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Interviews

Interview mit Daniel Herbst über Geld und Erleuchtung

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Daniel Herbst

Geld und Erleuchtung

In seinem neuen Buch »Hermann Hesses Erleuchtung« widmet sich Daniel Herbst dem Guru unter den deutschen Dichtern. Hermann Hesse war bewandert in christlicher Mystik, schwärmte für den Buddhismus und pries die indische Spiritualität. Dennoch ging ihm bis zum Ende seines Lebens materielle Sicherheit über alles. Ein typisch deutscher Fall? Dietmar Bittrich sprach mit Daniel Herbst über das Geld und Erleuchtung.

Der ehemalige Wohlfahrtsstaat Deutschland sackt ab. Reicher wird kaum noch jemand, ärmer viele. Die Angst vor dem Absturz grassiert. Zu Recht?
Natürlich. Bisher mussten die wenigsten von uns die Konsequenzen des Marktes am eigenen Leibe erfahren. Jetzt bringt die Globalisierung die Opfer dort zu Tage, wo sie hingehören: bei uns. Das ist lehrreich und gerecht. Wir beginnen, die Auswirkungen eines selbstherrlichen Marktes zu begreifen. Die Opfer hat es immer gegeben. Anderswo. Jetzt werden wir selbst zu rechtlosen Leiharbeitern. Statt es Sklaverei zu nennen, nennen wir es noch Markt. Das ist uns so beigebracht worden. Zusammen mit dem Glauben, der Markt habe das Recht, brutal zu sein. Aber wer hat ihm das Recht dazu gegeben?
Ein Sprichwort sagt: Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Werden wir jetzt ärmer und ehrlicher?
Mit unseren Privilegien lösen sich auch einige unserer Fehlsichtigkeiten auf, und ein Teil unserer Arroganz. Bisher war es warm und trocken. Wir waren gewohnt, auf hohem Niveau zu jammern. Jemand anderes besaß, was ich mir nicht leisten konnte. Wie ungerecht! Dieser Kult von Bedürftigkeit hat uns daran gehindert, den Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die für ein erfülltes Leben wirklich wichtig sind. Um spielen zu können, braucht ein Kind nicht immer mehr Spielzeug. Es braucht Raum, Zeit und Zuversicht. Dann kann sich ein anderes Spiel entwickeln. Erst jetzt lernen wir, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden. Insofern ist es notwendig, die Sinnlosigkeit des Scheinbaren am eigenen Leib zu erfahren.
Behindert Wohlstand die Freiheit? Kommen Reiche oder Beamte, wie Jesus behauptete, gar nicht oder verspätet ins Himmelreich?
Wem es primär um Wohlstand geht, dem ist an Freiheit nicht gelegen. Wer es sich leisten kann, ist privilegiert. Wer Geld hat, hat das Recht auf Nahrungsmittel und Komfort. Das Recht auf Bedienung und professionelle Hilfe. Das Recht, eigene Ideen durchzusetzen. Geld »schenkt« Sicherheit. Es verleiht Macht. Deshalb heißt es: Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Denn »der Reiche« macht Unterschiede, wo es keine gibt. Er ist nicht bereit, seinen Überfluss zu teilen. Statt Not zu lindern, gibt er nur, wenn es sich für ihn lohnt. In jedem von uns steckt so ein verkappter Reicher. Einer, der selbstherrlich ist und sich vom gemeinen Volk abgrenzen möchte. Jemand, der etwas Besonders sein will. In dieser Abgrenzung besteht die Grenze zum Himmelreich.
Ich bin ALG-II-Empfänger - was soll mir Satsang bringen?
Was könnte jemandem, der Segelohren hat, der Besuch einer Bäckerei bringen? Er könnte sich satt essen. Seine Segelohren hätte er dann immer noch – aber keinen Hunger mehr. So ähnlich ist das im Satsang. Hier wird dir angeboten, zu erkennen, dass dir nichts fehlt. Niemand kann dich dazu zwingen. Wenn du darauf bestehst, dass du ein armer Knopf bist, jemand, der ständig zu kurz kommt, dann wird dir Satsang nichts bringen. Vielleicht geht es darum: Mit seinen Segelohren Frieden zu schließen. Trotz Segelohren glücklich zu sein.
Stimmt es, dass viele Satsanglehrer gut mit Hartz IV auskommen?
Wahrscheinlich wird niemand gut mit Hartz IV auskommen. Doch die ganze Wohlstandsdiskussion lebt vom Vergleich. Was ist arm, was ist reich? Eine Witwe im Kaukasus würde Freudentänze aufführen, wenn sie Hartz IV bekommen würde und ein auf der Straße lebender Inder würde nur ungläubig mit dem Kopf schütteln.
Sind Penner in Indien glücklicher?
Das Armsein wird in Indien mit einer für Westler nicht zu begreifenden stoischen Gleichmut hingenommen. Der Hinduismus hat ein wasserdichtes Konzept. Die Idee, dass jeder sein Schicksal verdient, treibt in Indien besonders groteske Stilblüten. Aufgrund der Karmaidee wird das Schicksal meist absolut klaglos angenommen. Uns ist ein besseres Angebot gemacht worden: das der Nächstenliebe. Sie ist uns so fern wie der wahre Kommunismus. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Amerikaner ihr Glaubensbekenntnis gleich auf die Dollar-Noten drucken: »In God we trust«. Das ist nichts als ein belangloses Lippenbekenntnis. Was damit gemeint ist, ist: »The other pay cash.« (Die anderen zahlen bar.) Und eben deshalb scheint ein armer Inder zufriedener als ein armer Westler zu sein. Hier wird der Masse vorgegaukelt, dass sie am Reichtum partizipieren kann. Das ist die Illusion, der viele mehr oder weniger angestrengt nachrennen.
Darf ich mich nach Sicherheit sehnen, oder ist das spirituell total unter der Gürtellinie?
Grundsätzlich darfst du alles. Du darfst dich anspannen, du darfst dich entspannen. Du darfst hoffen und wünschen, was du willst und du darfst schlimm finden, wie ungerecht die Welt ist. »Dürfen« trifft es nicht wirklich. Es ist das falsche Wort. Wer sich nach Sicherheit sehnt, hat Angst. Wer sich nach Liebe sehnt, dem fehlt Zuversicht. Solche Eingeständnisse können dich weiterbringen. Statt Bestellungen beim Universum aufzugeben und Engelkarten zu ziehen, schneidest du deinen Vermeidungsstrategien den Weg ab. Du hörst auf, zu flüchten und siehst hin. Das ist eine sehr heilsame Form von spirituellem Realismus.
Ich will nun mal reich sein, ist das verkehrt?
Was willst du wirklich? Reich sein oder glücklich? Wenn du reich wärest, müsstest du es nicht wollen. Und wenn du glücklich wärest, wäre ohnedies alles in bester Ordnung. Du willst also etwas, was mit deiner Lebensrealität nicht übereinstimmt. Damit hat niemand ein Problem. Nur du. Das ist nicht verkehrt – aber verrückt. Wenn du immer was anderes haben willst, als das, was gerade ist, wird dich dein Leben nicht weiterbringen. Zuguterletzt wirst du das Leben dafür anklagen, dass es dir nicht gebracht hat, was du dir von ihm versprochen hast. Du wolltest reich werden und bist auf allen Ebenen arm geblieben. So funktioniert das Leben nicht. Das Leben verlangt von dir, dass du es annimmst. Sonst kann es sich und dich nicht erfüllen. Dir ist das Leben geschenkt worden. Riskiere es. Das erfordert Mut.
Wer garantiert mir, dass ich an meinem Mut nicht scheitere?
Du kannst nicht scheitern. Das gilt es zu entdecken. Uns ist beigebracht worden, dass wir uns anstrengen müssen. Deshalb zwingen wir vieles aus uns heraus, was von selbst nicht heraus will. Ein Mensch, dessen Wert davon abhängt, was er in den Augen der Allgemeinheit wert ist, kann sein Potenzial nicht entfalten. Er beginnt sich zu fürchten. Es geht um die Angst vor der Wertlosigkeit: Solange du glaubst, dass du dich irgendwie oben halten musst und für alles eine Bestätigung brauchst, wirst du bereit sein, dich wieder und wieder zu verleugnen. Wenn dir klar wird, dass du mit deinen Manipulationsversuchen gescheitert bist, wirst du den nötigen Mut haben.
Wie bekomme ich Vertrauen jenseits körperlicher und mentaler Sicherheit?
Indem du erkennst, dass es körperliche und mentale Sicherheit nicht gibt. Allem Körperlichen ist es bestimmt, aus der Form in die Formlosigkeit zurückzukehren. Welche Erlösung! Das Alte, das Erschöpfte, das ‹berkommene löst sich vollständig auf und kehrt in neuem Gewand und vollkommen erfrischt zurück. Das Leben hält nichts fest. Darüber lohnt es zu meditieren. Das gesamte Universum ist eine wunderschöne Metapher. Wenn das klar erkannt worden ist, verschwindet die Angst. Und mit der Angst alle Motive, die uns so verbissen für den eigenen Vorteil kämpfen lassen. Wenn das kein Vorteil ist!

-das Interview führte Dietmar Bittrich (Autor von das "Gummibärchen-Orakel")

Daniel Herbst zu seiner Biografie: Ich bin, wer ich war, bevor ich mich ins Werden verirrt habe und mir selbst zu etwas geworden bin. Was willst Du von mir hören? Eine Geschichte, die ich selbst nicht mehr glauben kann? Auf der Ebene unserer Geschichte(n) werden wir uns bis in alle Ewigkeit unterscheiden. Aber werden sie uns auch bis in alle Ewigkeit beherrschen? Jenseits unserer Lebensgeschichte sind wir von der einen, alles verbindenden, alles erfahrenden unterschiedslosen Identität nicht zu (unter)scheiden.

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