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Interviews

Interview mit Scott Peck über die 4 Phasen der Gemeinschaftsbildung

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Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck
Scott Peck

»Niemand möchte Gemeinschaften aufbauen, in denen es keine Spannungen gibt«

In unserer Zeit hat sich die Idee von Gemeinschaft sehr weit verbreitet. Es bezeichnet nicht mehr nur den Platz an dem man lebt, sondern steht für ein Netz von Beziehungen, in denen jeder eingebettet ist. Arbeit, Schule, freiwillige Vereinigungen, Computer Netzwerke  all das sind Gemeinschaften und trotzdem leben ihre Mitglieder oft weit verstreut. Aber laut Aussage des 2005 verstorbenen Psychiaters und Autors M. Scott Peck muss jede Gruppe, um Gemeinschaft im eigentlichen Sinne zu bilden, eine Reise antreten, die vier Phasen durchläuft: »Pseudogemeinschaft« in der die Nettigkeit vorherrscht, »Chaos« wo die emotionalen Leichen aus dem Schrank kriechen, »Leere«, eine Zeit der Stille und des Übergangs, und zuletzt, »wirkliche Gemeinschaft«, gekennzeichnet durch zwei Elemente: tiefe Ehrlichkeit und tiefe Anteilnahme.

Im ersten Satz von Gemeinschaftsbildung sagst Du »In und durch Gemeinschaft liegt die Errettung der Welt.« Seit Du diese Sätze geschrieben hast, sind fünf Jahre mit Arbeit am Gemeinschaftsaufbau vergangen. Gelten sie für Dich immer noch?

Sehr sogar. Als ich das Buch fertig schrieb hatte ich sehr wenig Erfahrung mit Gemeinschaftsaufbau. Aber durch die Stiftung zur Gemeinschafts-Förderung, mit der ich in Organisationen und Gruppen in ganz Nordamerika und in England gearbeitet habe, konnte ich einen großen Erfahrungsschatz sammeln. Mehr denn je bin ich von der Wahrheit dieser Eröffnungssätze überzeugt.
Mein zweites Buch »Menschen der Lüge« hat mit der Thematik des Bösen zu tun. In dem zweiten Kapitel über Gruppen-Boshaftigkeit zitiere ich die Berrigans, die sagen das wahrscheinlich das einzige Problem mit dem wir zu tun haben die Tatsache ist, wie wir unsere Institutionen vom Teufel befreien, natürlich bildlich gesprochen. Kürzlich fand ich heraus, dass das genau das ist, was die Stiftung tut, indem sie Gemeinschaft innerhalb dieser Institutionen heranbildet. Natürlich muss man um den Teufel auszutreiben einen willigen Patienten haben und eine Organisation, die Bereitschaft zeigt mitzumachen, kommt einem nicht jeden Tag so einfach über die Türschwelle.

Welches sind bildlich gesprochenen die Dämonen, die ausgetrieben werden müssen? Und was bedeutet Gemeinschaft in diesem Zusammenhang?

Die Namen der Dämonen gehen über die ganze Bandbreite, vom Missbrauch politischer Macht bis hin zur Gleichgültigkeit, von körperschaftlichen Lügen bis hin zu unrealistischen Mythen innerhalb einer Organisation und so weiter.
Gemeinschaft kann eines dieser Worte sein wie Gott, oder Liebe, oder Tod oder Bewusstsein, die zu groß sind um sich nur einer kurzen einfachen Definition wiederzufinden. In unserer Stiftung bezeichnen wir als Gemeinschaft eine Gruppe von Menschen, die sich verpflichtet haben zu lernen wie man miteinander auf einer noch tieferen und authentischen Ebene kommuniziert. Eines der Merkmale echter Gemeinschaft ist die Tatsache, das Gruppengeheimnisse, egal welche, gelüftet werden  und da sichtbar werden, wo man mit ihnen umgehen kann.
Um es anders zu formulieren: eine Gemeinschaft ist eine Gruppe, die sich mit ihren eigenen Themen befasst  ihrem eigenen Schatten, und dieser Schatten kann jede Art Thema beinhalten. Wir haben als Stiftungsgruppe erfolglos versucht ein Schlagwort dafür zu finden, das dass beschreibt. Das einzige was uns dazu kam, war ein Satz aus der Bibel:  das Verborgene wird ans Licht kommen.
Gerade hat die Stiftung eine Konferenz zum Thema Geschäft und Gemeinschaft an der Universität »Chicago School of Business« abgehalten, mit ungefähr fünfundsiebzig hartgesottenen Geschäftsleuten. Das Thema war Spannung und das Unterthema die Tatsache, dass innerhalb von Organisationen Gemeinschaft ein Forum darstellt, wo sich die Spannung öffentlich zeigen kann und erkannt wird. Man kann keine Organisation aufbauen, die spannungsfrei ist. Im Gegenteil, eine der Schlussfolgerungen der Konferenz war die, dass niemand eine Organisation aufbauen möchte, in der es keine Spannungen gibt.
Gemeinschaftsaufbau und -entwicklung im Kontext einer Organisation erlaubt diesen Spannungen hochzukommen, um sie dann so gut wie möglich zu bearbeiten und das ist auf jeden Fall besser als sie latent unterm Tisch zu halten.

In den vergangenen Jahren haben viele Gruppen und Organisationen mit Gemeinschaftsaufbau und Konsensprozessen experimentiert. Für manche hat es wunderbar funktioniert, für andere wurde die Suche nach dem Konsens ein Morast, der Energie aus allen Bestrebungen gesogen hat. Was ist der Unterschied zwischen den Gruppen, für die Konsens funktioniert und denjenigen, die nie an diesen Punkt kommen?

Was wir hier gemeinsam erreichen müssen, ist eine Definition von Konsens.Wir als Stiftung haben einmal einen Workshop für eine große Gruppe von Medizinern organisiert, die Schwierigkeiten hatten, ihr professionelles Team zu halten. Als sie uns anriefen sagten sie, alle hätten sich dafür ausgesprochen, ein Training in Gemeinschaftsaufbau zu machen und dafür zwei Tage frei zu nehmen. Nun, es genügt nicht, in eine Firma zu gehen um Gemeinschaft aufzubauen, denn wenn man das tut und dann geht, kollabiert alles zwei Tage später. Wenn wir mit Organisationen arbeiten, dauert unsere erste Intervention mindestens drei Tage. In den ersten beiden Tagen bauen wir an der Gemeinschaft, am dritten Tag bitten wir die Gruppe um eine schriftliche Konsensentscheidung, die wiedergibt was sie zu tun beabsichtigen um diese neu gebildete Gemeinschaft zu erhalten.
Diese Ärzte sagten: »Mein Gott! Wissen Sie eigentlich wie schwierig es ist siebzehn Ärzte dazu zu bringen ihre Arbeit für zwei Tage einzustellen und Sie sagen wir bräuchten drei?« Ich sagte: »Ja«. Am Ende stimmten sie zu.
Ärzte habe ein großes Ego, von daher arbeiten sie normalerweise nicht sehr gut zusammen. Aber um eine Idee davon zu vermitteln, wie gut eine Gruppe in Gemeinschaft arbeiten kann, gebe ich die Definition von Konsens weiter, die sie am dritten Tag des Workshops entwickelt hatten: »Konsens ist eine Gruppenentscheidung, die sich für manche Teilnehmer nicht so anfühlt als wäre sie die beste Entscheidung, aber womit sie sein können, sie auch unterstützen und sich verpflichten, diese Entscheidung nicht zu boykottieren, zu der man gelangt ohne abzustimmen, durch einen Prozess in dem die Themen klar ausgesprochen werden, alle Mitglieder das Gefühl bekommen wirklich gehört worden zu sein, in dem jeder die gleiche Macht und Verantwortung hat und wo unterschiedliche Einflussnahme aufgrund persönlicher Eigensinnigkeit oder Charisma vermieden wird, so dass alle mit dem Prozess zufrieden sind. Der Prozess verlangt von seinen Mitgliedern, dass sie emotional präsent und beteiligt sind, geradeheraus in liebevoll gegenseitigem respektvollen Verhalten, feinfühlig miteinander, selbstlos, gelassen und fähig, sich selbst zu entleeren, mit der paradoxen Bewusstheit was Menschen und Zeit angeht. Das bedeutet, das man einfach weiß wann das Ergebnis so befriedigend ist, das es Zeit ist aufzuhören und die Diskussion nicht wiedereröffnet bis die Gruppe erneut beschließt, dass eine Überarbeitung notwendig wird.«

Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck
© Yvonne Düdden pixelio.de

Das ist wirklich verständlich!

Organisationen in ganz Nordamerika verwenden es gerade viel, weil es so gründlich und umfassend ist. Diese Definition beantwortet eine ganze Anzahl Deiner Fragen. Es gibt viele Organisationen die mit dem arbeiten, was sie für einen Konsens halten, aber es ist ganz und gar kein Konsens. Ich bin z. B. drei Spitzen-Geschäftsführern begegnet, die mir berichteten, dass sie mit Konsens führen!
Um den Anforderungen der Definition zu genügen, muss man im Wesentlichen das haben was wir echte Gemeinschaft nennen. Und wenn nicht, kann man durchaus zu einer Art von Entscheidungsprozeß kommen und ihn Konsens nennen, aber er ist es nicht wirklich.
Viele Institutionen, die versuchen einen Konsens herzustellen, versagen, denn sie sind nicht wirkliche Gemeinschaften. Sie sind einfach noch nicht so weit einen Konsens zu finden. Sie müssen an sich arbeiten bevor sie anfangen Entscheidungen zu treffen.

Nehmen wir mal an, eine Gruppe schafft es eine echte Gemeinschaft herzustellen, wie bleibt sie dabei? Für was, zum Beispiel, haben sich diese Ärzte entschieden um sich selbst als Gemeinschaft zu erhalten?

Nun ja, die Ärzte waren ein wunderbares Beispiel, denn sie entschieden sich für mehrere Dinge, auch dafür, ein Folgetraining zu machen und mit einem Berater zu arbeiten. Sie veränderten die Vorgehensweise ihres Ausschusses radikal, um alle größeren Entscheidungen im Konsens und gemeinschaftlich zu fällen. Sie verwendeten ihre neue Definition von Konsens in der Einstellung neuer Mitglieder für ihr Team. In dem Jahr nach unserem ersten Eingreifen vergrößerten sie ihre Zahl von siebzehn auf fünfundzwanzig Ärzte.
Aber anderthalb Jahre später, nachdem alles glatt lief und sie erfolgreich wurden, war auch die Krise vorbei und sie hörten auf daran zu arbeiten. Ich habe jetzt gehört, dass sie keine Gemeinschaft mehr sind. Es bedarf großer Anstrengung Gemeinschaft zu bilden, aber es bedarf noch größerer Anstrengung, weiterer Anstrengung, sie zu erhalten. Das größte Problem mit dem Erhalt von Gemeinschaft sowie mit dem Gemeinschaftsaufbau ist das Problem der Bereitschaft einer Organisation, den Preis zu zahlen, und in erster Linie ist das ein Zeitpreis.
Es ist auch der Preis, sich weiterhin verletzlich z,u zeigen. Und es ist der Preis, einverstanden damit zu sein, seine Werte immer neu zu hinterfragen. Manchmal ist der Preis der, die Arbeit des Gemeinschaftsaufbaus zu wiederholen,Kurse zu machen oder Berater einzustellen. Und der größte Widerstand diesen Preis zu zahlen kommt von Menschen, die wie in der Einzeltherapie das wollen, was der Therapeut »die magische Lösung nennen würde. Es gibt viele Unternehmen, die gerne Gemeinschaft hätten, wenn wir es ihnen wie ein Wunder verkaufen würden. Es ist aber kein Wunder und es ist nicht umsonst. Es ist Arbeit, wie alles andere auch.

Aber eine Arbeit mit einem potentiell großen Gewinn. Eine klar formulierte Absicht scheint hier der Schlüssel zu sein.

Zusammen mit Wachsamkeit. Und ich möchte auch nicht mutlos machen, wenn ich den Preis anspreche. Ich denke der Preis ist außergewöhnlich kosteneffizient. Folgendes Beispiel. Die Stiftung machte eine Reihe von Workshops mit zwei Arbeit/Management Verhandlungsteams für eine Fortune Firma. Sie bekamen die Auflage zwei Monate zu verhandeln und versprachen, in diesem Gemeinschaftsprozess für die Dauer dieser Zeit zu bleiben. Was sie dann auch erfolgreich geschafft haben.
Sie veränderten die Regeln und arbeiteten miteinander an dem Vertrag. Beide Seiten sagten Dinge wie »He, Ihr überseht da eine Sache, die zu Eurem Vorteil ist.« Es war der höchst bezahlte Beratungsauftrag den wir je in der Stiftung hatten. Wir haben ihnen wahrscheinlich 16.000 Dollar in Rechnung gestellt, aber sie sparten 16.000.000 Dollar bei einem Streik, der dadurch nicht stattfand.

Was trägt eine Gemeinschaft auf lange Sicht?

Ich bin mir nicht sicher wie tragend eine Gemeinschaft ist, es sei denn sie hat eine klar formulierte Aufgabe. Gesunde Organisationen haben einen Auftrag, der oft mit einer Philosophie und einer formulierten Vision einhergeht, die ständig erneuert und verbessert wird. Ich vermute, dass es mehrere Zweckgemeinschaften gibt, die entweder keinen Auftrag haben oder ihn seit Jahren nicht mehr angeschaut haben.

Also müssen Gemeinschaften, egal welcher Richtung, sagen: »Das ist was wir zusammen machen wollen.«

Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck
© Michael Oswald pixelio.de

Und »dies ist das Ziel unseres Zusammenseins.« Und diese Aussage muss alle paar Jahre überprüft werden, feierlich (ernsthaft) sozusagen. Das bedeutet, dass die kulturellen Werte der Organisation schon im Vorfeld deutlich formuliert sein müssen. Bei jeder Vorstandssitzung unserer Stiftung erinnern wir nicht nur an unsere Grundregeln, sondern schreiben unsere ganze Kultur/Werte auf eine große Papiertafel, sodass jeder es sehen kann.
Diese Werte beinhalten Offenheit, die Bereitschaft herausgefordert zu werden, Normen erneut anzuschauen, bereit zu sein sich zu verändern. Es muss Liebe und Respekt da sein, natürlich, und trotzdem braucht es gültige Messwerte. Es braucht so was wie eine Art Spannungsbogen zwischen persönlicher Anteilnahme und gnadenloser Hingabe an die Realität.
Und natürlich, es gibt einige Organisationen oder Gemeinschaften die es nicht wert sind erhalten und weitergeführt zu werden. Damit kommen wir zu der Frage: »Wann verliert eine Organisation ihre Nützlichkeit?« Und das wiederum führt zu einem neuen Blick auf das Ziel. »Haben wir immer noch einen Auftrag? Vielleicht nicht mehr.«
Ein kritischer Punkt in der Kunst eine Gemeinschaft zu halten, ist die Integration von Aufgabe und Prozess. Aufgabe ist die Arbeit am Ziel, am Auftrag, während Prozess die Arbeit an sich selber als Gemeinschaft ist. Diese Kunst verlangt eine enorme Menge an Praxis.
Eine Gruppe von Menschen wird nicht einfach zur Gemeinschaft und bleibt Gemeinschaft. Immer wieder fallen sie aus diesem Zustand raus, zurück ins Chaos oder in die Pseudogemeinschaft. Was eine gesunde, weiterführende und nachhaltige Gemeinschaft kennzeichnet ist die Geschwindigkeit mit der sie feststellen: »He, wir haben es verloren. Wir müssen zurück und an uns selber arbeiten.«

Wir müssen die Arbeit an unserem Ziel für eine Weile auf die Seite legen und am Prozess arbeiten.

Richtig. Von einem zum anderen umzuschalten ist schwierig. Da ist die zeitliche Abstimmung eine Kunst und verlangt Disziplin. Wir arbeiten so, dass wir dem Prozess zuerst seine Zeit geben und dann mit der Aufgabenstellung weitermachen. Etwas das unsere Arbeit charakterisiert ist ihre Sanftheit. Trotzdem gibt es eine Übung die wir machen, die nicht so sanft ist. Gruppen, die sich für die Themen wie Nachhaltigkeit und Aufgabe kontra Prozess interessieren, bitten wir, 15 Minuten an sich selber als Gemeinschaft arbeiten. Dann kann es vorkommen, dass jemand gerade eine Mitteilung über die Gruppe macht und es ist herzergreifend und alle sind am weinen. Nach 15 Minuten schnippt der Leiter mit den Fingern und sagt: »Jetzt arbeitet wieder an Eurer Aufgabe, Eurem Auftrag.«
Es ist unglaublich, wie gut die Teilnehmer nach einer Weile damit umgehen können. Auch wenn sie gerade dabei sind, Richtlinien für Unterlagen neu zu formulieren und der Leiter wieder mit den Fingern schnippt und sagt: »Nun gehen Sie wieder weiter in Ihren Prozess« gehen sie an den Punkt, wo vor 15 Minuten Berührung war und alle weinen weiter.
Eigentlich möchte man so flexibel sein, dass es nicht notwendig wird mechanisch alle fünfzehn Minuten umzuschalten. Aber wir benutzen diese eher heftige Methode um zu zeigen, wie Gruppen ihre Trägheit überwinden können. Und es zeigt, dass Gruppen von Menschen fähig sind jederzeit umzuschwenken.

Nehmen wir mal an, dass jemand in seinem Büro Gemeinschaft bilden willst, oder in seinem Wohnblock, aber hat keinen Kurs, den er besuchen kann. Was macht man dann?

Eines der Argumente warum wir damals die Stiftung ins Leben gerufen haben war die, genau solchen Gruppen zu helfen, die es nicht alleine schaffen konnten. Ungefähr 25 bis 50 Prozent derjenigen die Gemeinschaftsbildung gelesen haben und es versuchten, haben es auch geschafft. Aber die anderen 50 bis 75 Prozent können es nicht. Da scheitert es an dem fehlenden Handwerkszeug für den Prozess oder den richtigen Leuten. Da benötigt man Fachkenntnis.
Aber manchmal war das Wissen, das benötigt wurde eher eine klare Aufgabenstellung und weniger die Kenntnis für den Prozess. Als wir z. B. mit der Stiftung begannen waren wir ein Haufen von Leuten, die Gutes tun wollten, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wie man Gutes tut. Wenn man mich vor sechs Jahren gefragt hätte, was strategische Planung sei, hätte ich gesagt, dass das etwas ist, was die Air Force mit ihrer strategischen Bombardierung tut. Nun mussten wir als Vorstand lernen was strategische Planung ist und wie man ein Geschäft führt. In gewisser Hinsicht ist das schwieriger als wenn man mit Gemeinschaftsbildung anfängt und eine schon strukturierte Organisation mit klar definierten Aufgaben vorfindet.

Das scheint tatsächlich der Fall für viele Zweckgemeinschaften über die Jahre hinweg gewesen zu sein. Oft waren es die Geschäfts-, Management- und Strukturthemen, die die Achilles Ferse darstellten.

Bei diesem Thema werde ich leidenschaftlich! Struktur und Gemeinschaft sind nicht unvereinbar. Im Gegenteil, sie wachsen aneinander. Eigentlich ist es so, dass je größer die Struktur in einer Organisation and je klarer diese Struktur ist, umso einfacher ist es für uns Gemeinschaft hineinzubringen. Wenn eine Geschäftsgruppe mit einer klaren Absicht, aber einer mangelnden Struktur einen Gemeinschaftsprozess durchläuft, wird sie feststellen, dass ihre nächste Aufgabe sein wird, Rollen zu definieren. Ohne Ausnahme werden diese Rollen hierarchisch verteilt werden.
Das Ziel von Gemeinschaft ist nicht die Hierarchie abzuschaffen. Nochmals, die Kunst für eine Organisation ist die, zu lernen wie man in einer hierarchischen und höchst strukturierten (hierarchisch strukturierten) sowie zielorientierter und gleichzeitig gemeinschaftlichen Art und Weise funktioniert. Es ist wichtig die Technik des Umschwenkens zu beherrschen. Je klarer die Rollen definiert sind und je strukturierter die Organisation ist, umso leichter geht das Hin- und Herschwenken. Je verschwommener die Struktur, umso schwieriger wird genau das.

In Gemeinschaftbildung schreibst Du: »Eine Organisation ist in dem Maße fähig, Gemeinschaft innerhalb zu nähren, wie sie bereit ist einen gewissen Mangel an Strukturen zu tolerieren und zu riskieren.« Ist das was du jetzt sagst eine Abänderung dieser früheren Sicht?

Eine Weiterentwicklung davon. Das einzige Hindernis innerhalb einer Organisation Gemeinschaft aufzubauen und zu erhalten ist nicht struktureller Natur. Es ist politisch. Wenn man jemand an der Spitze hat, der nicht bereit ist die Struktur loszulassen - auch nur eine zeitlang - oder der alles dominieren muss, dann wird man keine Gemeinschaft in dieser Organisation vorfinden. Deshalb müssen Leute in einer Organisation und besonders die an der Spitze, willig sein ihre Rolle und ihre Stellung zeitweilig loszulassen.

Du beschreibst persönliches Wachstum als eine Reise raus aus der Kultur. Ist der Wachstumsprozess Richtung wahrhafter Gemeinschaft ähnlich? Ist Gemeinschaft a-kulturell?

Nein, es ist nicht a-kulturell. Ich denke es ist eher eine charakteristisch andere Kultur von Gemeinschaft. Man muss sich daran erinnern, dass wir bei allen Sitzungen eine Liste mit ungefähr dreißig Werten haben, die unsere Organisationskultur betreffen. Die Prinzipien von Gemeinschaft dienen als Parameter dessen was wir als neue Globalkultur bezeichnen. Da sind Werte wie Respekt und das Nutzen von gültigen Messwerten. Nur eine Minderheit von Menschen  unter 5 Prozent - können sich nicht mit diesen Werten anfreunden.

Wie sieht eine globale Gemeinschaft aus? Ist sie überhaupt möglich?

Natürlich ist sie das. Wir haben Gemeinschaft auf unterschiedlichsten Wegen gebildet und so gut wie in jeder Kultur. Letztes Jahr veranstalteten wir einen Kurs für Juden, Christen und Muslime in Gemeinschaftsaufbau. Er war so erfolgreich dass die Muslime uns Geld spendeten, damit wir nochmals so etwas anbieten.
Aber das Wort global wird breiig, wenn es nicht Bezug zu einem wirklichen Problem hat. Ich kann, zum Beispiel, praktisch garantieren, dass wenn man fünf Weiße, fünfzehn Afrikaner und fünfunddreißig Schwarze aus Südafrika nähme, sie alle in einen Raum sperrte und sie dazu bringt eine Bereitschaftserklärung zu machen, eben diese Technik der Gemeinschaftsbildung zu lernen, sie am Ende der drei oder vier Tage rauskämen mit wirklichem Respekt voreinander, in Liebe und mit dem Willen und der Fähigkeit gründlich und erfolgreich an dem zu arbeiten, was gerade dran wäre. Das eigentliche Problem ist das, Leute in den Raum zu bekommen.

Und sie dazubehalten durch die vier Stufen von Pseudogemeinschaft, Chaos, Leere und endlich Gemeinschaft.

Richtig. Die einzige Bedingung die wir haben ist die, dass die Leute bleiben und nicht abhauen. Zufällig haben wir dabei auch erfahren, dass es durchweg einfacher ist Gemeinschaft unter ungebildeten Menschen herzustellen, als unter intellektuell Anspruchsvollen. Das wusste ich noch nicht zu dem Zeitpunkt, als ich Gemeinschaftsbildung schrieb. Eine Gruppe Diplomaten oder Psychiater sind da ein harter Brocken, denn man muss durch ihren Intellektualismus hindurch um zu ihrer Unschuld (Einfachheit) zu kommen.
Aber ich glaube, dass es immer möglich ist, Gemeinschaft herzustellen. Wenn Menschen sehen, dass man dauerhaft Gemeinschaft herstellen kann, dass es Regeln und Grundsätze gibt, die einen Weg aufzeigen um dahin zu gelangen, dann nährt das wirklich Hoffnung.

Somit ist die Errettung der Welt, auf die Du Dich in deinem Buch beziehst, erreichbar.

Sogar sehr. Ich möchte einen Teil unserer Gründungsphilosophie vorlesen, eine Erklärung, die sehr gut das Wesentliche dieser Sichtweise einfängt: »Es gibt ein Sehnsucht im Herzen nach Frieden. Auf Grund der Wunden und der Ablehnung, die wir in vergangenen Beziehungen erlebt haben, fürchten wir das Risiko. In unserer Furcht werten wir den Traum einer authentischen Gemeinschaft als Phantasterei ab. Aber es gibt Richtlinien für das Zusammenkommen von Menschen, wo diese alte Wunden heilen können. Es ist das Ziel der Stiftung zur Gemeinschafts-Förderung, diese Richtlinien weiterzugeben, um Hoffnung Wirklichkeit werden zu lassen und um die Vision einer Welt kundzutun, die die Herrlichkeit von dem was es heißt menschlich zu sein, fast vergessen hat.«
In einer Organisation gemeinschaftlich zu leben ist kein Allheilmittel. Die Wirklichkeit existiert einfach immer noch. Und so wie es typisch für ein gesundes Einzeldasein ist, gibt es auch mehr Schmerz innerhalb der Gemeinschaft als außerhalb. Aber es gibt auch mehr Freude. Für mich ist das Typische einer echten Gemeinschaft nicht die Tatsache, dass es weniger schmerzhaft ist, sondern dass es lebendiger ist.

- das Gespräch führte Alan AtKisson

Scott Peck war ein US-amerikanischer Psychiater, Psychotherapeut und Schriftsteller. Scott Pecks Denken über Gemeinschaftsbildung ist ausführlich in seinem Buch »Gemeinschaftsbildung, der Weg zu authentischer Gemeinschaft« erschienen auf Deutsch im Oktober 2007 (bestellbar unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) beschrieben. Er ist der Autor von noch vier anderen Büchern, einschließlich des sehr populären Buches »Der wunderbare Weg« (7 Millionen Mal verkauft). Mit der Gründung der Stiftung »FCE - Foundation for Community Encouragment« 1984 versuchte er seine Erkenntnisse praktisch umzusetzen. Dabei wurde vor allem auf die Umsetzung in Unternehmen gesetzt. Er starb 2005.

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