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Interview mit Harro Graf von Luxburg über humane Scheidungen

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Interview mit Harro Graf von Luxburg
Harro Graf von Luxburg

»Ich arbeite auf einvernehmliche Lösungen hin«

Harro Graf von Luxburg, praktizierender Scheidungsanwalt in München, hat zusammen mit seiner Kollegin Frau Lindemann-Hinz den Verein für »Humane Trennung und Scheidung« gegründet. Als Scheidungskind und selbst Geschiedene wollte Interviewerin Cornelia Stemberger mehr über die Gründer wissen und befragte den Scheidungsanwalt über seine Motivation

Lieber Herr von Luxburg, danke dass sie die Zeit gefunden haben und wir auf diesem Weg mehr Menschen von ihrem Verein für »humane« Scheidungen berichten können. Als Scheidungskind und selbst Geschiedene ist es für mich eine Freude zu erfahren, dass es Anwälte gibt, die nicht nur an ihr Honorar denken, sondern an die Menschen, die da am Tisch sitzen, meist in einer großen Lebenskrise stecken und mit großen Verletzungen kämpfen. Wie und wann kamen Sie dazu, diesen Verein zu gründen?

1979 habe ich schon als Anwalt für einen Verein für Unterhaltspflichtige Väter gearbeitet. Ich fühlte mich angesprochen und habe erfahren, dass Familiensachen für mich als Anwalt das Richtige sind. Ich war auch viel in der familienrechtlichen Szene unterwegs und hatte Kontakt zu einem Professor, der einen maßgeblichen Kommentar zur elterlichen Sorge verfasst hat. Dieser Professor war dann mit einer Kollegin aus meiner Kanzlei verheiratet. Mit dieser Kollegin hatte ich schon bis 1985 Ideen und Visionen entwickelt, wie ein Anwalt in Familiensachen arbeiten sollte, insbesondere die Idee, dass man bei Ehescheidungen auf humane Lösungen hinarbeiten muss. Mit meiner Kollegin Frau Lindemann-Hinz haben wir Leitlinien für die Arbeitsweise von Anwälten in Familiensachen erarbeitet. Der Anwalt muss das Einvernehmen fördern und darauf hinarbeiten, dass humane Scheidungen zustande kommen. Sein Stil sollte moderat sein und er sollte seine eigenen Aggressionen, soweit vorhanden, auf keinen Fall in seine anwaltlichen Schreiben an die andere Seite mit einfließen lassen.

Wenn ich das nun richtig verstehe, hatten Sie also das Glück als junger Anwalt sofort in die, für sie passende Kanzlei zu kommen. Sprich, das Gedankengut der Kollegen und Kolleginnen entsprachen ihrer Einstellung. Kann ich das so formulieren? Und dann interessiert mich natürlich noch, woher hatten sie selbst diese Einstellung? Sind Anwälte nicht immer Menschen, die sich gerne in Konfliktsituationen begeben. Das ist schließlich ihr tägliches Brot. Und anhand meiner Erfahrungen, sind diese Anwaltsschreiben eben meist doch eher aggressiv und weniger moderat, so wie sie es beschrieben haben. Woher kam ihre, ich nenne es mal »Menschenliebe«?

Meine Stiefmutter hat mir zu Beginn meiner Anwaltstätigkeit eine wichtige Frage mit auf meinen Weg gegeben: »Was Du bist jetzt Anwalt? Da wird ja nur gestritten.« Dieser Satz hat mich damals sehr berührt und dann dazu geführt, dass ich darüber nachgedacht habe: Was will ich eigentlich mit dem Anwaltsberuf? Worauf will ich eigentlich hinaus? Da war mir frühzeitig klar, dass ich auf einvernehmliche Lösungen hin arbeiten möchte. So machte ich mir schon am Anfang meiner Berufslaufbahn klar, welche Art von Anwalt ich selbst sein wollte. Das war also meine Einstellung, die ich in diesen Beruf mitgebracht habe. Daher passte der Verein für Unterhaltspflichtige gut zu meiner inneren Einstellung. In den 80ern habe ich dann auch festgestellt, dass es meine Spezialität ist, genau solche einvernehmlichen Lösungen zu Stande zu bringen. Ich habe dazu keine großen Schulungen besucht. Es war irgendwie schon in mir angelegt. Später habe ich dann mal eine Mediationsausbildung gemacht.

Das hört sich nach wahrer Berufung an. Ein Beruf mit dem Herzen auszuüben und nicht einfach nur die Arbeit nach Vorschrift zu machen. Ein Anwalt mit Herz, der seinen Klienten zuhört und fühlt, was wichtig und gut für sie ist. Ein Anwalt, der einvernehmliche Scheidungen anstrebt, die für alle Beteiligten das Beste sind. Das hört sich für mich an, als agierten Sie aus ihrem »Bauch«, ihrer Intuition heraus.

Ja, es war sicherlich immer schon da, in mir. Ich habe mich auch damals schon für spirituelle Lehren interessiert und an verschiedenen Jahresgruppen teilgenommen. Inwieweit, diese Erfahrungen und das Bewusstsein meine Anwaltsarbeit im Einzelnen beeinflusst haben, weiß ich nicht. Doch ich denke, es hat mich alles zusammen positiv beeinflusst. Ich kann nicht sagen, das das eine mich hierhin und das andere dorthin geführt hat, doch im Gesamten hat es mich in eine für mich sehr wichtige Richtung gelenkt, nämlich die Menschen als Menschen zu sehen und nicht nur als einen Fall.

Sie haben also ihren Herzenswunsch in die Tat umgesetzt und haben sich für humane Trennungen und Ehescheidungen eingesetzt. Ist aus dieser Arbeitsweise dann der Wunsch entstanden, weitere Anwälte zu finden, die ebenfalls diesen Weg gehen und mit ihnen einen Verein zu gründen?

Genau. Ich habe zu dieser Zeit noch bei dem Verein für Unterhaltspflichtige gearbeitet, der sich dann mit einem weiteren Verein zusammengeschlossen hat. Es hat sich dann gezeigt, dass es ab dem Moment nicht mehr für mich gestimmt hat. In diesen Vereinen war dann doch mehr die Parteinahme für eine Seite an der Tagesordnung. Verbunden mit Vorurteilen und Aggressivität. Als mir das klar wurde, dass ich so nicht arbeiten wollte, hatte es sich zeitlich ergeben, dass ich mit meiner Kollegin Frau Lindemann-Hinz, sie in Berlin und ich in München, den neuen Verein »Humane Trennungen und Scheidung« gründen konnte. So konnte ich dann meine eigene Philosophie zu Papier bringen und als Vereins-Grundsatzprogramm festlegen. Das war das, was ich 1991 gedacht habe und das hat sich seitdem nicht grundlegend geändert.

Interview mit Harro Graf Luxburg
© Thorben Wengert pixelio.de

Ihre Philosophie ist sehr kinderfreundlich. Als Scheidungskind weiß ich ja selbst, wie hart es ist, sich zwischen den Eltern entscheiden zu müssen. Das beginnt schon bei der Frage: Bei wem lebe ich nun? Ich hatte das Glück, das wir damals einen tollen Richter hatten und wir Kinder gefragt wurden, bei wem wir leben wollen. Meine Eltern haben uns Kindern ein großes Geschenk gemacht, indem sie von sich aus eine tolle Scheidung realisiert haben. Sie hatten einen Anwalt und alles wurde friedlich geklärt. Das kenne ich allerdings auch anders. Meist wird die übliche »dreckige Wäsche« gewaschen und wenn die Erwachsenen sehr verletzt sind, müssen oft die Kinder als gegenseitiges Kanonenfutter herhalten. Sie haben nun eine Scheidungsart ins Leben gerufen, bei denen die Eltern liebevoll zu einer humanen Trennung für alle hingeführt werden. Da die Scheidungsraten steigen, ist es wundervoll zu wissen, dass es Anwälte wie sie gibt. Sie sprachen von Ihrer Kollegin in Berlin und sie selbst sitzen in München. Wenn ich nun in Köln wohne und mich scheiden lassen möchte, gibt es dort auch einen Kollegen/in, der ihrem Verein angehört?

Leider nein. Bisher haben wir eben nur in Berlin und München diesen Verein und dazugehörige Anwaltskanzleien, die ihre Arbeitsweise nach unserem Grundsatzprogramm gestalten.

Also wäre es eine tolle Sache, wenn weitere Anwälte von Ihrem Verein erfahren und sich ihrer Philosophie anschließen würden. Am besten in ganz Deutschland verteilt?

Sicher. Kürzlich ist in Freiburg ein weiterer Verein gegründet worden, der ebenfalls diese humane Philosophie vertritt. Mein großer Wunsch ist es, das sich viele Vereine dieser Art in ganz Deutschland gründen, um möglichst vielen Menschen, die sich für eine Ehescheidung entschieden haben, mit ihrem Fachwissen zur Seite stehen.

Interview mit Harro Graf Luxburg
© Stefanie Hofschlaeger pixelio.de

Wenn ich mich also in der Situation einer anstehenden Trennung oder Scheidung befinde, wäre es sinnvoll für mich, in ihren Verein einzutreten? Wäre es auch sinnvoll für Menschen, die in dem direkten Umfeld bei Scheidungen arbeiten, wie z. B. Familiensozialarbeiter/innen, Pflegefamilien?
Ja genau, auch für diese Gruppe Menschen wäre es sehr sinnvoll. Leider haben wir nur wenige Mitglieder aus diesem Bereich. Unser Verein begleitet bisher hauptsächlich Menschen, die sich im Falle einer Trennung mit den dann anstehenden Themen auseinandersetzen möchten und vor allem Informationen brauchen. So bieten wir zwei bis drei monatliche Informationsabende mit Vorträgen zu wichtigen Themen an wie Ehegattenunterhalt, Sorgerecht, Neue Scheidungsgesetze und vieles mehr. Zu den einzelnen Vortragsthemen haben wir auch immer Broschüren erstellt, in denen die Mitglieder alle wesentlichen Informationen nochmals nachlesen können. Als Komplettinformation haben wir das Buch »Trennung und Scheidung einvernehmlich gestalten« herausgebracht, das jeweils mit dem neuesten Stand der Gesetze abgeglichen wird und demnächst in 4. Auflage erscheint.
Sie haben mir das Buch ja freundlicherweise vorab geschickt, so dass ich mich schon einlesen konnte. Sie beschreiben erst, warum dieses Buch entstanden ist, listen alle relevanten Themen auf, die im Falle einer Trennung auf die Familienmitglieder zukommen, und auch das Thema Mediation haben sie sehr ausführlich beschrieben. Alles in allem ein tolles Werk, für jeden, der sich mit dem Thema Trennung/Scheidung auseinandersetzen muss. Es sind gute Beispiele, Tipps und Ratschläge enthalten. So haben sie auch die sich wandelnden Formen der Scheidung im Laufe der Zeit beschrieben. Ich weiß noch, dass die Scheidung meiner Eltern in der Zeit des Schuldprinzips lag. Meine Scheidung lag in der Zeit des Zerrüttungsprinzips. Die für mich schlimmste Frage bei der Scheidung war die des Richters: Halten sie ihre Ehe für unwiderrufbar gescheitert? Die Trennung war schon schmerzhaft, doch diese Frage war echt heftig und ging mir bis ins Mark. Das tat weh.
Ja, die Amtssprache der Richter ist auf der Grundlage des Zerrüttungsprinzips nicht sehr einfühlsam und menschlich. Ich nehme an dieser Formulierung auch immer Anstoß. Ich habe diesbezüglich auch schon einmal an Frau Leutheusser-Schnarrenberger geschrieben, dass sie in dieser Sache aktiv werden möchte, weil diese Terminologie in diesem Gesetz nicht besonders human ist. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich dafür sorgen, dass ein Artikel darüber in den Fachzeitschriften erscheint. Der Schritt von dem Schuldprinzip zu einer liberaleren Sichtweise, der wurde leider nur halbherzig gegangen. D. h. man wollte immer noch die Institution Ehe schützen und die Trennung nicht »zu leicht« machen. Daher ist die Gesetzessprache auch heute noch oft diskriminierend und nicht sehr human. Ein Grund mehr, unsere Philosophie in die Gerichtssäle und die Herzen der Menschen zu bringen.
Wenn ich mich also in der Situation einer anstehenden Trennung oder Scheidung befinde, wäre es sinnvoll für mich, in ihren Verein einzutreten? Wäre es auch sinnvoll für Menschen, die in dem direkten Umfeld bei Scheidungen arbeiten, wie z. B. Familiensozialarbeiter/innen, Pflegefamilien?
Ja genau, auch für diese Gruppe Menschen wäre es sehr sinnvoll. Leider haben wir nur wenige Mitglieder aus diesem Bereich. Unser Verein begleitet bisher hauptsächlich Menschen, die sich im Falle einer Trennung mit den dann anstehenden Themen auseinandersetzen möchten und vor allem Informationen brauchen. So bieten wir zwei bis drei monatliche Informationsabende mit Vorträgen zu wichtigen Themen an wie Ehegattenunterhalt, Sorgerecht, Neue Scheidungsgesetze und vieles mehr. Zu den einzelnen Vortragsthemen haben wir auch immer Broschüren erstellt, in denen die Mitglieder alle wesentlichen Informationen nochmals nachlesen können. Als Komplettinformation haben wir das Buch »Trennung und Scheidung einvernehmlich gestalten« herausgebracht, das jeweils mit dem neuesten Stand der Gesetze abgeglichen wird und demnächst in 4. Auflage erscheint.
Das finde ich auch. Was mich in ihrem Buch auch noch sehr positiv gestimmt hat, war das große Kapitel über Kinder. Sie haben Ärzte und Psychologen zu Wort kommen lassen und deren Erfahrungen über das »Erbe« der Scheidungskinder mitgeteilt. Das finde ich persönlich sehr wichtig, denn die Kinder sind im Falle einer Trennung immer einer Stresssituation ausgesetzt. Nicht jedes Kind findet alleine einen Weg daraus. Ich selbst habe Jahre der »Aufarbeitung« gebraucht, um mit meinen Eltern wieder in Frieden und Liebe zu kommen. Ich bin mir sicher, ihre Klienten sind ihnen für ihre Unterstützung sehr dankbar, denn nach einer Scheidung geht das Leben ja weiter, nur eben in einer anderen Konstellation und oft mit neuen Menschen.
Ja, ich bekomme viele positive Rückmeldungen von meinen Klienten. Am meisten wird meine wenig aggressive Art der juristischen Begleitung wertgeschätzt, denn wie sie schon sagen, das Leben geht danach weiter. Mein Hauptanliegen ist es, das die Familie nach der Scheidung weiter funktionieren kann. Die sogenannte Nachscheidungsfamilie ist eine andere Form der Familie und die verdient genauso Unterstützung vom Staat oder den Anwälten wie jede andere Familienform. Die Juristerei ist mein Handwerkszeug, mit dem ich agiere, doch letztendlich geht es mir darum, etwas Positives für andere Menschen zu erreichen. Und in diesem Bereich, als sogenannter Nischenanwalt kann ich meinen Klienten mein Fachwissen und meine humane Philosophie zur Verfügung stellen.

Das Interview führte Cornelia Stemberger

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