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Interview mit Saniel Bonder über Selbstverwirklichung

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Saniel Bonder
Saniel Bonder

Nachhaltige Spiritualität - eine natürliche Entwicklung

Tief in jedem von uns wartet ein Same darauf, sich zu dem unverwechselbaren menschlichen Wesen heranzubilden, das zu werden der eigentliche Grund unseres Daseins ist. Seit Beginn der 90er Jahre hilft der Amerikaner Saniel Bonder anderen Menschen dabei, diesen Samen zum Keimen zu bringen. Der Same soll Wurzeln schlagen in unserem Leben und eine gemeinsame Blüte bilden aus dem jenseitigen Mysterium des Geistes und unseren mehr diesseitigen Gedanken und Aktivitäten. »Waking Down in Mutuality«, übersetzt etwa »Gemeinsames Erwachen in unser Inneres«, lautet die demokratisch organisierte Bewegung, die Saniel gründete, um dieses Erwachen zu fördern. Er selbst und seine Frau Linda Groves-Bonder gehören zum inneren Leitungskreis. Die Arbeit zielt darauf ab, Menschen dabei zu unterstützen, eine nachhaltige und tief im Körper verankerte Selbstverwirklichung und Freiheit für ein schöpferisches Leben zu erreichen.

Was genau bedeutet: »Nachhaltige Spiritualität«?

Ich verstehe darunter einen Weg, der die spirituelle Dimension des Seins mit unserem übrigen Leben in Einklang bringt. Es geht darum, daraus eine nahtlose Einheit zu bilden. Diese Integration findet auf allen Ebenen statt: körperlich, energetisch, emotional, verstandesmässig und seelisch. Es geschieht nicht nur in unserem Inneren, sondern spiegelt sich in unseren Beziehungen mit anderen, mit unseren Mitgeschöpfen, mit der ganzen Erde und letztlich dem ganzen Universum wider. Nachhaltige Spitritualität muss praktisch anwendbar und geerdet sein. Sie ist nicht an einem idealistischen Wolkenkuckucksheim interessiert und sie fördert keinen Eskapismus. Es geht stattdessen darum, sie konkret in unserem täglichen Leben umzusetzen.

Kannst du zum besseren Verständnis definieren, was du unter »Spiritualität« verstehst?

Wir benutzen hier absichtlich das Wort Spiritualität in einem recht weitgefassten Sinn. Spiritualität ist die Teilhabe an Übungen, Lehren, Gemeinschaften oder Lebensweisen, die alle das gemeinsame Ziel haben, sich auf das spirituelle Zentrum bzw. die Essenz des Seins einzustimmen. Es ist eine sehr persönliche Art und Weise, dein Vertrauen in dein zentrales Selbst und in die größere Wirklichkeit des Lebens zu stärken.

Während du sprachst, wurde ich an eine Aussage von dir erinnert, in der du die »Geist/Materie-Spaltung« erwähntest. Magst du erklären, was du damit meintest?

Nun, das ist eine Art innere Spaltung, eine Kluft, die bei vielen Menschen zu beobachten ist. Sie besteht zwischen den Bedürfnissen unserer materiellen Natur einerseits und unserer spirituellen Verbundenheit mit den dazugehörigen Werten andererseits. Da wir ständig auf diese unbewusste Trennung in unserem Sein reagieren, tendieren die meisten Menschen dazu, der einen oder anderen Seite zuzuneigen. Der spirituelle Typus ist oft nicht geerdet und fühlt sich in dieser Welt nicht wirklich zuhause. Stärker materiell orientierte Naturen dagegen haben, wenn überhaupt, meist nur einen vagen Bezug zum Geist. Wir sind also entweder mehr »Geist-Seitige« oder eher »Materie-Seitige«. Diese Geist/Materie-Spaltung ist, offen gesagt, eine Epidemie. Sogar die erwachtesten und scheinbar ausbalanciertesten Leute sind im Innersten immer noch einer der beiden Seiten verhaftet. Sie halten im tiefsten Grunde an dieser konfliktträchtigen Spannung fest. Und das wirkt sich sich natürlich in ihrem ganzen Leben und in ihren Beziehungen aus. Die Praxis der meisten spirituellen Sucher besteht aus einer Art offenen Kampf, der zum Ziel hat, die scheinbare »Un-Geistigkeit« ihres physischen Körpers oder auch ihres Ego-Bewusstseins zu besiegen. Auf lange Sicht und mit gesundem Menschenverstand betrachtet entspricht das nicht gerade dem, was ich als nachhaltig bezeichnen würde.

Saniel Bonder
Heilung bedeutet die Geist/Materie-Spaltung überwinden
© Richard pixelio.de

Wie hast du zu dieser Sichtweise gefunden?

Vor allem durch die Art meines eigenen Erwachens. Dazu kam all die Arbeit, die ich seitdem mit einer zunehmenden Zahl von Leuten unternommen habe und bei der Hunderte auf die gleiche Weise erwacht sind. Ende 1992, nach 20 Jahren intensiver spiritueller Suche, erlebte ich einen radikalen Wandel. Zusammen mit einer mehr transzendenten Befreiung von meinem Ego-Bewusstsein, so wie sie in Eckhart Tolles »Gegenwartspräsenz« beschrieben ist, wurde mein Gewahrsam auch geerdet und im Körper verankert. Ich hatte ein ozeanisches Empfinden der All-Einheit - und zugleich ein vielfach gesteigertes Gefühl meiner selbst, von der Person Saniel. Ich erlebte eine unmittelbare, unbegrenzte Einheit mit allem Sein und gleichzeitig ein Ankommen in meinem Körper. Letzteres beinhaltete all diese tief empfundene Einheit und zugleich das Empfinden eines »Ichs« in Zeit und Raum. Wohlgemerkt beides: Sowohl als Auch. Ich hatte mein Ego bzw. mein Alltagsbewusstsein zu diesem Zeitpunkt weder gänzlich zum Schweigen gebracht noch, einem Übungsweg folgend, auch nur »enger in die Kandare« genommen. Die Umwandlung war jedoch unbestreitbar und unerschütterlich. Dieser grundlegende Heilungsprozess vereinte die kosmisch-transzendente Dimension des Seins mit meinem persönlichen Selbst in Zeit und Raum. Ich war immer noch der gleiche Typ, und dies sogar mehr noch als zuvor. Ich sah mich weiterhin Problemen, Herausforderungen, Wünschen und Reaktionen, Anhaftungen und Abneigungen ausgesetzt. Allerdings hatte keine von ihnen noch länger die Kraft, die Präsenz einer vollständig klaren, spirituellen Wachheit zu verhindern oder auch nur zu beeinträchtigen. Es bedurfte auch keines weiteren Suchens oder Meditierens mehr, um diese Realisierung zu stabilisieren. Sie wurde die neue Vorgabe für mein Leben. Im Moment des Erwachens kam mir spontan das Wort »nahtlos« vor Augen: Es gab keine grundlegende Trennung mehr zwischen den scheinbaren Gegensätzen Geist und Materie, Bewusstsein und Erscheinung, Gott und Ich. Seit diesem Tag konnte ich alle Teile meines Wesensund meines Lebens - und das gilt auch für meine Beziehungen - vertiefen, läutern und integrieren. Allerdings, um es gelinde auszudrücken: Diese inkarnierte Einheit zu leben bleibt eine ständige Herausforderung!

Gibt dieses sich verkörpernde Erwachen eventuell einen Anstoß, um in Richtung einer »Nachhaltigen Spiritualität« zu gehen?

So ist es. Echte »Nachhaltige Spiritualität« bewegt sich entweder in Richtung einer felsenfesten Einheit von Geist und Materie oder sie ist bereits in ihr begründet. Diese Einheit erlaubt keine überkommenen Vorurteile mehr gegenüber der Materie, den Körper, unseren Wünschen, Reaktionen, dem Ego-Bewusstsein, nicht einmal gegenüber unseren »dunkelsten« Vorstellungen und Projektionen. Eine Spiritualität, die nicht nachhaltig ist, hält dagegen oft an diesen Voreingenommenheiten fest. Sie verstärken unser inneres Chaos und schaden allen äußeren Bemühungen um Nachhaltigkeit. In vielen Kulturen hielten starke Strömungen innerhalb der Philosophien, Übungssysteme und Umsetzungen jahrhundertelang die Geist/Körper-Spaltung am Leben. Aus jener Sicht liegt das wahre Ziel des Daseins darin so zu leben, dass du nach dem Tod entweder in den Himmel kommst oder die Erlösung vom Rad der Wiedergeburt erreichst bzw. dich dem menschlichen »Karma-Dilemma« entziehst. Wenn dies dein letztendliches Ziel ist, wirst du dir nur bis zu einem gewissen Maß erlauben, dich voll zu inkarnieren und hier zu sein, da du nicht mit all deinen scheinbar unspirituellen Anteilen in Konflikt kommen willst. Zunächst fühlte ich mich ziemlich allein mit dieser Vision, die auf eine Verankerung im Körper zielt. Mittlerweile aber haben sich die Dinge geändert. Für sein im Jahr 2005 erschienenes Buch »The Translucent Revolution” (Die lichtdurchlässige Revolution) interviewte Arjuna Ardagh Hunderte von spirituellen Lehrern und Meistern. Er fand heraus, dass Tausende, vielleicht Millionen von Menschen sich heute vor die Aufgabe gestellt sehen, ihre Spiritualität mit Karriere, Beziehung, Ernährungsweise, Gesundheit, Familie und all dem anderen zu vereinen. Sie sehnen sich keineswegs nach einem mystischem Entkommen, sondern sie wollen ihre spirituelle Wachheit verankern. Diese Bewegung hat bereits ein beträchtliches Ausmaß. Sie beinhaltet u.a. den Ansatz von Ken Wilber und den Integralen Gemeinschaften, die Spiritualität und spirituelles Erwachen in Bezug zu jedem ernsthaften Bereich aus Wissenschaft, Kunst und Kultur setzen. Nicht zuletzt bildet die Begegnung von Wissenschaft und Spiritualität für das »Institut for Noetic Science« sowie für zahlreiche weitere zeitgenössische Organisationen und Schulen das zentrale Thema.

Dies alles bringt eine grundlegende Hinwendung zu einer Nachhaltigen Spiritualität zum Ausdruck. Sogar falls uns Lehren und Richtungen besonders am Herzen liegen, die eher auf das Jenseits zielen, sehen es viele Leute heute als ihre Aufgabe an, dieses Jenseits hier ins Leben zurückzubringen. Die drängenden Anforderungen des heutigen Lebens rufen uns dazu auf, unsere Spiritualität neu auszurichten. Es geht darum, unseren Beziehungen, der Materie, der Erde und dem Leben auf diesem Planeten vollen Wert zuzumessen. Wir können es uns andererseits schlichtweg nicht länger leisten, mit einer Voreingenommenheit, und sei sie noch so subtil, gegenüber dem Geist zu leben. Da das Schicksal ihrer Seele scheinbar davon abhing, haben die meisten spirituell sensiblen Menschen in der Vergangenheit die Geist-Seite der Spaltung favorisiert. Das Schicksal von uns allen und der uns umgebenden Biosphäre hängt heute jedoch davon ab, dass wir die Geist/Materie-Spaltung heilen.

Das Schicksal von uns allen und der uns umgebenden Biosphäre hängt heute jedoch davon ab, dass wir die Geist/Materie-Spaltung heilen.

Würdest du sagen, dass die Heilung der Geist/Materie-Spaltung den eigentlichen Kern der »Nachhaltigen Spiritualität« bildet?

Ja. Als ich begann mit dem Konzept der Nachhaltigen Spiritualität zu arbeiten, war mir klar, dass viele engagierte Wortführer aus dem Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit für Spirituelles nicht gerade empfänglich sind. Wenn es denn doch anders ist, halten sie ihr spirituelles Leben meist getrennt von ihrer konkreten Arbeit. In der heutigen Öko-Bewegung erfährst du kaum einen Hinweis zu der entscheidenden Rolle der Spiritualität für eine nachhaltige menschliche Existenz. Glücklicherweise entdeckte ich bei einer Online-Recherche eine mutige Abhandlung, die meine Hoffnungen doch erfüllte: »Die fünf zentralen Grundsätze der Nachhaltigkeit«. Autor ist Michael Ben-Eli vom Buckminster Fuller-Institut in New York. Ben-Elis Prinzipien behandeln die fünf Domänen des 1) Materiellen 2) Ökonomischen 3) der Lebens- oder Biosphäre, 4) des Sozialen 5) des Spirituellen. Das Nachhaltigkeitsprinzip erfährt in jedem dieser Bereiche eine eigene Definition, aus der sich jeweils spezifische Anwendungsformen und Strategien ableiten. Ben-Eli behauptet, dass das spirituelle Prinzip »die notwendige Orientierungsanweisung für einen universalen Ethik-Kodex vorgibt.« Ben-Eli definiert das fünfte, das spirituelle Prinzip dahingehend, dass es unsere Aufgabe ist, »das stufenlose und tatkräftige Kontinuum an Mysterium, Weisheit, Liebe, Materie und Energie zu erkennen, das die fernsten Bereiche des Universums mit unserem Sonnensystem, unserem Planeten und seiner Biosphäre einschliesslich aller Menschen, unserem inneren Stoffwechselsystem und dessen äusseren, technologischen Entsprechungen verbindet. Diese Erkenntnis gilt es zu einem universalen Ethik-Kodex als Vorgabe für menschliches Handeln umzusetzen» . In seinem Schlusskapitel »Die fünf Grundsätze als Integrale Einheit« betont Ben-Eli besonders den fünften Grundsatz : »Das spirituelle Prinzip... ist grundlegend für die Qualität und den Zusammenhalt des Ganzen«.

Dieses Prinzip bedeutet dabei keineswegs herkömmliche Religion, sondern eher die »seelisch bewirkte Integration von Herz und Verstand durch die Erkenntnis der zentralen All-Einheit im tiefsten Grund allen Seins«. Mittels der »inneren Verankerung dieser Essenz menschlichen Wollens und Antriebs wird dieses Prinzip zum letztendlichen Ausgangspunkt, der den Ton für das Ganze vorgibt und damit die Integration der anderen vier Grundsätze bewirkt«. Ben Eli, ein hervorragender Experte im Bereich globaler Ressourcen-Systeme und Ressourcen-Managements, fasst seine Erkenntnisse in einem bemerkenswerten Satz zusammen: »Die ethischen Grundlagen bilden einen integralen Teil des spirituellen Prinzips. Wenn sie fehlen, werden alle Betrachtungen zu den anderen vier Grundsätzen, ungeachtet wie detailliert sie auch dargestellt sein mögen, zu unbedeutenden Formalien.« Es wird hier allerdings ein mögliches und tragisches Dilemma erkennbar: Damit die vier anderen Prinzipien der Nachhaltigkeit verankert und integriert werden können, fordert Ben-Eli, dass zunächst einmal unsere Spiritualität selbst nachhaltig werden muss. Andernfalls werden alle unsere Bemühungen um Nachhaltigkeit ohne Ende auf Sand gebaut. Wir werden dann ständig an den Folgen dieses Mangels leiden, aber nie wirklich verstehen, warum dies denn so ist. Deshalb ist es so unumgänglich, Spiritualität als Zentrum und Herz des körperlich-materiellen Lebens hier auf Erden zu verstehen - und nicht etwa als finales Ticket zum Ausstieg! Die Geist/Materie-Spaltung ist heute jedoch noch so vorherrschend, so weit verbreitet, dass sie uns aus dem Gleichgewicht bringt. Sie verhindert genau die Art der Verständigung untereinander, die erforderlich wäre, um so gewaltigen Herausforderungen wie etwa dem globalen Treibhauseffekt zu begegnen. Wir brauchen spirituelle Erkenntnisse im Sinne Ben-Elis, um die Ethik für eine ganzheitliche, das heißt sowohl auf unser Leben als auch auf die Biosphäre bezogene Nachhaltigkeit zu entwickeln.

Mich beeindruckt die ethische und moralische Integration, von der du sprichst. Wenn sie einer nach dem anderen vollzieht, wird sie schließlich in der ganzen Gesellschaft verankert.

So ist es und das wirft ein Schlaglicht auf die Rolle der Spiritualität. Wir haben Jahrzehnte voller moralischer und ethischer Katastrophen hinter uns, verursacht von religiösen und spirituellen Lehrern, denen wir vertraut haben. Diese Leute wurden wieder und wieder darin bloßgestellt, wie sie den von ihnen gepredigten Grundsätzen selbst nicht Folge leisteten. Das bringt uns eigentlich dazu, Vereinbarungen zu treffen, die sich auf Vertrauen und Ethik beziehen und die uns dabei helfen können, unsere Spiritualität nachhaltig zu gestalten. Immer mehr Leute bestehen heute darauf, dass die Lehrer ihre eigenen Lehren über Integrität, Zuverlässigkeit und Transparenz gegenüber ihrem Publikum einhalten. Vertrauen ist dabei der wichtigste Faktor, denn es geht schließlich um Leute, die nicht nur ihr Vertrauen, sondern auch alle Hoffnung verlieren könnten. Dieses Vertrauen kann dabei nicht angeordnet werden im Stil eines »Du sollst!«. Es muss wirklich sein, lebendig, etwas, das Menschen selbst und miteinander erfahren können.

Gibt es Ansätze dafür, wie man lernen kann, sich in der heutigen Gesellschaft auf ein wachsendes Vertrauen zu sich selbst zu verlassen?

Linda und ich bieten einen (kostenlosen) Onlinekurs an, in dem wir genau das zum Thema machen. Um sich selbst besser zu vertrauen und auch um sich zunehmend auf sein eigenes Selbstvertrauen zu verlassen, muss man sich allerdings mit weitreichenden Entwicklungen auseinandersetzen, die derzeit in unserem Umfeld vor sich gehen. Sie haben die Bedingungen verändert, unter denen Vertrauen überhaupt möglich ist. Jeder Einzelne entwickelt dabei sein eigenes Resonanzfeld oder Pendel, mit dem er spüren kann: »Ich liege hier richtig mit meinem Vertrauen / Ich kann mich in dieser Situation auf mich selbst verlassen /. Ich kann dem anderen vertrauen.“ In dem Maße, wie wir diese weltverändernden Entwicklungen bewusst ins Kalkül ziehen, entwickeln wir nachhaltiges Vertrauen in uns selbst, in andere, in die Natur und in das uns umfassende, spirituelle Mysterium – Gott, die tiefste Wirklichkeit.

Saniel Bonder
Mandalas helfen, die Spaltung zu überwinden
© manfredo pixelio.de

Gibt es etwas, das jeder tun kann, um Nachhaltige Spiritualität zu entwickeln? Oder geschieht dies weniger durch Handeln, als durch eine bestimmte Haltung? Gibt es einen Zugang, der für jeden von uns offen steht?

Ich glaube, dass Menschen den für sie jeweils effektivsten Weg finden müssen, der es ihnen ermöglicht, ihre eigene Geist/Materie-Spaltung zu erkunden und zu heilen. Das beinhaltet:

  • Mach dir zunächst bewusst, dass du überhaupt eine Geist/Materie-Spaltung in dir hast – was gar nicht so einfach ist!
  • Sieh dir an, wie er sich bei dir auswirkt, zu welcher Seite du üblicherweise hin tendierst, und wie du diese Spaltung lebst.
  • Suche die Quellen, die dir wirklich helfen können, den Übergang zu einer Nachhaltigen Spiritualität zu finden.
Was ist das nun für ein Übergang? Ich würde denken, dass es nicht mehr damit getan ist, sich nur der Disziplin eines soliden, täglichen Übungssystems zu unterziehen. Das besteht üblicherweise aus Meditation, einer Gesundheitsdisziplin, Energiearbeit und ähnlichem. All das ist sicher hilfreich, aber bei diesem Übergang geht es darum, einen grundlegenden Heilungsprozess zu durchlaufen und besonders in zweierlei Hinsicht eine Ganzheit zu erreichen:
  • Indem wir uns die spirituelle, »grundlegende Einheit im Zentrum alles Seins« so tief und umfassend bewusst machen, dass weiteres Suchen nicht länger erforderlich ist.
  • Durch die Integration und Verinnerlichung dieser Erkenntnis, sodass sie schliesslich jeden Teil des täglichen Lebens durchdringt. Das »Spirituelle« und das »Weltliche« kommen so zu einem natürlichen Gleichgewicht.
Du musst dabei deinen eigenen, besonderen Weg finden, dies zu tun. Linda sagt dazu: »Es ist eben nicht eine Standard-Aufgabe«. Das gilt sogar schon, wenn du nur die üblichen, traditionellen Meditationstechniken ausübst. Du bist Du, es ist Jetzt - und jeder Moment deines Übungsweges und deines Wachstums ist einzigartig. Zur rechten Zeit wird du den dunkelsten Punkten und den besten Seiten in dir begegnen und sie beide integrieren. Nichts darf außen vor bleiben bei der Schaffung deiner neuen und nahtlosen Ganzheit!

Eine der Übungen deiner Arbeit besteht darin, sich intensiv und bewusst in die Augen zu schauen. Diese Übung geht auf eine jahrhundertealte spirituelle Tradition zurück, die von Sufis und anderen Mystikern angewandt wird. Ich würde gerne wissen, welche Bedeutung dieses Bewusste-sich-in-die-Augen-sehen in der Nachhaltigen Spiritualität einnimmt.

Sich bewusst in die Augen zu schauen bzw. ein ausgedehnter und zugleich sanfter Blickkontakt gehört zu den instinktiven Methoden, mit denen sich Menschen gegenseitig unterstützen. Es ist ganz natürlich: Wenn wir mit den richtigen Menschen zusammen sind, lieben wir es, uns gegenseitig in die Augen zu sehen und dabei ein liebevolles, mitfühlendes und einander wertschätzendes Feld zu teilen. Wenn eine Mutter ihrem Kind in die Augen sieht, sendet sie buchstäblich einen bio-spirituellen Strom an Energie, Gefühl und Geist zu ihrem Kleinen. Das Kind macht das gleiche mit seiner Mutter, wenngleich nicht absichtlich. Sie unterstützen sich gegenseitig. Ehepaare, gute Freunde, Liebende jedes Geschlechts und jeder Couleur sehen sich oft und spontan in die Augen. Wir haben diesen bewussten Blickkontakt mit unseren Haustieren und manchmal auch mit anderen Wesen in der freien Natur. Unter den richtigen Umständen und mit jemand, zu dem wir Vertrauen haben, ist dieser auf liebevolle und freundschaftliche Art und Weise vollzogene Augenkontakt eine natürliche Quelle des Vergnügens. Dieses spontane Ritual fördert all die Qualitäten in Herz und Seele, die wir am meisten schätzen: Liebe, Freude, Vertrauen, Wohlbefinden, Entzücken, heitere Gelassenheit und Friede. Du erwähntest spirituelle Traditionen, bei denen das Bewusste-sich-in-die-Augen-Schauen eine Rolle spielt. Für hinduistische Lehrer etwa stellte der bewusste Augenkontakt lange Zeit über eine primäre Energieübertragung dar, die zum Erwachen des Schülers führen kann. Das wurde oft als Shaktipat bezeichnet.

Andere dieser traditionellen Methoden beinhalteten Berührung, Sprache, Gedanken und reine Präsenz. Linda und ich benutzen das Bewusste-sich-in-die Augen-Sehen als spirituelle Kraftübertragung. Es wird von allen anerkannten Lehrern des Waking-Down-in-Mutuality-Prozesses eingesetzt. Sie haben vorher eine intensive Ausbildung in dieser Praxis erhalten. Mit den heutigen Möglichkeiten können wir auch Fotos und Download-Videos ins Netz setzen, die es jedem Interessierten mit Online-Zugang an jedem Ort der Welt erlauben, diese Kraftübertragung bis zu einem gewissen Grad zu erfahren. Was wir HEART-Gazing nennen (übersetzt etwa: Sich-mit-dem-Herzen-in die-Augen-schauen) ist mehr als der bewusste Blickkontakt. Wir erläutern in unserem freien Online-Kurs, wie dieser Begriff sowohl auf eine Übung und Kraftquelle als auch auf eine wachsende, weltweite Gemeinschaft verwandter Geister verweist. In den vier Audio-Sessions des Kurses erklären wir, warum und wie es wirkt. Wir gehen nicht zuletzt auf das besondere Energiefeld bei den fortgeschrittenen Blickkontaktübungen und den HEART-Übertragungen ein und wie diese Prozesse letztendlich der Aufhebung und Heilung der Geist/Materie-Spaltung dienen. Mehrere kurze, geführte Meditationen vermitteln dabei eine direkte Erfahrung dieses Sich-in-die-Augen-Sehens mit uns. Sie können zudem helfen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen sowie wirkliche Wünsche des Herzens bewusst zu manifestieren. Aber auch das wechselseitige Sich-in die-Augen-sehen mit spirituellen Freunden kann sehr tief gehen. Es unterstützt dich dabei, das Vertrauen in dich selbst, in andere, in die Natur und in das göttliche Wirken zu stärken. Bewusstes-Sich-in-die-Augen-Sehen wird so zu einer Art »Kultur-Technik«. Der Prozess ist unserer Überzeugung und Erfahrung nach ein entscheidender Beitrag für eine Nachhaltige Spiritualität. Diese transpersonale und zugleich persönliche Begegnung mittels bewusstem Blickkontakt wird durch weitere Methoden ergänzt. Sie alle bringen das zum Ausdruck, was wir als »Mutuality« (übersetzt etwa: »Gemeinschaft in Synergie«) bezeichnen.

Beziehungen können also ein tiefer und fruchtbarer Boden sein. In ihm kann Wachstum stattfinden und unser göttlicher Keim kann darin zugleich ruhen und sich ausdrücken. Wie würdest du »Mutuality« näher beschreiben?

Es geht um eine grundlegende Qualität unserer spirituellen Natur. In der wechselseitigen Begegnung des Augenkontaktes treffen wir uns in einer ursprünglichen und geheimnisvollen Weise. Wir kommen dabei spontan in einen Zustand, in dem wir nicht mehr übereinander nachdenken oder uns gegenseitig ablenken, sondern uns unmittelbar begegnen. Zu Beginn meiner Arbeit hatte ich Mutuality so definiert: »Sich so authentisch wie möglich mit seinem eigentlichen und tiefsten Selbst identifizieren und dabei in Verbindung mit anderen sein, die das gleiche tun«.

In dieser Begegnung mit dem anderen wird ein Boden bereitet, der spürbar frei von Wertungen ist – ihr ehrt und anerkennt euch gegenseitig als einzigartige Menschen mit allen bestehenden Unterschieden.

In dieser Begegnung mit dem anderen wird ein Boden bereitet, der spürbar frei von Wertungen ist – ihr ehrt und anerkennt euch gegenseitig als einzigartige Menschen mit allen bestehenden Unterschieden. Und das geschieht nicht nur in schweigenden Momenten wie dem bewussten Blickkontakt, sondern zuweilen auch mitten in verbalen Auseinandersetzungen, die von Konflikt und Missverständnissen ausgelöst wurden. Menschen bringen Mutuality zum Ausdruck, indem sie kommunikative Herausforderungen angehen, so schwierig sie auch scheinen mögen. Auch wenn wir nicht sofort ein »Ja-Gefühl« für einander entwickeln können, arbeiten wir uns durch die Streitpunkte durch und bleiben dabei präsent und in Kommunikation miteinander. Das führt dann zwar nicht in jedem Fall zu einer neuen Harmonie, aber meist erreichen wir es doch, sozusagen die Schlacke der Beziehung loszulassen. Das ist der psychologische und emotionale Teil, der einem nachhaltigen und tieferen Verständnis des anderen und von einem selbst im Wege steht. Aber bei Mutuality geht es nicht nur die Klärung leidvoller Themen. Mutuality fördert auch das freudvolle, manchmal ekstatische Wahrnehmen des anderen. Um nochmal auf Ben-Elis fünf Prinzipien zu kommen: Man könnte sagen, dass Mutuality die spirituell bewusste Anwendung des sozialen Prinzips darstellt. Es ist ein Weg, um Nachhaltigkeit im Sozialen zum Ausdruck zu bringen. Und eben dies wird dann zum Hebel für eine optimale Anwendung aller anderen Prinzipien der Nachhaltigkeit.

- das Gespräch führte Pamela Melton, übersetzt von Wolfgang Schmidt-Reinecke

Saniel Bonders spirituelle Ausbildung beinhaltete westliche und östliche Traditionen sowie die persönliche Lehre bei verschiedenen erwachten Meistern. Er ist Harvard-Absolvent, Gründungsmitglied von Ken Wilbers »Integral Institute« und Mitglied im Beirat der »Big Mind«- Trainings des amerikanischen Zen-Meisters Genpo Roshi. Saniel Bonder ist der Begründer der internationalen »Waking Down in Mutuality«-Bewegung, die der evolutionären Transformation des Bewusstseins gewidmet ist. Er ist Autor von neun Büchern.

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