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Interviews

Interview mit Erwin Zbiral über sein Buch "Der große Irrtum"

Details

Erwin Zbiral und sein Werk

»Mein Alltag ist nicht so spannend«

… aber seine Geschichten sind es. Sie zeigen das Mann-Frau-Drama in seinen Facetten und Varianten und die menschliche Suche nach Sinn und Erfüllung. Das Setting dabei ist die spirituelle Szene in Wien und anderswo. Und der jeweilige Held dieser Geschichten – ist er das selbst? Erwin Zbiral würde die Geschichten eher so interpretieren wie einen Traum: »In gewisser Hinsicht bin ich alle diese Personen«, sagt er, »die Hauptfiguren ebenso wie die Nebenfiguren. Obwohl das meiste an diesen Geschichten erfunden ist« – genial gut erfunden, meinen wir!

Ich treffe Erwin Zbiral bei der Präsentation seines Buches »Der große Irrtum«, das im Dezember 2007 im connection Verlag erschienen ist. In seinen Kurzgeschichten nimmt er die spirituelle Szene humorvoll auf die Schippe und zeichnet (bis auf eine Ausnahme) männliche Figuren, die sich zwar überaus für Frauen interessieren, ihnen und ihren Launen aber meist hilflos ausgeliefert sind.

Der Autor, so wie ich ihm begegnete

Das Wiener Seminarhaus »Focus« füllt sich langsam mit Gästen, als ich etwa eine Stunde vor Beginn von Erwins Lesung dort eintreffe. Kerzen flackern einladend in einem Saal voller Holzsessel, ein herrenloser Beamer wartet meditativ auf seinen großen Einsatz, ein Stapel ungeöffneter Bücher hofft auf potentielle Käufer. Das noch unangetastete Buffet verspricht Großes. Ich erlausche eine verhalten geflüsterte Insider-Information: »Es gibt sogar Kaffee Karma!« Unwillkürlich fühle ich mich in eine von Erwins Geschichten hineinversetzt. Und der lässig in Jeans, T-Shirt und Kapuzensweater gekleidete Typ neben mir paßt zu meiner Vorstellung von Sebastian, der Hauptfigur aus »Satsang mit Satya«! Als er sich mit »Erwin« vorstellt, muss ich innerlich lächeln.

Das einzig unruhige Element in der beinahe spirituellen Gelassenheit, die dieser Ort ausstrahlt, ist im Grunde Erwin selbst. Die Aufregung über die bevorstehende Lesung steht ihm ins leicht gerötete Gesicht geschrieben; er scheint sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit nicht ganz wohl zu fühlen. Während mein Freund völlig unspirituell beginnt, das Buffet zu plündern, ziehen wir uns für das Interview in den ruhigeren Nebenraum zurück.

Das Interview

Du bist Versicherungsmathematiker von Beruf. Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ich habe zuerst geschrieben und bin erst dann Versicherungsmathematiker geworden. Ich wollte eigentlich Künstler sein. Früher habe ich Musik gemacht und in einer Band gespielt. Nebenbei habe ich geschrieben und mit Freunden Lesungen veranstaltet. Mein Traum war es immer, ein Buch zu veröffentlichen. Das ist mir erst 18 Jahre, nachdem ich zu schreiben begonnen habe, gelungen.

Die spirituelle Szene ist ein zentrales Thema in deinen Kurzgeschichten. Empfindest du dich selbst als spirituell?

Nein. Ich meditiere nicht, und ich habe keine übersinnlichen Fähigkeiten. Ich bin kein Anhänger irgendeiner Richtung – keiner Religion, keiner spirituellen Gruppe. Ich hab' damit sehr wenig Erfahrung – ich hoffe, man merkt das nicht allzu sehr an meinen Texten. Ich war einmal auf einem Seminar, bei einem Satsang; der Rest ist größtenteils erfunden.

Du schreibst also nicht aus persönlicher Erfahrung über diese Themen?

Nicht direkt. Ich würde sagen, die Erfahrung schlummert im Unbewussten. Wenn ich schreibe, dann habe ich Zugang dazu. Dann kann ich aus dem Unbewussten schöpfen und in den Geschichten Dinge schreiben, die mit mir zu tun haben, die mir aber im Alltag nicht bewusst sind. Die Casino-Geschichte ist allerdings ziemlich autobiografisch. Ich hab' tatsächlich mal in einem Casino die 19 vorhergesagt, aber leider nicht gesetzt. Das passiert selten – man kann es nicht beeinflussen.

»Ich versetze mich in eine leichte Trance, dann schreibe ich«

Das klingt, wie wenn das Schreiben eine Art von spiritueller Erfahrung für dich ist?

Ja. Ich versetze mich in eine leichte Trance, dann schreibe ich. Ich bin in einem besonderen Zustand beim Schreiben. Dann folge ich einfach meiner Intuition und meinen Figuren. Wenn es mir sehr gut geht beim Schreiben, dann geben mir die Figuren den Weg vor. Sie zeigen mir, wo sie hin wollen, und dann muss ich manchmal das, was ich mir überlegt habe, ein bisschen abändern.

Wie stehst du persönlich zur spirituellen Szene?

Den Großteil sehe ich kritisch. Vor allem dann, wenn jemand sich vermarktet und dafür viel Geld kassiert. Es gibt aber auch Menschen in der Szene, die wirklich etwas Besonderes an sich haben. Ich möchte den Thomas Hübl als Beispiel nennen. Ich war einmal bei einem Seminar von ihm und habe gemerkt, dass er »was hat« und irgendwie besonders ist.
Bei vielen anderen hab' ich das Gefühl nicht. Es ist viel Inszenierung. Bei der Geschichte »Satsang mit Satya« hab' ich auch versucht, das zu beschreiben. Wenn 20 Prozent Ausstrahlung sind, dann sind 70 Prozent Inszenierung, und 10 Prozent lass' ich offen … Das ist nicht prinzipiell schlecht, aber ich finde, dass die Leute schon hinters Licht geführt werden. In der Szene fehlt mir, dass die Leute selbständig gemacht werden, oder dazu angeleitet, selbständig zu sein. Die hängen dem Guru oder dem Satsang-Lehrer an den Lippen, himmeln ihn an, stellen keine kritischen Fragen. Mich wundert das, weil ich das Gefühl hab', dass sie im Alltag ganz normale Probleme haben, die scheinbar während den Seminaren oder dem Satsang verschwinden. Und sie lassen sich mit Aussagen abspeisen, mit denen ein Normalsterblicher nichts anfangen kann.

Bei der Lesung »Silent Guru«

Hast du dir beim Schreiben deiner Geschichten auch die Aufgabe gestellt, deine Leser zu kritischerem Denken zu animieren?

Nein, den Anspruch habe ich nicht. Mein erster Anspruch ist, spannende Geschichten zu erzählen, die einen in den Bann ziehen. Ich erzähle auch Geschichten, weil ich keine Fragen beantworten mag, weil ich nichts erklären mag. Sicher, man kann zwischen den Zeilen meine Intention herauslesen. Und natürlich mag ich auch zum Nachdenken anregen. Ich schreibe die Geschichten in der Ich-Form, damit sich die Leser besser mit der Hauptfigur identifizieren können, damit möglichst viel Nähe da ist. Ich hoffe, dass bei den Lesern ein Prozess ausgelöst wird, wo sie sich grundsätzliche Fragen stellen wie »Ist das so toll, wenn man erleuchtet wird?« oder »Wie ist eine Satsang-Lehrerin im Alltag?« Ich setze mich nicht hin und denk' mir: »Ich schreib' jetzt eine Geschichte und will dem Leser das und das sagen.« Eine Geschichte kommt zu mir, und ich schreibe sie auf. Inhalt und Aussage ergeben sich.

In deinen Geschichten kritisierst du gerne auch die katholische Kirche …

Ich war früher viel kritischer. Ich denke, ich kann das heute relativ neutral sehen. Meine Geschichte von der Apokalypse z.B. (in »Der große Irrtum«) ist sehr an den Lehren der Kirche orientiert. Der Jüngste Tag wird dort so beschrieben, ebenso die Auferstehung des Fleisches. Wie das genau passieren soll, dass etwa sich die Menschen dann alle anstellen und zum Jüngsten Gericht kommen, das ist natürlich nicht beschrieben. Ich denke, das ist keine Kritik an der katholischen Kirche, sondern eine Illustration ihrer Lehren.

Und deine persönliche Einstellung zur katholischen Kirche?

Ich finde sie furchtbar. Ich gehe nicht hin. Sie ist frauenfeindlich, sexualfeindlich, lebensfeindlich. Abschaffenswert. Ich bin aus der Kirche ausgetreten.

Wie würdest du die Helden deiner Geschichten charakterisieren?

Meine »Helden« sind keine Supermänner und keine Modelfrauen, sondern alltägliche Figuren mit ihren Zweifeln, Sorgen, Ängsten. Sie versuchen mit bestimmten Phänomenen, die ihnen im Alltag begegnen, fertig zu werden. Sie entwickeln sich weiter und haben nichts Besonderes an sich. Sie sind gewöhnlich, alltäglich, und versuchen das nicht zu verbergen. Sie leben eigentlich alle ziemlich authentisch.

»Meine Figuren sind Mischwesen aus meinen Sehnsüchten, Träumen, ungelebten und gelebten Seiten«

Trifft das auch auf dich zu?

Nein, das trifft auf mich nicht zu. An meiner Arbeitsstelle weiß z.B. niemand, dass ich schreibe. Ich versuche Arbeit und Privates zu trennen. Meine Figuren sind Mischwesen aus meinen Sehnsüchten, Träumen, ungelebten und gelebten Seiten, Gefühlslagen. Das wird alles gemischt, und dann kommt eine Figur 'raus, oder ich bin in der Stimmung, dass ich eine Figur einfangen kann. Dann kann ich mitschwingen und sie darstellen.

Dein Alltag stimmt also nicht mit dem deiner Helden überein?

Mein Alltag ist nicht so spannend. Ich sitze da in der Versicherung und mache meinen 40 Stunden-Job. Da sind meine Antennen eingefahren. Wenn ich Glück habe und in einer intuitiven Stimmung bin und in der Natur, dann fahre ich die Antennen aus. Dann kann ich Stimmungen einfangen. Vielleicht nicht die Aura sehen, aber doch viel spüren oder wahrnehmen. Mein drittes Auge ist ja blockiert – das kann man nachlesen (lacht). Aber wenn sich das öffnen würde, dann könnte ich vielleicht auch etwas sehen; keine Ahnung.

Wie sehr spiegelst du dich in deinen Figuren?

Verschieden. In der Geschichte »Farben sehen« bin ich ein kritischer Mathematiker. In Wirklichkeit würde ich meine Geschichten eher so interpretieren wie einen Traum: In gewisser Hinsicht bin ich alle diese Personen. Die Hauptperson vielleicht am meisten – mit der soll sich ja der Leser identifizieren –, aber auch die anderen. Jede Hauptperson zeigt mich in einem anderen Licht, zeigt einen anderen Teil von mir, einen anderen Schwerpunkt. Mal bin ich der kritische Mathematiker, mal bin ich der einfühlsame Psychologe, mal der Skeptiker, mal der 55-jährige, der zurückdenkt. Einmal bin ich sogar eine Frau – meine weibliche Seite darf auch einmal vorkommen. Ich freue mich, dass ich so viele verschiedene Seiten habe und aus verschiedenen Blickwinkeln schreiben kann. Es kommt auch darauf an, wie es mir gerade geht, wenn mir die Geschichten einfallen.

Gibt es eine Figur in deinen Geschichten, die dir besonders nahe steht?

Ich mag den Sebastian aus »Satsang mit Satya« und den Karl Krischner aus »Der große Irrtum« sehr gerne. Natürlich auch die Zwillinge Atina und Anita – ich bin sehr froh, dass mir die eingefallen sind. Sie sind zu Kultfiguren geworden. Ich habe einen ganz tollen Leserbrief bekommen, da wollte jemand unbedingt die Adresse der Zwillinge haben und sie zu sich einladen für ein Tantra-Seminar. Ich habe ihm leider antworten müssen, dass sie erfunden sind.
Der Sebastian gibt mich am ehesten wieder. Er hat kein Geld. Seine Bücher verkaufen sich nur 5 000 Mal – ich hoffe, meines wird sich besser verkaufen (lacht). Er ist skeptisch, aber er probiert seiner Freundin zuliebe vieles aus. Er ist immer ein wenig dazwischen … Er ist arm, aber er entwickelt sich weiter, und er hat eine humorvolle Art, mit den Dingen umzugehen.

»Die Männer haben es schwer; die Frauen haben es zur Zeit leichter. Zumindest die in der spirituellen Szene«

Die Frauen in deinen Geschichten sind stark, die Männer trotten hinterher. Wie siehst du die Rolle der Geschlechter, und wie siehst du deine eigene Rolle als Mann?

Die Männer haben es schwer; die Frauen haben es zur Zeit leichter. Zumindest die in der spirituellen Szene. Das sind weniger die unterdrückten, sondern eher selbständige, selbstbewusste Frauen. Das sind bewusste Frauen; sie gehen in Frauengruppen, in Therapie, sie setzen sich mit sich selbst und der Frauen-Männer-Thematik auseinander, sie leisten Bewusstseinsarbeit. Die Männer sind in ihrer Rolle verunsichert und möchten bei den Frauen gut ankommen. Da stellt sich die Frage, wie machen sie das am besten? Meine Hauptfiguren haben da verschiedene Strategien, wobei sie sich vor allem an mir selber orientieren. Dieser arme Kerl, der mit den zwei Zwillingsschwestern zusammen ist, versucht ja, beide zufrieden zu stellen, um mit beiden zusammen sein zu können. Das geht natürlich schief. Das ist schon auch eine Strategie von mir, aber sie wird schon schwächer – binde die Frau an dich, indem du sie zufrieden stellst. Und das färbt natürlich auf meine Männerfiguren ab. Es sind aber nicht alle Frauen in meinen Geschichten starke Figuren; die Evelyn zum Beispiel aus der Geschichte »Das Seminar« und auch Atina und Anita haben ihre Schwächen. Das Verhältnis der Geschlechter finde ich problematisch, das kommt auch in meinen Geschichten durch. Eine Lösung mag ich keine anbieten; ich weiß selber keine. Also: ausprobieren …

Wie viel in deinen Geschichten ist autobiografisch? Wie viel von deinen Erfahrungen mit Frauen steckt in den Geschichten?

15 Prozent ist autobiografisch in dem Sinne, dass ich das erlebt habe, mich daran erinnere und das dann verwende. Der Rest ist erfunden. Aber natürlich fließen in die erfundenen Szenen und Figuren Erfahrungen ein, die nur so halb bewusst sind, die ich vergessen habe, die vielleicht beim Schreiben auftauchen. Natürlich kann man aus meinen Geschichten auch über mein Verhältnis zu Frauen etwas herauslesen, wie ich mit Frauen umgegangen bin und umgehe. Manchmal hab' ich mir Ex-Freundinnen ausgeborgt, manchmal gute Freundinnen. Man sieht ein wenig meinen Werdegang im Umgang mit Frauen. Von »Erfülle die Wünsche der Frau, damit sie glücklich ist und bei dir bleibt« in langsamen Schritten zu »Schau' auch auf dich selber und werde selber ganz und strahlend, dann musst du dich nicht so sehr bemühen, dass sie dich auch mögen«. Meine Männerfiguren entwickeln sich – deshalb mag ich auch die Atina-Geschichte so gerne. Er lebt den Männertraum von einer Beziehung mit zwei Frauen, fällt dann auf die Nase, aber am Schluss hat er wirklich etwas gelernt: Er akzeptiert sich so, wie er ist. Er streckt den Bauch heraus und sagt sich: »Egal, jetzt ziehe ich den Bauch nicht mehr ein und rufe das Zeitalter des Wohlgefühls aus!«

Um eine Metapher aus einer deiner Geschichten aufzugreifen: Surfst du auf den Wellen, kämpfst du gegen sie oder liegst du am Strand?

Ganz verschieden. Ich will das auch nicht bewerten. Alle drei Vorgehensweisen sind in Ordnung. Es ist mir vor allem darum gegangen, die unausrottbare esoterische Vorstellung auseinanderzunehmen, man könne sich wie ein Zauberer irgendetwas wünschen, obwohl überhaupt keine Voraussetzungen dafür da sind, und dann passiert das. Man kann sich schon etwas wünschen, man kann sich bemühen, aber man kann nur von dem Platz, wo man gerade ist, weitergehen in verschiedene Richtungen.

Was sind im Moment deine größten Wünsche?

Meine Wünsche, wenn ich im Wunschbuch blättere – das wäre als erstes mal ein bedingungsloses Grundeinkommen, das es mir erlaubt, meine Talente und Fähigkeiten zu leben. Als Künstler zu leben. Ich will nichts tun müssen, nur um mich zu erhalten. Wenn ich jetzt unbedingt ein Buch schreiben müsste, um Geld zu verdienen, dann würde mich das unter Druck setzen, und dann würde es weniger Spaß machen. Das Buch »Der große Irrtum« ist ja neben der Arbeit entstanden, also unbeschwert; es war nur zeitlich oft ein Problem.

Buchdeckel Der große Irrtum

Das Buch »Der große Irrtum« gibt es im connection-Shop oder kann über Tel. +49(0)8639– 9834–14 bestellt werden.

Dr. Sabine Fischer, Jg. 74, lebt in Wien und ist Biologin und systemische Lebensberaterin. Sie unterstützt Menschen, die sich auf das Wesentliche in ihrem Leben besinnen, ihre Visionen verwirklichen und ihr Potenzial entfalten wollen. Dabei arbeitet sie eng mit der Natur als Ort der Kraft und Selbsterfahrung zusammen: www.wesentliches.at
In schöpferischen Stunden fertigt sie Elfen und Feen aus Märchenwolle: woll.wesentliches.at


Titelblatt 03/08
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Aus dem Heft connection spirit 03/08

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