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Rede der Auschwitz-Überlebenden Eva Mozes Kor

Details

Auschwitz Gedenkstätte
© joschiman, pixelio.de

"Ich habe den Nazis vergeben"

Vergebung ist eine Kraft der menschlichen Seele; wir alle vergeben täglich unseren Mitmenschen kleine Fehler und Unzulänglichkeiten. Für die meisten von uns gibt es aber Grenzen der Toleranz. Wie steht es mit den unfassbaren Verbrechen der Nazis? Kann, sollte man so etwas wie die Konzentrationslager verzeihen? Die Jüdin Eva Mozes Kor erlebte als Kind in Auschwitz die grausamen "Zwillingsversuche" des KZ-Arztes Dr. Josef Mengele - und überlebte. Heute setzt sich die Präsidentin des Verbandes von Überlebenden "Children of Auschwitz-Nazi's Deadly Lab Experiments Survivors" (C.A.N.D.L.E.S) für Versöhnung mit den Tätern von damals ein. Am 7. Juni 2000 hielt sie zur Eröffnung des Symposiums "Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten" in Berlin folgende Rede, die wir hier leicht gekürzt wiedergeben

Liebe Mit-Überlebende, liebe Ärzte, Wissenschaftler, Forscher und Gäste:

»Vor 75 Jahren war ich ein menschliches Versuchskaninchen in Auschwitz. Es war im Morgengrauen an einem Frühlingstag des Jahres 1944, als ich in Auschwitz ankam. Unser Zug mit den Viehwaggons hielt plötzlich an. Ich hörte draußen deutsche Stimmen Befehle brüllen. Wir waren wie Sardinen in unseren Viehwaggon gezwängt, und, was noch schlimmer war als das Gedränge der Körper: Ich konnte nichts sehen außer einem kleinen Fleck grauen Himmels durch den Stacheldraht vor dem Fenster. Unsere Familie bestand aus meinem Vater, 44 Jahre alt, meiner Mutter, 38 Jahre alt, meiner ältesten Schwester Edit, 14 Jahre alt, meiner mittleren Schwester Aliz, 12 Jahre alt, und Miriam und mir, wir waren erst zehn Jahre alt. Sobald wir auf den zementierten Bahnsteig hinaustraten, packte meine Mutter meine Zwillingsschwester und mich an der Hand, weil sie hoffte, uns so irgendwie zu beschützen. Alles ging ganz schnell. Als ich mich umschaute, merkte ich plötzlich, dass mein Vater und meine beiden älteren Schwestern verschwunden waren - ich sah keinen von ihnen je wieder.

Auschwitz Gedenkstätte
© igelballprinzessin, pixelio.de

Von der Mutter getrennt

Als Miriam und ich uns an die Hand meiner Mutter klammerten, eilte ein SS-Mann vorbei und rief: "Zwillinge! Zwillinge?" Er blieb stehen und schaute meine Zwillingsschwester und mich an, weil wir gleich gekleidet waren und uns sehr ähnlich sahen. "Sind das Zwillinge?", fragte er. "Ist das gut?", fragte meine Mutter. "Ja", nickte der SS-Mann. "Ja, sie sind Zwillinge", sagte meine Mutter. Ohne Warnung oder Erklärung riss er Miriam und mich von Mutter weg. Unser Schreien und Flehen traf auf taube Ohren. Ich erinnere mich daran, wie ich zurückschaute und sah, dass meine Mutter ihre Arme voller Verzweiflung ausstreckte, während sie von einem SS-Soldaten in die entgegengesetzte Richtung gezerrt wurde. Ich kam nicht dazu, ihr "Auf Wiedersehen" zu sagen; ich kam nie mehr dazu, denn dies war das letzte Mal, dass wir sie sahen.

All das dauerte dreißig Minuten. Miriam und ich hatten keine Familie mehr. Wir waren ganz allein. Wir wussten nicht, was mit uns geschehen würde. Das alles wurde uns angetan, weil wir als Jüdinnen geboren waren. Wir verstanden nicht, warum das ein Verbrechen war. Wir kamen zu einer Gruppe von etwa acht Zwillingspärchen und warteten unter SS-Bewachung am Rand der Eisenbahngleise. Acht weitere Zwillingspärchen und eine Mutter kamen noch zu unserer Gruppe dazu. Wir wurden zu einem riesigen Gebäude gebracht und erhielten den Befehl, uns nackt auf Bänke zu setzen, während unsere Kleidung weggebracht wurde. Es war spät am Nachmittag, als unsere Kleidung zurückkam. Auf dem Rücken war ein großes rotes Kreuz aufgemalt. Als sie meinen Arm packten, um ihn zu tätowieren, begann ich zu kreischen, zu treten und zu zappeln. Vier Leute - zwei SS-Männer und zwei weibliche Gefangene - hielten mich fest, mit all ihrer Kraft, während sie einen stiftartigen Apparat erhitzten, bis er rotglühend war. Dann tauchten sie ihn in Tinte und brannten Punkt für Punkt in Großbuchstaben die Nummer A-7063 in mein Fleisch. Wir wurden in eine Baracke voller Mädchen gebracht, Zwillinge im Alter von ein bis dreizehn Jahren.

Im Schatten der Gaskammern

Kurz nach unserer Ankunft liefen alle zum Barackeneingang, wo das Abendessen ausgeteilt wurde. Das Essen bestand aus einer sehr dunklen, etwa sechs Zentimeter dicken Scheibe Brot und einer bräunlichen Flüssigkeit, die sie Kaffee nannten. Miriam und ich schauten uns an, und obwohl wir seit vier Tagen nichts zu essen und zu trinken bekommen hatten, bestand bei uns kein Zweifel, dass wir das Brot nicht essen konnten, weil es nicht koscher war. Als wir unsere Portionen den beiden Mädchen anboten, die uns alles zeigten, griffen sie danach, ehe wir unsere Meinung ändern konnten. Sie lachten über unsere Unwissenheit und sagten: "Miriam und Eva, hier könnt ihr keine Ansprüche stellen. Ihr müsst lernen, alles zu essen, wenn ihr überleben wollt." Nach dem Abendessen erklärten die beiden Mädchen uns alles im Lager.

Damals erfuhren wir von den riesigen rauchenden Kaminen und den lodernden, hoch über sie hinausschlagenden Flammen. Wir hörten von den zwei Gruppen von Leuten, die wir auf der Selektionsrampe gesehen hatten, und was mit ihnen geschehen war. Wir erfuhren, dass wir nur deshalb noch am Leben waren, weil Dr.Mengele uns für seine Experimente verwenden wollte. Es war spät am Abend, als Miriam und ich uns auf die unterste Pritsche im Stockbett zum Schlafen legten. Ich konnte nicht einschlafen, obwohl ich körperlich erschöpft und geistig ausgelaugt war. Miriam und ich gingen zur Latrine am Ende der Baracke. Auf dem schmutzigen Boden lagen die Leichen von drei Kindern. Ihre Körper waren nackt und ausgemergelt, und ihre weit aufgerissenen Augen starrten mich an. Da wurde mit klar, dass dieses Schicksal auch Miriam und mir drohte, wenn ich nichts dagegen unternahm, um es zu verhindern. Also fasste ich einen stummen Entschluss: "Ich werde alles tun, was in meiner Macht liegt, um zu verhindern, dass Miriam und ich auf diesem dreckigen Latrinenboden enden."

Der Wille zu überleben

Von diesem Augenblick an konzentrierte ich alle meine Anstrengungen, alle meine Fähigkeiten und mein ganzes Dasein auf eine Sache: Überleben. In unserer Baracke kuschelten wir uns, alles Kinder, in unsere schmutzigen Betten, in denen es von Läusen und Ratten wimmelte. Wir hungerten nach Essen, hungerten nach menschlicher Zuwendung und hungerten nach der Liebe unserer Mütter, die wir einmal hatten. Wir besaßen keine Rechte, aber wir waren wild entschlossen, noch einen weiteren Tag zu leben, noch ein weiteres Experiment zu überleben.

Nichts auf der Welt kann einen Menschen auf einen Ort wie Auschwitz vorbereiten. Als Zehnjährige wurde ich einer besonderen Gruppe von Kindern zugeteilt, die von Dr.Josef Mengele als menschliche Versuchskaninchen verwendet wurden. Ungefähr 1500 Zwillingspärchen wurden von Mengele für seine tödlichen Experimente eingesetzt. Es wird geschätzt, dass weniger als 200 Einzelpersonen überlebten. In Auschwitz lebten wir ein emotional isoliertes Dasein. Wir weinten nicht, weil wir wussten, dass es nichts nützte. Das hatten wir schon in den ersten paar Tagen gelernt.

Nach einer Injektion in Mengeles Labor wurde ich sehr krank. Ich versuchte diese Tatsache zu verheimlichen, denn es ging das Gerücht um, dass keiner, der in die Krankenabteilung gebracht wurde, je zurückkehrte. Bei meinem nächsten Besuch im Labor wurde bei mir Fieber gemessen, und man brachte mich in die Krankenabteilung. Am nächsten Tag schaute ein Team, bestehend aus Dr.Mengele und vier anderen Ärzten, meine Fieberkurve an und erklärte dann: "Schade, dass sie noch so jung ist. Sie hat nur noch zwei Wochen zu leben." Ich weigerte mich zu sterben!! Und fasste meinen zweiten stummen Entschluss: "Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um gesund und wieder mit meiner Schwester Miriam vereint zu werden."

Menschliche Versuchskaninchen

Nach zwei Wochen war mein Fieber überwunden und ich begann mich kräftiger zu fühlen. Ich beschloss, mir einen Plan auszudenken, der eine allmähliche Besserung meines Zustands bringen sollte. Wenn also die so genannte Krankenschwester hereinkam, das Thermometer unter meinen Arm steckte und den Raum wieder verließ, nahm ich es jedes Mal heraus, las es ab, und wenn die Temperatur zu hoch war, schüttelte ich das Thermometer ein bisschen herunter. Dann steckte ich es wieder unter meinen Arm und ließ das Ende herausstehen. Nach drei Wochen zeigte ich normale Temperatur und konnte wieder zu Miriam. Was für ein glücklicher Tag! Wäre ich gestorben, dann hätte Mengele Miriam mit einer Injektion ins Herz getötet und hätte an unseren Körpern vergleichende Autopsien vorgenommen. Auf diese Art starben die meisten der Zwillinge.

Dreimal in der Woche gingen wir in das Hauptlager von Auschwitz zu Experimenten. Diese dauerten sechs bis acht Stunden. Wir mussten nackt in einem Raum sitzen. Jeder Teil unseres Körpers wurde vermessen, betastet, mit Tabellen verglichen und fotografiert. Auf jede Bewegung wurde geachtet. Ich fühlte mich wie ein Tier in einem Käfig. Dreimal in der Woche gingen wir ins Blutlabor. Dort wurden uns Keime und Chemikalien injiziert, und sie nahmen uns viel Blut ab. Ich habe gesehen, wie einige Zwillinge ohnmächtig wurden, weil sie so große Mengen Blut verloren. Ich glaube, die Nazis wollten wissen, wie viel Blut ein Mensch verlieren kann, ehe er daran stirbt. Die Experimente befanden sich in verschiedenen Stadien, und Mengele hatte einen unbegrenzten Vorrat an menschlichen Versuchskaninchen im Lager.

An einem verschneiten Tag, dem 27. Januar 1945, vier Tage vor meinem 11. Geburtstag, wurde Auschwitz von den Sowjets befreit, und wir waren frei. Wir waren am Leben. Wir hatten überlebt. Wir hatten über unglaublich Böses triumphiert.

Forschung muss die Menschenrechte achten

Ich habe Ihnen meine Geschichte erzählt, weil es einige wichtige Lektionen daraus zu lernen gibt: Ich, Eva Mozes Kor, eine Überlebende von Mengeles medizinischen Versuchen, habe gelernt, dass die Menschenrechte in der medizinischen Forschung ein Thema sind, mit dem man sich auseinander setzen muss. Den Ärzten und Wissenschaftlern unter Ihnen muss gratuliert werden. Sie haben einen wunderbaren und schwierigen Beruf gewählt: wunderbar, weil Sie Menschenleben retten und menschliches Leiden lindern können, aber ein schwieriger Beruf, weil Sie sich an einer Grenzlinie bewegen. Geben Sie also das moralische Versprechen, dass Sie nie und nimmer die Menschenrechte von irgend jemandem verletzen oder irgend jemandem seine Menschenwürde nehmen. Ich bitte Sie dringend, behandeln Sie Ihre Versuchspersonen und Patienten mit dem selben Respekt, den Sie an ihrer Stelle erwarten würden. Denken Sie daran, wenn Sie rein um der Wissenschaft willen und nicht für das Wohl der Menschheit forschen, haben Sie diese sehr schmale Grenzlinie bereits überschritten und Sie bewegen sich in Richtung auf die Nazi-Ärzte und die Dr.Mengeles dieser Welt zu.

Wir treffen hier als frühere Gegner zusammen. Ich hoffe, wir gehen als Freunde auseinander. Meine Landsleute, das jüdische Volk, sind arbeitsam, intelligent und fürsorglich. Mein Volk ist ein gutes Volk. Wir haben die Behandlung nicht verdient, die wir erhielten. Niemand verdient eine solche Behandlung. Ihre Landsleute, das deutsche Volk, sind arbeitsam, intelligent und fürsorglich. Ihr Volk ist ein gutes Volk. Aber Sie hätten niemals zulassen dürfen, dass einer wie Hitler an die Macht kommen konnte.

Die Bürde zweier Völker

Viel Schmerz tragen wir, das jüdische Volk, und Sie, das deutsche Volk, mit sich herum. Es hilft niemandem, wenn wir die Bürde der Vergangenheit tragen. Wir müssen lernen, uns selbst von den Tragödien des Holocaust zu heilen und unserem Volk zu helfen, seine schmerzenden Seelen zu heilen. Ich möchte, dass Sie meinen abschließenden Akt der Heilung von den Schrecken vor 56 Jahren miterleben. Ich weiß sehr wohl, dass viele meiner Mit-Überlebenden meine Art der Heilung nicht nachempfinden, unterstützen oder verstehen werden. Es gibt vielleicht auf beiden Seiten Menschen, die mir böse sein werden. Das verstehe ich. Ich glaube aber, wir sollten nicht auf ewig weiter leiden. Auf diese Art und Weise habe ich mich selbst geheilt. Ich wage zu hoffen, dass es anderen Leuten auch helfen könnte. Ich habe den Nazis vergeben. Ich habe allen vergeben.

Im Juli 1993 hatte ich einen Telefonanruf von Dr. Mihalchick vom Boston College bekommen. Er bat mich, einen Vortrag bei einer Konferenz über Nazi-Medizin zu halten. Dann fügte er hinzu: "Eva, es wäre nett, wenn Sie einen Nazi-Arzt mitbringen könnten." Ich sagte: "Dr. Mihalchick, wo soll ich einen Nazi-Arzt finden? Als ich zum letzten Mal nachsah, inserierten sie gerade nicht auf den Gelben Seiten." "Denken Sie darüber nach", sagte er. 1992 waren Miriam und ich Co-Berater für eine vom ZDF gedrehten Dokumentation über die Mengele-Zwillinge gewesen. Bei dieser Dokumentation hatten sie einen Nazi-Arzt mit dem Namen Dr. Hans Münch interviewt. Ich nahm Kontakt zum ZDF auf, um zu fragen, ob ich die Adresse und Telefonnummer von Dr.Münch haben könnte.

Treffen mit dem Täter von damals

Das war im Juli 1993. Im August 1993 kam ich vor Dr. Münchs Haus an. Ich war sehr nervös und fragte mich ständig: "Wie würde ich mich fühlen, wenn er mich wie ein Nichts behandelte - auf die Art, wie ich in Auschwitz behandelt wurde?" Dr. Münch begegnete mir jedoch mit äußerstem Respekt. Als wir uns zum Gespräch setzten, sagte ich zu ihm: "Hier sind Sie - ein Nazi-Arzt von Auschwitz - und hier bin ich - eine Überlebende von Auschwitz - und ich mag Sie, und das klingt für mich seltsam." Wir sprachen über viele Dinge. Ich fragte ihn, ob er vielleicht etwas über den Betrieb der Gaskammern wüsste. Und er sagte: "Das ist der Alptraum, mit dem ich lebe." Dann redete er weiter. Er erzählte mir vom Betrieb der Gaskammern und dass er, als die Menschen tot waren, die Totenscheine unterzeichnet hatte.

Ich dachte einen Augenblick darüber nach und dann sagte ich: "Dr. Münch, ich habe eine große Bitte an Sie: Könnten Sie bitte im Januar 1995 mit mir nach Auschwitz kommen, wenn wir den 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begehen und in Gegenwart von Zeugen ein Dokument auf den Ruinen der Gaskammern unterzeichnen über das, was Sie mir erzählt haben?" Er stimmte zu. Ich fuhr heim, voller Zuversicht darüber, dass ich ein Dokument über die Gaskammern in Auschwitz erhalten würde - ein Dokument, das mir dabei helfen würde, den Revisionisten entgegen zu treten, die behaupten, dass es keine Gaskammern gegeben hätte. Ich versuchte, mir einen Dank für Dr. Münch zu überlegen. Eines Tages fiel mir ein: "Wie wäre es mit einem Brief der Vergebung?"

"Vergebt Eurem ärgsten Feind!"

Ich begann, den Brief an Dr. Münch zu schreiben. Einer meiner Freunde stellte mir plötzlich die Frage: "Wärst Du auch bereit, Dr.Mengele zu vergeben?" Ich dachte darüber nach und kam zu dem Ergebnis, dass ich es könnte. Nun, wenn ich Dr. Mengele vergab, könnte ich genauso gut jedem verzeihen. Ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich tat. Ich wusste nur, dass ich mich dadurch innerlich gut fühlte, dass ich die Kraft dazu hatte. Im Januar 1995 kamen meine Kinder, Alex und Rina, meine Freunde und ich, und Dr.Münch mit seinen Kindern und seiner Enkelin nach Auschwitz. Am 27.Januar 1995 standen wir neben den Ruinen einer Gaskammer. Dr. Münchs Dokument wurde vorgelesen, und er unterschrieb es. Ich verlas meine Amnestie-Deklaration und unterschrieb sie dann. Ich fühlte, wie eine Bürde des Schmerzes von meinen Schultern genommen wurde. Ich war nicht länger ein Opfer von Auschwitz. Ich war nicht länger eine Gefangene meiner tragischen Vergangenheit. Ich war endlich frei. Deshalb sage ich allen: "Vergebt Eurem ärgsten Feind. Das wird Eure Seele heilen und Euch die Freiheit schenken".

Meine Vorstellungen, wie man die Schmerzen der Vergangenheit heilen kann, sind anders als die der meisten Opfer. Meiner Ansicht nach tragen die meisten Regierungen und Staatschefs der Welt schwer an dem Versuch, der Welt den Frieden zu bewahren. Meiner Meinung nach ist ihnen das jämmerlich missglückt, weil sie die Überlebenden von Tragödien wie dem Holocaust nicht aufgefordert, nicht ermutigt und es ihnen nicht erleichtert haben, ihren Feinden zu vergeben, was einen Akt der Selbstheilung darstellen würde. Die meisten Regierungen und Staatschefs der Welt empfehlen und unterstützen nur eine Sache: Gerechtigkeit. Gerechtigkeit existiert nicht, und durch ihre Forderung nach Gerechtigkeit verdammen sie die Opfer zu lebenslänglichem Leiden.

Ein Erbe aus Schmerz und Scham

Lassen Sie uns ein mögliches Vorgehen untersuchen, das die Dinge sowohl für die Opfer als auch für die Täter hätte verändern können. Alle Nazi-Verbrecher wären ermutigt worden, sich zu stellen und sich zu den von ihnen begangenen Verbrechen zu bekennen, als Gegenleistung für ihre Freiheit. Die Verbrecher oder Täter müssten außerdem fünf bis zehn Jahre lang eine finanzielle Wiedergutmachung leisten, und diese Gelder kämen in einen besonderen Versöhnungsfonds, um den Opfern dabei zu helfen, ihr Leben neu aufzubauen. Sowohl die Opfer als auch die Täter hätten - durch die Verbalisierung ihrer schmerzlichen Erinnerungen - sofort den Heilungsprozess einleiten können. Doch es war so, dass die Opfer schwiegen und litten. Die Täter schwiegen, litten und versteckten sich.

Zu all dem kam noch die Tragödie dazu, dass die Opfer ihren Kindern ein Erbe aus Schmerz, Angst und Wut weitergaben. Auch die Täter gaben an ihre Kinder ein Erbe aus Schmerz, Scham und Angst weiter. Wie können wir eine gesunde, friedliche Welt gestalten, solange alle diese schmerzhaften Vermächtnisse unter der Oberfläche weiter wirken? Ich sehe eine Welt, in der die Staatschefs durch Gesetzgebung den Akt der Vergebung, Amnestie und Versöhnung empfehlen und unterstützen - anstelle von Gerechtigkeit und Rachsucht. Wir haben in Bosnien, im Kosovo und in Ruanda gesehen, dass die Opfer zu Tätern und die Täter zu Opfern geworden sind. Lassen Sie uns etwas Neues ausprobieren, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen!

Ich möchte auch noch ein Zitat aus meiner Amnestie-Deklaration anfügen: "Ich hoffe, der Welt wenigstens im Kleinen eine Botschaft der Vergebung zu vermitteln, eine Botschaft des Friedens, der Hoffnung, der Heilung. Sorgen Sie dafür, dass es nie wieder Krieg gibt, nie wieder Experimente ohne vorherige Aufklärung und Zustimmung der Betroffenen, nie wieder Gaskammern, nie wieder Bomben, nie wieder Hass, nie wieder Töten, nie wieder so etwas wie Auschwitz."

Danke.«

Auschwitz und Dr. Josef Mengele

Auschwitz (im damals deutsch besetzten Polen gelegen) war das größte deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager während der Zeit des "Dritten Reiches". 1940 von Heinrich Himmler initiiert, ist Auschwitz I zunächst deutschen und polnischen Gefangenen vorbehalten. 1942 kommt Auschwitz II (Birkenau) hinzu, welches hauptsächlich die so genannte Endlösung zum Ziel hat, die Vernichtung der Juden durch Vergasung. Später kommt noch Auschwitz III, ein Zwangsarbeiterlager, hinzu.

Durch regelmäßige Selektion der Häftlinge wird maximale Arbeitsleistung erzwungen; wer auf Grund von Erschöpfung oder Krankheit nicht mehr arbeiten kann, wird vergast oder für medizinische Forschung "verwendet". Der berüchtigte Dr.Josef Mengele (geb. 1911 in Günzburg, gest. 1979 in Brasilien), dem man den Beinamen "Todesengel" gab, wird von Himmler 1943 nach Auschwitz beordert. Er übernimmt als Chefarzt die medizinische Leitung der Menschenversuche, die an KZ-Häftlingen durchgeführt werden. Gegenstand der Versuche sind u.a. pseudowissenschaftliche Rassenstudien mit dem Ziel einer schnelleren Vermehrung der "arischen Rasse". Die Gesamtzahl der Todesopfer von Auschwitz beträgt nach Schätzungen zwischen 1.000.000 und 4.000.000 Häftlingen.

Quelle: Enzyklopaedia Britannica

Eva Mozes Kor und ihre Zwillingsschwester Miriam wurden 1934 in Portz, Rumänien, geboren. 1944 wurden sie von der Nazi-treuen ungarischen Besatzungsmacht in ein Ghetto deportiert und später nach Auschwitz gebracht. Bis zur Befreiung des Vernichtungslagers durch die Sowjet-Armee (Januar '45) waren beide Opfer der medizinischen Experimente Dr. Josef Mengeles. Eva lebte nach dem Krieg in Rumänien, Israel und den USA. 1960 heiratete sie den US-Bürger Michael Kor und bekam von ihm zwei Kinder. Heute setzt sie sich in Vorträgen und mit ihrem C.A.N.D.L.E.S.-Museum für Gedenken und Versöhnung ein.

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