter oder Vater freikauft von der Verantwortung für die eigenen Kinder.

Warst du Sannyasin?

Nein. Mein Bruder, meine Mutter und ich waren keine Sannyasins. Aber wir waren nahe dran. Zeitweilig wollten mein Bruder und ich auch gerne Sannyasins werden.

Um dazuzugehören …

Ja, wir wollten dazugehören. Wenn wir auf Festen waren, wo lauter Sannyasinkinder rumgelaufen sind, wollten wir natürlich auch Sannyasins sein. Da waren wir diejenigen, die keine Halskette hatten. Im Dorf aber wollten wir genau das nicht sein, weil die anderen nicht so waren. Meine Mutter war auch rot gekleidet und hat das eine Zeitlang alles mitgemacht. Sie war auch in Poona, aber den Schritt zu Sannyas hat sie nie gemacht, weil der Personenkult um Bhagwan sie abgeschreckt hat.

Was würdest du heute sagen, nach all deinen Erfahrungen mit Sannyasins und der Sannyaszeit, zum Thema Osho. Er hatte ja eine große Wirkung.

Ja, Wahnsinn … Ich hatte das erst gar nicht so richtig gemerkt, dass Osho so'n Thema ist für so viele. Neulich war ich in einer Osteopathiepraxis, hier bei mir gleich ums Eck, und die Inhaberin sagte mir, sie hätten dort ganz viele Sannyasins unter den Therapeuten. Und eine andere Freundin von mir, die für das Yoga-Journal Interviews gemacht hat, die dachte immer Osho wäre der Gute und Bhagwan der Böse.

Ich persönlich habe aber zu Osho keinen so richtigen Bezug. Für mich war das als Kind eine schwierige Situation. Ich hab dann lange gebraucht, um zu verstehen, dass Psychotherapie durchaus was Gutes sein kann, in bestimmten Lebenssituationen. Dass es völlig legitim ist, dass man dann eine Therapie macht. Ich bin dadurch eher bodenständiger geworden, als ich es sonst vielleicht geworden wäre, ohne diese Erfahrung als Kind. Ich weiß aber natürlich nicht, was gewesen wäre, wenn ich in einer ganz normalen Familie aufgewachsen wäre. Ob das wirklich so toll gewesen wäre.

Und die Schmetterlinge, sind die von dir?

Nein, die sind von Rosi, das muss ich zugestehen. Sehr vieles in dem Film ist von ihm, er hat einfach gute Ideen! Aber (lachend) wenn er sagt, die Elefanten seien von ihm, das stimmt nicht, die sind von der Szenenbildnerin …

Habt ihr die nicht reingeschnitten? Sind die wirklich da über die Wiese gelaufen?

Ja, die kamen am letzten Drehtag, im LKW. Dann standen sie da neben den Kühen. Die Kühe waren eingezäunt, wir wussten ja nicht, ob die sich was tun. Hinter den Bäumen stand der Wärter vom Zirkus Busch mit einem Kübel voll Biokarotten, denn die essen nicht alles. Der hat dann gerufen "Karla, Karla, Karla!". Der erste Elefant, der da vorne lief, der heißt Karla. Sie war die Anführerin, der andere trottete hinterher. An dem Tag hatten auch alle ihre Kinder dabei, wir hatten tolles Wetter, und das mit den Elefanten war da natürlich die große Attraktion.

Im Presseheft hat die Daniela Holz, die Darstellerin der Brigitte was dazu geschrieben, wie es dort am Set war. Das muss ja eine tolle Stimmung gewesen sein. Warst du da auch dabei, während der Drehtage?

Ja. Und diese tolle Stimmung, das liegt am Rosi und an seinem Team. Das sind alles tolle Menschen. Und auch die Gruppe von Schauspielern, die da am Set zusammengewürfelt war, die kannten sich ja nicht vorher. Dadurch, dass die Schauspieler alle in einem Hotel gewohnt haben, haben die sehr viel miteinander zu tun gehabt und haben so eine Art Kommuneerfahrung gemacht.

Das Interview führte Wolf Schneider

 

Der Film startet am 18. August in den Kinos. Die connection spirit 09/11 (erscheint am 26. August) enthält zwei ausführliche Film-Besprechnungen, eine von Wolf Schneider und eine von Barbara Wollstein

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